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Interview / Archiv | Beitrag vom 12.05.2020

WDR-Journalistin wirft Giscard d’Estaing sexuelle Belästigung vor"Seine Hand ist dann auf meine Gesäßhälfte gerutscht"

Ann-Kathrin Stracke im Gespräch mit Liane von Billerbeck

Der ehemalige französische Präsident Valery Giscard d'Estaing bei der Trauerfeier für den ehemaligen deutschen Bundeskanzler Helmut Schmidt in der Sankt-Michaelis-Kirche in Hamburg am 23. November 2015. (Getty Images Europe / Sean Gallup)
Die Zudringlichkeit hätte im Anschluss an ein Interview in den Büroräumen von Giscard d’Estaing in Paris stattgefunden, sagt Ann-Kathrin Stracke. (Getty Images Europe / Sean Gallup)

Die Journalistin Ann-Kathrin Stracke hat den 94-jährigen ehemaligen französischen Staatspräsidenten Giscard d’Estaing wegen sexueller Belästigung angezeigt. Sie habe sich diesen Schritt "sehr lange und sehr genau überlegt", sagt sie.

Die WDR-Journalistin Ann-Kathrin Stracke hat gegen den ehemaligen französischen Staatspräsidenten Valéry Giscard d’Estaing (* 1926) Strafanzeige wegen sexueller Belästigung gestellt. Die Ereignisse, die sie Giscard d’Estaing zum Vorwurf macht, datieren vom Dezember 2018. Die Anzeige wurde im März 2020 gestellt, was nun öffentlich geworden ist.

"Ich habe mir sehr, sehr lange und sehr genau überlegt, was es bedeutet, diesen Schritt zu gehen", sagt Stracke in unserem Programm. Das habe Zeit gebraucht.

Porträt von Ann Kathrin Stracke. (privat)Der WDR wirft dem französischen Ex-Staatspräsidenten Giscard d'Estaing vor, seine Mitarbeiterin Ann Kathrin Stracke sexuell belästigt zu haben. Sie hat Strafanzeige gegen den 94-Jährigen erstattet. (privat)

Der Westdeutsche Rundfunk habe sie unterstützt und ihr die Möglichkeit gegeben, den Vorfall durch eine externe Anwaltskanzlei aufarbeiten zu lassen.

Bei einem gemeinsamen Erinnerungsfoto begrapscht

Die Zudringlichkeit, um die es geht, hätte im Anschluss an ein Interview in den Büroräumen von Giscard d’Estaing in Paris stattgefunden. Stracke habe den ehemaligen Präsidenten um ein Erinnerungsfoto mit dem ganzen Team gebeten.

"Wir haben das Foto aus technischen Gründen nochmal wiederholt. Und sowohl beim ersten Mal als auch beim zweiten Mal hat er seinen Arm um mich gelegt, auf meine Taille, und seine Hand ist dann auf meine Gesäßhälfte gerutscht", berichtet Stracke. 

"Daraufhin hat er mich gefragt, ob wir noch Bilder anschauen gehen, Erinnerungsstücke, die an seiner Wand hängen", so die Journalistin. "Und da ist im Endeffekt noch mal das Gleiche passiert. Wieder hat er seinen Arm auf meine Taille gelegt, seine Hand ist auf mein Gesäß gerutscht und da verharrt."

Kameramann wirft schließlich eine Lampe um

Sie habe jedes Mal versucht, die Hand des Mannes wegzudrücken. Sie habe sich dann umgedreht und ihrem Kameramann Blicke zugeworfen, der dann eine Lampe umgeworfen habe, um die Situation aufzulösen.

Negative Konsequenzen für ihren weiteren Berufsweg fürchtet Stracke nicht. Wenn doch, fände sie das "sehr traurig und sehr bedauerlich für unsere Gesellschaft und unsere Demokratie, in der wir leben".

(huc)

Ann-Kathrin Stracke arbeitet gelegentlich als freie Autorin für den Deutschlandfunk.


Das Interview im Wortlaut:

Liane von Billerbeck: Dieses Gefühl kennen viele Frauen, auch Journalistinnen: Wenn sie jemand begrapscht, dann ist man zwar empört, überlegt sich aber oft, ob es sich lohnt, das ganz große Fass aufzumachen, in der Angst, dass es vielleicht doch auf einen zurückfällt, berufliche Nachteile bringt. Sowas.

