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Länderreport | Beitrag vom 05.08.2020

Wassersport in Schleswig-HolsteinSegeln, Paddeln, Ruhe finden

Von Johannes Kulms

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Blick auf einen See auf dem zwei Personen im Kanu fahren (gettyimages / E+ / Georgijevic)
Sommerferien auf dem Wasser: Paddeln auf der Eider und der Schwentine steht im Corona-Jahr noch höher im Kurs als sonst. Denn auf dem Wasser lässt sich gut Abstand halten. (gettyimages / E+ / Georgijevic)

Wasser ist in Schleswig-Holstein allgegenwärtig: Nord- und Ostsee sowie die vielen Seen und Flüsse laden zum Wassersport ein, ob im Segelboot oder im Kajak. Die Freizeit so gestalten zu können, ist in Zeiten von Abstandsregeln ein hohes Gut.

Per Risvang ist Bootsbauer. Und begeisterter Segler. Die weiße elegante Yacht, mit der er im Kieler Sportboothafen nahe der Staatskanzlei festgemacht hat, hat Risvang selbst gebaut. Für den 66-Jährigen ist es nicht das erste Mal.

Er hat schon viele Ausgaben der "Kieler Woche" erlebt, dem womöglich größten Segelsportfest der Welt. Kiel sei das Mekka des deutschen Segelsports, ist Risvang überzeugt.

Doch wegen der Corona-Pandemie konnte die Kieler Woche in diesem Jahr nicht wie sonst Ende Juni stattfinden. Nun soll sie in einer kleineren Variante und ohne großes Feierrahmenprogramm im September steigen. 

Neues Segelboot gekauft

Aber immerhin: Segler wie Per Risvang dürfen nach einer monatelangen Pause wieder hinaus auf die Ostsee. Segeln in Coronazeiten sei kein Problem. Denn auf dem Wasser lasse sich gut Abstand halten, meint der Mann aus Arhus: "Wir halten Abstand."

Nur ein paar Schritte entfernt hat ein deutscher Segler festgemacht. Der Mann in den 50ern hat bereits im letzten Oktober in Schweden ein neues Segelboot gekauft. Eigentlich wollte er es im April zum Liegeplatz in die Niederlande überführen. Doch Corona brachte alles durcheinander.

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"Bei uns startet die Saison Ostern. Aber die ist jetzt erst im Juni, Juli, richtig losgegangen", berichtet er, "weil Sanitäranlagen und alle Häfen auch geschlossen wurden." 

Doch nun konnte das neue Boot endlich in Schweden abgeholt werden und hat bereits die Hälfte der Überführungstour nach Holland geschafft.

Der neue Eigentümer ist sich bewusst, dass er und seine Familie gerade in Corona-Zeiten ein wertvolles Refugium erstanden haben. "Ich fühle mich da sehr wohl mit und sicher ist das auch ein Privileg. Aber jeder, der ein Wohnmobil hat und Wohnwagen hat, der genießt im Moment das Gleiche und hat auch sein eigenes Reich, in dem er auch auf Reise gehen kann."

Trend zu Outdoor-Aktivitäten

Wie viele Menschen sich in diesem Sommer auf und in Schleswig-Holsteinischen Gewässern tummeln, weiß niemand. Doch insgesamt gebe es einen Trend zu Outdoor-Aktivitäten wie Wandern, Radfahren, aber auch Wassersport, heißt es von der landeseigenen Tourismusagentur TA.SH. Ob der Trend anhalte oder sich wieder lege, müsse sich noch zeigen.

Mit seinen zwei Küsten an Nord- und Ostsee ist Schleswig-Holstein ein begehrtes Revier für Segelfans. Doch Wassersport wird auch auf vielen Seen, Flüssen und Kanälen im Landesinneren betrieben. 

Im Vordergrund die Spitze eines Paddelbootes auf einem Fluss. Die Flussufer werden von grünen Bäumen gesäumt. (Deutschlandradio / Johannes Kulms)Die Landschaft an der Schwentine ändert sich hinter jeder Flussbiegung. Das macht die Paddeltour sehr abwechslungsreich. (Deutschlandradio / Johannes Kulms)
Besonders beliebt ist bei Kanuten die Route von Eutin nach Kiel. Landschaftlich ist die 55 Kilometer lange Strecke sehr abwechslungsreich: Zunächst geht es über mehrere Seen, darunter auch den Großen Plöner See; danach wird weiter über die Schwentine gepaddelt; der Fluss mündet in Kiel in die Ostsee.

Paddeltour auf der Schwentine

Über einen Bootsverleih in Plön habe ich Kontakt zu Bettina bekommen. Die Hamburgerin führt gerade eine kleine Kajakgruppe in vier Tagesetappen in Richtung Kiel.

Ich treffe sie am Morgen ihres letzten Paddeltags am Steg eines Bootsvereins in Preetz. "Ich bin froh, dass alles gut geklappt hat", sagt sie. "Die Kinder haben total viel gelernt beim Paddeln. Wir haben so eine kleine Olympiade gemacht, wo man Punkte kriegt für bestimmte schwierige Aufgaben. Zum Beispiel im Stehen zu paddeln, rückwärts zu paddeln."

