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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 03.12.2019

Weg von Eisbären und AlarmismusWie wir über den Klimawandel sprechen sollten

Von Annette Kammerer

Ein Teilnehmer der Demonstration für Klimaschutz von Fridays for Future und Extinction Rebellion zum Klimastreik in Bielefeld trägt einen Aufkleber mit der Aufschrift "Ich klimaschütze jetzt!". (picture alliance / Robert B. Fishman)
Die Bereitschaft zu handeln, habe sich zwischen 2015 und 2018 nicht verändert, sagt Klimakommunikationsforscher Michael Brüggemann. (picture alliance / Robert B. Fishman)

Alle reden über die Klimakrise. Doch wie und was bringt das? Viel zu wenig, meinen Wissenschaftler. Sie plädieren für Realismus und Hoffnung in der Berichterstattung. Beispiele und Bilder sollten näher an der Lebenswelt der Menschen sein.

"Eisbären sind perfekt an die extreme Kälte in der Arktis angepasst."

Ein Eisbär stapft über arktisches Packeis. Kleine Eisschollen treiben vorbei. Ein Eisbär-Junges wälzt sich im Schnee. Ach, es könnte so schön sein.

"Doch: Das Packeis schmilzt. Der Klimawandel killt die Eisbären. Helfen Sie jetzt. Werden Sie Pate auf Rette-den-Eisbären."

Die Ikone des Klimawandels

Ein typisches Video aus der Werbung: wer kennt es nicht?! Große Naturschutzbünde werben für den Klimaschutz. Und zeigen: einen Eisbären. Das Opfer des menschengemachten Klimawandels: "Tu was fürs Klima, rette den Eisbär!"

"Mittlerweile ist der Eisbär die Ikone des Klimawandels", sagt Toralf Staud, Wissenschaftsredakteur.

"Fast immer, wenn eine Zeitung über Klimawandel schreibt, macht sie das mit einem Eisbär, am liebsten auf einer Scholle, die ihm unter den Tatzen wegschmilzt."

Toralf Staud hat vor einigen Jahren ein eigenes Web-Portal gegründet: Klimafakten. Dort kommuniziert er den Klimawandel. Oder genauer gesagt: Dort übersetzt er wissenschaftliche Erkenntnisse in eine Sprache, die jeder verstehen kann. Welches Bild er dafür nie benutzt – das vom Eisbären.

"Ja, es betrifft den Eisbären irgendwo da oben in der Arktis. Der ist zwar niedlich, aber wenn er weg ist, was geht mich das an? Also dieses Eisbären-Bild schafft zugleich eine psychologische Distanz zwischen dem Thema Klimawandel und mir. Ich glaube, es geht mich nichts an, sondern es geht den Eisbären was an. Ich und heute, nein, ich hab Dringenderes zu tun."

Welche Wirkung hat die Berichterstattung?

"So Hallo, hallo zusammen. Wir fangen gleich an, wir verlieren keine Zeit."

Michael Brüggemann steht vor einer Hand voll Studenten. Sie haben Laptops vor sich. An der Wand hinter ihnen kleben Zettel. Darauf Schlagwörter wie: "Grüner Journalismus".

"Ein Input von mir, was wir darüber wissen, wie Journalismus wirkt in Bezug auf den Klimawandel. Welche Studien es vielleicht gibt."

Michael Brüggemann ist Professor für Klimakommunikation. Ein in Deutschland einmaliger Lehrstuhl.

Er untersucht zum einen, wie über den Klimawandel berichtet und gesprochen wird, zum anderen, was das für Folgen hat.

"Die Debatte schwankt eigentlich über die Jahre zwischen kurzer, intensiver Aufmerksamkeit und dann wieder einem Vergessen des Themas und zwischen starkem Alarmismus ‚Die Welt geht unter‘ und eben Verharmlosung des Themas oder Vernachlässigung."

