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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 24.09.2017

Weibliche Schiedsrichter im FußballVon der Kunst, sich in schwierigen Situationen durchzusetzen

Von Wolf-Sören Treusch

Bundesliga, Hertha BSC - Werder Bremen, 3. Spieltag am 10.09.2017 im Olympiastadion in Berlin. Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus und Theodor Gebre Selassie.  (dpa / picture alliance / Soeren Stache)
Bundesliga, Hertha BSC - Werder Bremen, 3. Spieltag am 10.09.2017 im Olympiastadion in Berlin. Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus und Theodor Gebre Selassie. (dpa / picture alliance / Soeren Stache)

Als Bibiana Steinhaus zum ersten Mal ein Fußballspiel der Männer pfiff, gab es viel Widerspruch und Spott. Weibliche Schiedsrichter sind echte Mangelware im Fußball - doch die 17-jährige Felizitas Schlechta ist eine der Frauen, die sich hier behaupten.

Manche Fußballspiele sind schon vor dem Anpfiff entschieden, wenn die einen viel lauter brüllen als die anderen. Wie beim C-Juniorinnen-Spiel 1. FC Union Berlin gegen Türkyiemspor. Nach fünf Minuten steht es 1:0, am Ende gewinnt Union 8:0.

Entsprechend leicht hat es die Schiedsrichterin: Felizitas Schlechta, 17 Jahre alt, seit einem Jahr ausgestattet mit der Lizenz zum Pfeifen. Ihre Körpersprache ist eindeutig, ihr Stellungsspiel gut, ihre Spielleitung überzeugend. Man nimmt ihr ab, dass sie sich auch in schwierigen Situationen durchsetzen kann:

"Keine Autoritätsprobleme. Im Endeffekt entscheide ich immer noch, und wenn es dann zum Beispiel einen Trainer gibt, der lautstark wurde - das gab es auch schon mal - dann geht man halt raus, redet mit dem, und wenn er sich dann nicht beruhigt, dann wird er halt des Innenraums verwiesen."

"Es ist toll, mal Chef zu sein" 

Felizitas beherrscht das Schiedsrichter-Regelwerk. Das gibt ihr die nötige Sicherheit, klar und präzise zu entscheiden. Sie will, dass es gerecht zugeht auf dem Fußballplatz. Das war der Hauptgrund für sie, den Schiri-Schein zu machen. Ein zweiter: das Heft in der Hand haben, Verantwortung übernehmen.

"Ja, auf jeden Fall ist es cool. Einerseits ist man sozusagen der Chef, aber dafür hat man auch ganz schön viel zu tun und muss auf ganz schön viel achten, also manchmal wäre man froh, wenn man nicht die Entscheidung treffen müsste, wenn man sich unsicher ist, aber andererseits ist es natürlich auch super zu sagen, es ist ein toller Moment, wenn man etwas genau gesehen hat, wie jetzt zum Beispiel den Elfmeter genau gesehen hat, das war ein Handspiel, kann man super sagen, hat ein super reines Gewissen und weiß, ja, seine Entscheidung war richtig, dann ist es auch toll, mal Chef zu sein sozusagen."

Anja Matthes, die Betreuerin von Union Berlin, ist jedenfalls sehr angetan von der Leistung der jungen Schiedsrichterin.

"Aber ansonsten ist auch im Jugendbereich wenig Weibliches und wenns weiblich ist, dann hatten wir schon Spiele, wo wir einige hatten, die halt nicht so gut gepfiffen haben."

Nachwuchs-Schiedsrichterin Felizitas Schlechta (Deutschlandradio / Wolf-Sören Treusch)Nachwuchs-Schiedsrichterin Felizitas Schlechta (Deutschlandradio / Wolf-Sören Treusch)

Bei den Schiri-Frauen hat der deutsche Fußball ein Nachwuchsproblem. Gerade mal drei Prozent aller deutschen Schiedsrichter sind weiblich. In Berlin sieht es kaum besser aus: Da sind es vier Prozent. In absoluten Zahlen: 50 von 1.200. Jörg Wehling, oberster Schiedsrichterboss im Berliner Fußball-Verband, ist ratlos.

"Wir haben auch eigene Anfängerlehrgänge versucht zu organisieren für junge Frauen oder für Mädchen, zu sagen 'Nee, ihr müsst auch nicht in einem Umfeld sein, wo viele Männer dabei sind, sondern wir bieten euch eine vernünftige Atmosphäre dafür', es ist nicht angenommen worden. Also da kommt aus den Vereinen heraus ganz, ganz wenig Impulse, die sagen 'Jawoll, ich möchte Schiedsrichterin werden’."

Ursachenforschung? Schwierig, sagt er. Und nennt doch einen möglichen Grund.

"Diesen Automatismus, den wir bei vielen Jungens haben: ‚ich kann das besser, ich glaube, der bessere Schiedsrichter zu sein als die, die ich da jedes Wochenende sehe’, diese Motivation bringen ganz, ganz wenige Frauen mit."

Bibiana Steinhaus taugt als Vorbild

Fehlender Ehrgeiz? Für Felizitas kein Thema. Sie setzt sich Ziele. Eines hat sie vor zwei Wochen erreicht: Da hat sie erstmals im Team gepfiffen, als Assistentin an der Linie.

"Natürlich wäre es toll, irgendwann im Herrenbereich zu pfeifen, weil: Da geht’s dann los damit aufzusteigen, auch als Schiedsrichter, das funktioniert genauso wie als Mannschaft auch, und das wäre natürlich auch ein tolles Erlebnis. Aber muss mal schauen."

So zielstrebig, wie Bibiana Steinhaus ihre Karriere angegangen ist, die mit 20 bereits in der Frauen-Bundesliga pfiff und nun Spiele in der Männer-Bundesliga leitet, so zielstrebig ist Felizitas nicht. Aber als Vorbild tauge Bibiana auf alle Fälle, sagt sie.

"Sie hat auch ein megasouveränes Auftreten, und ich glaube, das musst du dann auch wirklich haben. Und diesen Blick, wo ich genau stehen muss, um irgendwelche wichtigen Entscheidungen zu treffen, das ist, glaube ich, die Quintessenz dahin, überhaupt so weit zu kommen. Ich hoffe, dass dadurch auch sich mehr Mädchen bewerben, Schiedsrichterin zu werden, weil ich keinen Grund sehe, warum es so wenig Schiedsrichterinnen gibt."

Nächstes Jahr macht Felizitas Schlechta Abitur. Wie es dann weiter geht, ob sie studiert, ob sie in Berlin bleibt, sie weiß es noch nicht. Logisch. Ob dann noch Zeit fürs Schiedsrichtern bleibt wird sich zeigen.

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