Ann-Kathrin Stracke wird sich das auch überlegt haben. Im Fall der WDR-Reporterin war es immerhin ein ehemaliger französischer Staatspräsident, dem sie sexuelle Belästigung vorwirft, Valéry Giscard d’Estaing von 1974 bis '81 Staatspräsident Frankreichs. Wir wollen jetzt mit Ann-Kathrin Stracke reden. Es ist das erste Live-Interview, das sie gibt, und wieso sie sich entschlossen hat, den einstigen Staatspräsidenten Frankreichs wegen sexueller Belästigung anzuzeigen und die Vorwürfe öffentlich zu machen, das ist jetzt unser Thema. Frau Stracke, was ist bei dem Interview, das Sie mit dem ehemaligen französischen Staatspräsidenten geführt haben, geschehen?
 
Ann-Kathrin Stracke: Also bei dem Interview – um das Missverständnis direkt auszuräumen, weil das wird hin und wieder so formuliert, dass man es so oder so verstehen kann – ist erst mal gar nichts passiert. Also ich habe das Interview geführt, auf Französisch, das ist gut gelaufen. Und nach dem Interview haben wir ihn gefragt, also habe ich ihn gefragt, ob die Möglichkeit besteht, noch ein Erinnerungsfoto zu machen, mit meinen Kollegen, die dort mit in Paris waren. Das haben wir gemacht, wir haben das Foto aus technischen Gründen noch mal wiederholt, und sowohl beim ersten Mal, als seine Mitarbeiterin, die mit im Raum war, das Foto gemacht hat, als auch beim zweiten Mal hat er sozusagen seinen Arm um mich gelegt, auf meine Taille, und seine Hand ist dann auf meine Gesäßhälfte gerutscht.

Das ist, wie gesagt, beim ersten Mal passiert und beim zweiten Mal.

Daraufhin hat er mich gefragt, ob wir noch Bilder anschauen gehen, Erinnerungsstücke, die an seiner Wand hängen, also Fotos, die ihn zeigen mit großen Politikern, Fotos, auf denen seine Familie zu sehen ist, Fotos, die Szenen aus seinem Leben zeigen, die zu der Zeit an der Wand in seinem Büro hängen. Und da ist im Endeffekt noch mal das gleiche passiert. Wieder hat er seinen Arm auf meine Taille gelegt, seine Hand ist auf mein Gesäß gerutscht und da verharrt.

Ich habe jedes Mal versucht, seine Hand wegzudrücken, weil das eine maximal unangenehme Situation war, aus der ich auch selber nicht rausgekommen bin. Während wir die Bilder angeschaut haben, habe ich mich umgedreht und meinem Teamkollegen Blicke zugeworfen, und im Endeffekt hat der Kameramann nachher reagiert und hat einen Lampenschirm umgeworfen, von einer Lampe, die auf dem Regal stand, das sozusagen den Weg beschränkt hat rechts von mir, weil ich dort nicht weitergekommen bin.

Internationale Presseresonanz 

Billerbeck: Das Geschehen, das Sie da eben geschildert haben und dass Sie Giscard d’Estaing vorwerfen, das liegt ja schon einige Zeit zurück, war im Dezember 2018, die Strafanzeige wegen sexueller Belästigung haben Sie am 10. März 2020 gestellt, und erst in der vorigen Woche sind Sie damit an die Öffentlichkeit gegangen. Sie haben offenbar lange gezögert. Wieso jetzt die Entscheidung, diese Vorwürfe öffentlich zu machen?
 
Stracke: Na ja, Valéry Giscard d’Estaing ist ein ehemaliger französischer Staatspräsident, und ich habe mir sehr, sehr lange und sehr genau überlegt, was es bedeutet, diesen Schritt zu gehen, sowohl eine Strafanzeige zu stellen als auch das öffentlich zu machen und eine Debatte darüber anzustoßen, was das für Konsequenzen hat. Das braucht Zeit, um sich die Gedanken sozusagen zu machen, aber auch, um gewisse Dinge zu diskutieren und die Strafanzeige vorzubereiten. Eine Anzeige dauert natürlich keine 18 Monate, um die zu machen, aber alles zusammen hat eben solange gedauert.
 