"Im Stehen im Kajak paddeln?"

"Mmmh. Das haben wir allerdings noch nicht gemacht, das wollen wir uns für heute noch vornehmen. Ich habe aber Jakob gesagt, er soll es bitte erst machen, kurz bevor wir aussteigen. Damit er nicht kentert und alles klitschnass ist." 

In den anderen Kajaks sitzen die Geschwister Anna und Jakob und ihr Vater Gregor. Anna ist Bettinas Patenkind. Die Bootstour ist ein Geschenk für Jakob zur Konfirmation im Mai gewesen.

Wie im Amazonas

Dann geht es los zur letzten Etappe. Sehr schnell verstehe ich, warum Bettina die Schwentine als Paddelrevier für diese Tour ausgewählt hat.

"Weil es mal ein bisschen Strömung hat, mal keine. Weil das Ufer immerzu grün ist", erklärt Bettina. "Also, auch die, die zum ersten Mal auf der Schwentine sind, die sagen, das ist ja wie im Amazonas." 

Im Vordergrund die Spitze eines Paddelbootes auf einem Fluss. An beiden Ufern ragen grüne Bäume über das Wasser. (Deutschlandradio / Johannes Kulms)Grün wie am Amazonas. Die Schwentine ist ein abgeschiedenes Revier zum Paddeln. (Deutschlandradio / Johannes Kulms)

"Rund herum sind Städte und wir sind hier alleine im Grünen und hören gar nichts und gucken Vögel. Und das finde ich eigentlich ganz schön", schwärmt die Routenplanerin. "Und ich finde es sowieso schön, einen Fluss sozusagen von Anfang bis Ende zu paddeln. Das hat irgendwie so was Ganzheitliches."

Mit der Stille ist es zumindest aber in Preetz so eine Sache. Über dem Kirchsee dröhnt ein Hochdruckreiniger, mit dessen Hilfe gerade ein Dach gesäubert wird. 

Doch schon kurz danach ist der Lärm vorbei. Wir tauchen ein in einen grünen Tunnel aus dichten Bäumen und Büschen, die links und rechts das Ufer säumen und immer wieder den Blick freigeben auf verträumte Gärten mit geräumigen Wohnhäusern.

Für Jakob, der die Paddeltour als Konfirmationsgeschenk bekommen hat, ist es die erste Kanureise seines Lebens. "Ich finde immer die Picknicks auf den Seen sehr schön – wenn man so mitten auf dem See ist und in der Ferne die Bäume sieht und ruhig die Vorräte aus den Luken holt. Aber natürlich macht auch das normale Kajaken einfach Spaß!"

Schleswig-Holstein wochenlang dicht

Noch im Frühling wäre so ein Abenteuerurlaub in der Schleswig-Holsteinischen Natur undenkbar gewesen. Wochenlang machte die Landesregierung in Kiel das Land zwischen Nord- und Ostsee komplett dicht für den Tourismus aus anderen Bundesländern. Besonders verärgert hat das viele Menschen in Hamburg.

Auch Bettina fand die Regelung übertrieben. "Ja, ja, insbesondere eben gerade, dass die Schleswig-Holsteinische Polizei in den ersten Tagen so pingelig war, dass sich sogar der Bürgermeister einschalten musste. Ich sage mal, die Radtouristen oder einfach die Tagesradler, die gar nicht wussten, wo da die Grenze ist, dass die wirklich zurückgeschickt wurden, das fand ich wirklich unmöglich!"

Wegen der Coronapandemie durfte Bettina drei Monate lang in Hamburg nicht das Bootshaus ihres Kajakvereins betreten. Sie hat trotzdem Wege gefunden, ihrem Hobby auf dem Schleswig-Holsteinischen Wasser zu frönen. "Ich habe bei Nacht und Nebel mein Boot zu einer Freundin gebracht. Und bin dann von meiner Freundin aus auf einen See gegangen, ich sag jetzt mal nicht, welchen..." 

Kosten sind überschaubar

Preetz liegt inzwischen hinter uns. Häuser tauchen nur noch vereinzelt auf. Nun beginnt sich der Fluss zwischen Weiden und Schilfgürteln durch die sanft hügelige Landschaft zu schlängeln. 

Die Kosten für diesen Ausflug in die Wildnis sind überschaubar. Knappe 13 Euro kostet jedes Kajak beim Bootsverleih pro Tag und Person. Hinzu kommen noch einmal die Ausgaben für die Übernachtungen mit Zelt auf dem Campingplatz. Doch in Preetz hat die Gruppe die Nacht auf dem Gelände eines Wassersportvereins verbracht.

Weil Bettina als Tourguide Mitglied im Deutschen Kanuverband ist, musste jeder nur vier Euro zahlen. Ob sie mit der Reise auch drei neue Mitglieder geworben hat für die Wassersportvereine?

Gregor, der Vater von Anna und Jakob, ist sich noch nicht sicher.
"Das steht im Moment noch nicht an. Jetzt hat es für uns die erste große Tour gegeben, die Auswertung, was dann daraus folgt, kommt dann gedanklich in den nächsten ein, zwei Wochen, ob wir solche Touren dann häufiger einfordern. Im Moment ist das erstmal sehr positiv. Aber Vereinsmitgliedschaft ist erstmal noch nicht der Gedanke gewesen."

Bessere Ausschilderung der Wasserwege

Nach einer knappen Stunde und rund fünf gepaddelten Kilometern flussabwärts sind wir am Gut Rastorf angekommen. Wir versammeln uns zu einem sogenannten "Päckchen", stellen uns alle mit unseren Booten eng nebeneinander wie eine Kanufamilie.

Bevor ich mich gleich wieder auf den Rückweg nach Preetz mache, noch eine kleine Zwischenbilanz: Die Wasserwege sollten besser ausgeschildert werden, findet Bettina. "Also, die Bojen sind winzig kleine, grüne Bojen, überhaupt nicht gut zu erkennen. Und gerade die ganzen Touristen, die sich Boote mieten und die hier zum ersten Mal sind, die stochern überall im Ufer der Schwentine rum, um den nächsten Durchgang zu finden. Das ist nicht gut für die ganze Uferregion", erklärt Bettina.

"Zweitens", fährt sie mit ihrer Wunschliste fort, "Biwakplätze am Ufer. Das habe ich in Dänemark erlebt, wo du tatsächlich so in kleinen Holzhütten übernachten kannst. Großartig, ganz, ganz toll! Das könnte man hier auch machen. Weil es ist schwierig, hier überall Übernachtungsplätze zu finden. 

Anna, Bettinas Patenkind, hat auch noch einen Verbesserungswunsch: "Also, die Steueranlage funktioniert nicht gut."

"Ja, die Boote könnten besser in Schuss sein", stimme Bettina zu. "Aber ich will nichts gegen unseren Vermieter sagen, der ist klasse, der ist toll, die Boote sind günstig." 

Kiels Betonwüste wandelt sich

Von der Idylle der Schwentine scheint die Kieler Innenstadt ziemlich weit entfernt zu sein. Statt grünem Wasserlabyrinth dominiert dort an vielen Ecken der Eindruck einer Betonwüste. 

Doch an der Holstenbrücke wird dieses Bild seit drei Jahren sprichwörtlich aufgebrochen. Die vierspurige Straße, über die früher die Busse donnerten, ist verschwunden. Stattdessen ist hinter den Bauzäunen nun ein rund 200 Meter langes und etwa zehn Meter breites Becken zu sehen. Der Kanal soll das Wasser zurück in die Innenstadt bringen, in knapp drei Wochen sollen die Arbeiten abgeschlossen sein.

Die Baustelle eines lange Beckens in der Kieler Innenstadt. Am rechten Bildrand sind Sitzplätze zu sehen. (Deutschlandradio / Johannes Kulms)Kiels Innenstadt wandelt sich. Ein langes Wasserbecken soll für mehr Aufenthaltsqualität sorgen. (Deutschlandradio / Johannes Kulms)
In einem kleinen Seitenbecken ist bereits das Wasser eingelassen. Davor: Kleine Stufen und Terrassen aus Holz und erste zarte Pflanzen.

Nicola Schlizio aus Eckernförde ist angetan. "Jetzt ist es schöner. Also, wenn die Baustelle fertig ist, denke ich, ist es eine Erholungsoase."

Lage am Wasser bedeutet Glück

Es könnte noch etwas grüner werden, findet ihr Sohn Thore. Gerade in Kiel gebe es womöglich viele Menschen, die gar nicht wüssten, wie viel Glück sie mit der Wasserlage haben. Schließlich fließt die Ostsee schon heute mitten durch die Stadt, die Förde endet nur wenige Schritte entfernt vom Hauptbahnhof.

"Ich glaube schon, dass das eben sehr zum Alltag geworden ist und man das eben nicht so wahrnimmt, dass es eigentlich was Tolles ist. Und man sich eigentlich bewusst machen müsste, dass es doch schön ist, solche Möglichkeiten zu haben, hier sitzen zu können und eben nicht nur die Straße zu haben, wo eigentlich die ganzen Busse rübergefahren sind. Sondern eben sitzen, verschnaufen am Wasser, das Plätschern hören, etc…" 

Doch diese Chance auf Kurzzeiterholung für die Kieler Großstadtseele hat einen Preis – die Kosten für den neuen Kanal sind von den ursprünglich geplanten 12 Millionen auf rund 20 Millionen Euro gestiegen. Und der Kanal hätte eigentlich schon Ende 2019 fertig sein sollen.

Ob das Becken nach der Fertigstellung bloß ein Behälter für trübes, vor sich hinstehendes Wasser sein wird – wie Kritiker warnen – das muss sich noch zeigen. Doch Nicola Schlizio bleibt zuversichtlich. Und meint mit Blick auf das viele schöne Geld: "Also, versenkt ist es nicht!"

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