Seit 15:05 Uhr Interpretationen

Sonntag, 16.12.2018
 
Seit 15:05 Uhr Interpretationen

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 11.11.2012

Websurfen per Kontaktlinse

Michio Kaku: "Die Physik der Zukunft - Unser Leben in 100 Jahren", Rowohlt 2012, 608 Seiten

Podcast abonnieren
Zukunftsvision: Per Kontaktlinse online - Sensoren leiten Informationen direkt ans Gehirn. (AP)
Zukunftsvision: Per Kontaktlinse online - Sensoren leiten Informationen direkt ans Gehirn. (AP)

Michio Kaku hat über 300 Forscher zu Technologien interviewt, die in den nächsten hundert Jahren zur Reife kommen könnten. Entstanden ist ein höchst spannender und erhellender Blick in die Laboratorien, in denen Prototypen von Computern der Zukunft, von intelligenten Robotern oder von Nanoautos entstehen.

Wie schade ist es doch, nicht erst in 100 Jahren geboren worden zu sein. Denn dann hat das Leben im Vergleich zu heute einige Vorteile, glaubt man Michio Kaku, der zu den bekanntesten Physikern der USA zählt.

In 100 Jahren werden wir Computer mit unseren Gedanken steuern, Worte wie Energieknappheit oder Krebstumor gehören der Vergangenheit an und vor allem: Der Mensch wird mindestens 150 Jahre alt, falls er überhaupt stirbt. All das ist möglich, weil wir zu diesem Zeitpunkt die Naturgesetze nicht mehr nur nutzen, sondern die Natur beherrschen – den Göttern gleich.

Das klingt berauschend, aber auch nach Hybris und Phantasterei. Dieser Schein jedoch trügt. Das Spannende an Michio Kakus Vision ist, dass er neben dem Mut, das Undenkbare zu denken, auch zeigt, wie es funktionieren kann. Der Physiker geht in seinem Buch davon aus, dass die kommenden Jahrzehnte durch Erkenntnisse der Wissenschaft und durch neue Technologien bestimmt sein werden. Da die Grundlagen der modernen Physik, Chemie oder Biologie bereits gelegt sind, könne er, wenn er Wissenschaftler unserer Zeit befragt, treffende Voraussagen über die Zukunft zu machen. Nach dem Vorbild von Jules Verne und Leonardo da Vinci hat Michio Kaku deshalb über 300 Forscher zu Technologien interviewt, die in den nächsten hundert Jahren zur Reife kommen könnten.

Entstanden ist ein höchst spannender und erhellender Blick in die Laboratorien, in denen Prototypen entstehen von Computern der Zukunft, von intelligenten Robotern, von Kernfusionen und von Nanoautos, die im menschlichen Körper gezielt Krebszellen aufspüren.

Erhellend ist dies deshalb, weil erst durch die detaillierte Beschreibung der Forschungsergebnisse, die auch für Laien weitgehend verständlich ist, realistisch erscheint, was sich eigentlich nach reiner Science Fiction anhört. Gedankensteuerung von Computern etwa ist denkbar, ebenso wie die Kontaktlinse, mit der wir immer online sein und auf unendlich viele Informationen zugreifen können. Denn Computerchips werden immer kleiner, können immer mehr Informationen speichern und längst wird an Sensoren gearbeitet, die Signale aus dem Gehirn an einen Computer weitergeben. Und auch unendliches Leben wird vorstellbar, wenn man erfährt, dass die Biotechnologie daran arbeitet, Körperteile zu züchten und die Genforschung dafür sorgen könnte, den Alterungsprozess zu stoppen.

Bleibt die Frage, wie viel Menschliches vom Menschen bleibt, wenn wir uns immer mehr in digitalen Welten bewegen, gläsern und unsterblich sind und vielleicht sogar von intelligenten Robotern überflügelt werden. Hier verweist Michio Kaku auf das "Höhlenmenschenprinzip", wonach wir technischen Fortschritt immer dann zurückweisen, wenn er unserer Natur widerspricht – worin auch immer die bestehen mag. Konkreter wird der Physiker dabei nicht, bleibt jedoch optimistisch. Die Dominanz des Menschen über die Technik ist für ihn gesetzt. Gleichzeitig weist er auf Risiken hin, mit denen man bewusst umgehen solle. Künstlich hergestellte embryonale Stammzellen etwa, aus denen Körperteile gezüchtet werden, können unkontrolliert zu Krebszellen entarten. Die Faszination seiner Zukunftsentwürfe mindert das aber nicht.

Besprochen von Vera Linß

Michio Kaku: Die Physik der Zukunft - Unser Leben in 100 Jahren
Aus dem Englischen von Monika Niehaus
Rowohlt Verlag, Reinbek 2012
608 Seiten, 24,95 Euro

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur