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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.04.2010

Wege einer Frau

Michaela Diers: "Bettine von Arnim", dtv premium, München 2010, 239 Seiten

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Die Schriftstellerin Bettina von Arnim (1785-1859). (British Museum)
Die Schriftstellerin Bettina von Arnim (1785-1859). (British Museum)

Pünktlich zum 225. Geburtstag widmet die Germanistin Michaela Diers der Schriftstellerin Bettina von Arnim eine Biografie. Sie gilt als bedeutende weibliche Stimme des 19. Jahrhunderts, auch wenn ihre literarische Leistung umstritten ist.

Sie kannte Ivan Turgenev, Michail Bakunin, Ludwig van Beethoven und begegnete 1842 Karl Marx in Bad Kreuznach. Mit Johann Wolfgang Goethe, der sie "das wunderlichste Wesen von der Welt" nannte, verkehrte sie zwischen 1807 und 1811. Nach dem Freitod der befreundeten Dichterin Karoline von Günderrode im Jahr 1806 führte sie sogar mit Goethes Mutter – als eine Art Selbsttherapie – intensive Gespräche. Sie bilden die Grundlage ihres literarischen Debüts "Goethes Briefwechsel mit einem Kinde" von 1835: eine Art Briefroman, mit dem sie selbstbewusst die Authentizität des Briefes zur Kunstform erhebt.

Catharina Elisabetha Ludovica Magdalena Brentano, verheiratete Bettina von Arnim, "vulgairement genannt Bettina", wurde am 4. April 1785 im sogenannten "Goldenen Kopf", einem stattlichen Handelshaus in Frankfurt, geboren; sie starb 1859. Pünktlich zum 225. Geburtstag widmet die Germanistin Michaela Diers dieser bedeutenden weiblichen Stimme des 19. Jahrhunderts eine Biografie. Denn trotz der Faszination, die von ihrem Namen ausgeht, wird oft genug die literarische Qualität ihres Schaffens bezweifelt und ihr Werk in die Ecke engagierter Frauenforschung verbannt. Deshalb kommt die Autorin in ihrer Darstellung auch zügig auf die Schriftstellerin zu sprechen. Diers macht die Frage, ob nicht das Jahr des literarischen Debüts Bettina von Arnims eigentliches Geburtsjahr sei, zum Zentrum des Diskurses.

In 15 Kapiteln mit Richtung weisenden Titeln wie "Die Schwebereligion", "Die Günderrode", "Dieses Buch gehört dem König" oder "Der Revolution entgegen" geht es ihr darum, die singuläre Leistung der Schreibenden zu betonen. Die Autorin greift dabei einen Ansatz auf, den bereits Ingeborg Drewitz in ihrer Biografie von 1969 verfolgte. Erst danach rückten Gerhard und Christa Wolf Bettine von Arnims Werk in den Kanon, wurden die Archive durchforscht und ihr literarisches Werk, den Erstausgaben folgend, neu ediert.

Diers versieht ihre Abhandlung mit einer Vielzahl von Zitaten, um die auf das Werk bezogenen Thesen und Wertungen zu diskutieren. Am Ende der Kapitel finden sich jeweils Schlussworte: Diese nachgereichten Kommentare irritieren zwar optisch, da sie an Lehrsätze oder Lernschemata erinnern, verstehen sich inhaltlich wie argumentativ aber als sinnreiche Ergänzungen. So wird im "Günderrode"-Kapitel über die Bedeutung des Philistertums nachgedacht, in "Goethes Briefwechsel mit einem Kinde" über den Begriff der Sehnsucht reflektiert, der im Zeitkontext von besonderer Bedeutung ist.

Michaela Diers zeigt eindrucksvoll, dass Bettina von Arnim nicht nur mit ihrem "Günderrode"-Buch (1840) eine eigene Sprachform innerhalb der männlichen Kulturtradition begründet hat – und dass sie durch ihr "Königsbuch" von 1843 und das "Armenbuchprojekt" auch als politische Publizistin bereits zu Lebzeiten großen Respekt wie strikte Ablehnung erfahren hat.

Besprochen von Carola Wiemers

Michaela Diers: Bettine von Arnim
dtv premium, München 2010
239 Seiten, 14,90 Euro

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