Die Motivation etwas zu tun, ist nicht gewachsen

Rund um den Klimagipfel kommt schnell das Gefühl auf: So viel Klima war noch nie. Doch das Interesse an dem Thema war schon einmal so groß: 2007. Damals stellten 2500 Wissenschaftler im UN-Klimabericht fest: Der Klimawandel ist menschengemacht. Und er ist nicht mehr zu stoppen. Das war vor 12 Jahren.

Was nach den Mega-Events zum Klima bei Menschen tatsächlich hängen bleibt, das hat Brüggemann in einer repräsentativen Umfrage untersucht: "Und da sehen sie hier diese Nullen und diese fehlenden Sternchen."

Brüggemann hat vor, während und nach mehreren Klimagipfeln gefragt, was Menschen über den Klimawandel wissen. Die Antwort ist ernüchternd. Obwohl viel berichtet wird, bleibt bei Menschen wenig bis gar kein Inhalt hängen. Und wenn dann sind es nur Schlagworte. Das 2-Grad-Ziel beispielsweise, das von Politikern mantraartig wiederholt wird.

Auch etwas anderes hat die Umfrage gezeigt. "Also die Motivation zu sagen, ich selber muss was tun, ist nicht angestiegen und die Verantwortungszuweisung Deutschland muss vorangehen, ist nicht angestiegen. Stattdessen ist die Zuversicht angestiegen, dass die globale Klimapolitik das schon machen wird."

Klimakrise konkurriert mit anderen Sorgen

Eisbären vor Eisschollen, Politiker auf Klimagipfeln – der dritte Klassiker in der Berichterstattung zum Klimawandel: Die Apokalypse. Der Untergang.

"Extremwetter. Der Norden leidet unter den Folgen."

Ob auf dem Spiegelcover oder in der #wetterextrem-Filmreihe beim Norddeutschen Rundfunk. "Es gibt Studien, die zeigen wir haben nur einen begrenzten Pool an Sorgen, mit denen wir uns befassen können und die miteinander konkurrieren. Und das sind die, die näher bei uns dran sind, also, die uns stärker betreffen."

Felix Peter ist Diplompsychologe. Als Teil der "Psychologists for Future" Bewegung bietet er Seelsorge für Klimaschützer an. Und versucht zu erklären, warum auch heute noch – mehr als 30 Jahre nach den ersten Klimaberichten – Menschen den Klimawandel ignorieren.

"Die reine Verbreitung von Panik oder von knallharten Klimafakten im Sinne das und das und das wird passieren, ist nicht hilfreich, weil Menschen auch dann immer noch versuchen, symbolisch auszuweichen, weil sie sich dann nicht in der Lage sehen, da was zu tun."

Klimaschutz als Mammutaufgabe, vor der der einzelne Mensch ganz klein wird.

Nah am Erleben des Publikums bleiben

Der Journalist Staud, der Forscher Brüggemann und auch der Psychologe Peter: Sie alle sind sich einig, dass sich ändern muss, wie Medien über den Klimawandel berichten und wie wir darüber reden.

Der Wissenschaftsredakteur Staud hat deshalb zusammen mit einer britischen Organisation eine eigene Fotodatenbank in Deutschland gelauncht.

"Man sollte Fotos nehmen, die beispielsweise nah am Erleben sind des hiesigen Publikums. Man sollte den Klimawandel hier und heute zeigen, denn es gibt ja auch schon hier und heute Folgen des Klimawandels, die sichtbar und ziemlich deutlich sind."

Hoffnung verbreiten, um Handeln zu ermöglichen

Also: Keine Eisbären mehr, weniger Politiker und Apokalypse nur wenn damit auch Mut gemacht wird.

Oder wie Professor Brüggemann seine Studenten lehrt: "It’s bad, it’s us, it’s real, scientists agree, there is hope."

Es ist schlimm, es ist real, es geht uns etwas an, Wissenschaftler sind sich einig – aber da ist auch Hoffnung.

Reporter: "Sicher ist, unser Handeln hat Konsequenzen, weil wir viele sind und auf einem verdammt kleinen Planeten leben."

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