Billerbeck: Die Nachricht hat ja in Frankreich viel Beachtung gefunden, auch internationale Medien, die "New York Times", der "Guardian" haben inzwischen darüber berichtet. Wie fühlt es sich an, wenn man als Journalistin plötzlich selbst im Zentrum so eines Nachrichtensturms steht?
 
Stracke: Na ja, als Journalistin habe ich ja häufig genug mitbekommen, wenn Kollegen sozusagen das passiert es oder wenn anderen Menschen das passiert ist, über die wir berichtet haben. Insofern war es gewissermaßen antizipierbar, erwartbar, also zu sehen, was da kommt. Aber wenn man selber davon betroffen ist und das liest, hat das noch mal eine andere Dimension, wenn Menschen – ich kann mal ein paar Beispiele sagen – infrage stellen, ob ich beim Interview überhaupt im Raum war und das Interview geführt habe, wenn sie auf Twitter Umfragen machen ohne jegliches Wissens über diesen Fall, ob ich das jetzt mache, ob das wirklich passiert ist oder ob ich diesen Schritt aus Karrieregründen tun würde. Und so weiter und so fort, also die Liste ist lang. Oder mich einfach als Lügnerin beschimpfen. Also das hat es alles gegeben, aber auf der anderen Seite möchte ich auch sagen, dass ich von ganz, ganz vielen Unterstützung bekommen habe und auch von Menschen, die mir bis dato unbekannt waren und immer noch unbekannt sind, auch Männer und Frauen gleichermaßen, die mir persönlich geschrieben haben, um sich zu bedanken für diesen Schritt und mir ihren Respekt ausgedrückt haben vor der Sache, die ich dort getan habe.

Unterstützung durch den WDR

Billerbeck: Wir wollen natürlich auch nicht vergessen, die Reaktion aus dem Büro von Giscard d’Estaing, hier öffentlich zu machen. Er selbst hat sich nicht geäußert, und auf Anfrage der DPA hieß es dann auch, Giscard d’Estaing werde dazu auch keine Stellung beziehen. Der Ex-Staatschef betrachte das Ganze aber zugleich als einen besonders unwürdigen und verletzenden Medienangriff. Der WDR, Frau Stracke, Sie erinnern sich, der hatte selbst einen großen MeToo-Skandal. Mehrere Mitarbeiterinnen hatten Fälle sexueller Belästigung Öffentlichkeit gemacht. Es gab eine große Aufarbeitung, mehrere Personen mussten Posten räumen, ein ehemaliger Auslandskorrespondent wurde entlassen. Wie hat Ihr Sender, der WDR, reagiert, als Sie sich mit den Erlebnissen an Ihre Kollegen und Chefs gewandt haben?
 
Stracke: Also der WDR hat ja nach der ganzen MeToo-Debatte und nach den Konsequenzen, die dort gezogen worden sind, Anlaufstellen geschaffen. Und ich kann sagen, dass meine Erfahrung in meinem Fall ist, dass der WDR und alle Kolleginnen und Kollegen und Vorgesetzten, mit denen ich zu tun hatte, sich wirklich vorbildlich verhalten haben und mich ganz, ganz toll unterstützt haben. Also vom ersten Moment, als ich das meinen Kollegen und meinem Chef erzählt habe, hatte ich volle Unterstützung. Es gab die Möglichkeit – und das habe ich auch getan –, diesen Fall von einer externen Kanzlei aufarbeiten zu lassen, und der Support im WDR war und ist bisher wirklich, wirklich einzigartig, also ganz, ganz toll.
 
Billerbeck: Das heißt, Sie fürchten nicht um Ihre berufliche Zukunft?
 
Stracke: Im WDR nicht. Ich habe diese Entscheidung getroffen, diese Entscheidung polarisiert. Ich stehe nach wie vor dazu, dass ich diesen Entschluss gefasst habe, das öffentlich zu machen, und ich finde, wenn das negative Konsequenzen für meine Zukunft hätte, dann fände ich das sehr traurig und sehr bedauerlich für unsere Gesellschaft und unsere Demokratie, in der wir leben.
 
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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