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Länderreport | Beitrag vom 26.06.2020

Wassermangel in der Rhön Bald keine klappernde Mühle mehr am rauschenden Bach?

Von Ludger Fittkau

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Das metallene Wasserschöpfrad der Kappmühle im Dorf Mackenzell in der hessischen Rhön vor dem Gebäude der Mühle (Deutschlandradio / Ludger Fittkau)
Drei Prozent des hessischen Stroms erzeugen Mühlen - regenerativ. Doch die Politik appelliert, sie stillzulegen, zum Schutz des Fischbestands. (Deutschlandradio / Ludger Fittkau)

Noch drehen sich die Mühlräder in Mittelgebirgen wie der hessischen Rhön. Doch die Besitzer fürchten das Ende. Wegen des Wassermangels will die Politik die Fischbestände schützen – auf Kosten der Mühlen. Die Eigentümer kämpfen um das Kulturgut.

Das Wasserrad der Kappmühle im Dorf Mackenzell in der hessischen Rhön hat fast drei Meter Durchmesser. Noch läuft es, obwohl es aufgrund der neuen sogenannten "Mindestwassermengen-Verordnung" des Landes Hessen eigentlich schon stillstehen müsste. Denn die Nüst, ein nur etwas mehr als 20 Kilometer langes Rhön-Flüsschen, führt aufgrund des schneelosen Winters schon im Frühsommer nicht mehr genug Wasser. Um den Fischbestand zu schützen, soll deshalb möglichst wenig Wasser aus dem natürlichen Flussbett der Nüst in die teilweise mehrere Kilometer langen, künstlich angelegten Mühlgräben abgeleitet werden, fordern die Behörden. Deshalb sollen die Mühlräder nun stillstehen.

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Wilhelm Brehl, der Eigentümer der Kappmühle an der Durchgangsstraße in Mackenzell, produziert normalerweise mit seinem stählernen Wasserrad Strom. Es sei wichtig, dass das Rad immer feucht sei. Denn durch die Verdunstung bilde sich auf dem Stahl eine Mineralien-Schicht, die Korrosion verhindert. "Wenn das Wasserrad steht, fällt es trocken und die Korrosion setzt verstärkt ein und würde innerhalb von zehn Jahren das Mühlrad auffressen."

Die Energie von Fließgewässern wird in Hessen bereits seit dem Mittelalter genutzt – früher vor allem für Getreidemühlen. Heute werden mehr als 600 dieser alten Mühlen als Laufwasserkraftwerke betrieben und liefern rund drei Prozent der Stromerzeugung in Hessen. Dass der Betrieb die kleinen Kraftwerksanlagen bei Niedrigwasser dem Fischbestand schaden könnte, weist Mühlenbesitzer Wilhelm Brehl zurück. Im Gegenteil, sagt er. "Vor allem im Sommer bei Niedrigwasser beobachte ich hier – vorwiegend hinter dem Wasserrad – sehr viele Jungfische." Durch das Wasserrad werde zusätzlich Sauerstoff eingetragen und hier im Mühlbach seien auch die Fressfeinde nicht so intensiv unterwegs wie auf freien Strecken. "Ich sehe im Sommer eine richtige Kinderstube von kleinen, jungen Forellen."

Weltkulturerbe Handwerksmüllerei kaputt gemacht?

Wilhelm Brehl schließt die Tür zum alten Mühlengebäude auf, das unter Denkmalschutz steht. Aus dem Untergeschoss sind die Geräusche der Turbine zu hören, die den Schwung des Wasserrades draußen in Elektroenergie umsetzt.

Innen sieht es teilweise aus wie in einem Museum: Die Mühlenmechanik stammt noch aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, einige Säcke mit Mehl stehen auf dem Boden. Normalerweise wird hier kein Getreide mehr gemahlen. Doch ab und zu lädt Wilhelm Brehl zu sogenannten "Mühlentagen" ein und setzt die Maschinen dann wieder in Betrieb, um sie bis zu 120 Menschen pro Tag vorzuführen.

Die Mühle sei noch voll funktionsfähig. "Man sieht hier den Bereich Schrotgang für das Zerkleinern von Futtergetreide. Und man sieht hier die beiden Walzenstühle, die zur Mehlproduktion genutzt wurden und im Keller dann die Antriebstechnik mit Getriebe."

Blick in das Innere der Kappmühle und auf die bereits relativ altertümliche Mühlenmechanik. (Deutschlandradio / Ludger Fittkau)Im Inneren der Kappmühle: Die Mühlenmechanik stammt noch aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, (Deutschlandradio / Ludger Fittkau)

Es habe in diesen Mühlen nur eine Antriebsquelle gegeben. Die gesamt mechanische Bewegung sei mit Zahnrädern betrieben worden. "Und ansonsten weitgehend Flachriemen, vom Keller bis in die Spitze des Jahres geleitet, entsprechend mit Transmissionen und so weiter. Und jeder, der sich ein bisschen mit Technik auskennt, dem geht das Herz auf, wenn er wieder mal solche, sichtbare Mechanik sieht."

Manfred Hempe ist mit in die Kappmühle hineingegangen. Der gelernte Ökologe ist Sprecher der Interessengemeinschaft Wasserkraft im Landkreis Fulda und im Biosphärenreservat Rhön. Die Handwerksmüllerei habe von der Unesco des Status des Weltkulturerbes bekommen, betont Manfred Hempe. "Weltkulturerbe! Die Handwerksmüllerei." Aber das spiele alles keine Rolle, das werde kaputt gemacht. "Wenn Sie in zehn Jahren wiederkommen, ist nichts mehr da."

Politik soll Mindestwassertiefe-Erlass zurücknehmen

Zum Mühlensterben trage nun neben dem Klimawandel auch der "Mindestwassertiefe-Erlass" des Landes Hessen einiges bei, ärgert sich Manfred Hempe. "Das ist ja das, was uns so wütend macht hier. Wir sind 360 Tage im Jahr hier am Wasser. Ich selber habe Ökologie studiert. Ich sehe, was da los ist, und kann das beurteilen." Der Mindestwasser-Erlass an den Oberläufen habe keinerlei positive Effekte, im Gegenteil. Wenn die Wehre abgerissen oder durchgängig gemacht würden, fließe das Wasser noch schneller weg. Und da hätten die Fische auch nichts. "Also will damit sagen: Dieser vermeintliche Gewinn, den man dadurch erzielt, der ist nicht da. Wenn abgewogen wird zwischen diesen vermeintlichen gewinnen und dem, was verloren geht, da ist ein ganz, ganz krasses Missverhältnis da."

Gemeinsam mit dem ehemaligen grünen Bundestagsabgeordneten Hans-Josef Fell hat Hempe deshalb unlängst einen öffentlichen Appell an die schwarz-grüne hessische Landesregierung gerichtet unter der Überschrift "Rettet die Mühlen".

Das Ziel: Wiesbaden soll den umstrittenen Mindestwassertiefe-Erlass zurücknehmen, wie es etwa Bayern schon gemacht habe. "Mit diesem Mindestwasser-Erlass werden Kulturgüter vernichtet", sagt Manfred Hempe. "Das muss man so drastisch sagen, die gehen kaputt, die Mühlen. Das ist das k. o. für alle Mühlen an den Oberläufen hier in Hessen." Damit gehe auch ein Stück Identität in der Region verloren. Denn sie gehörten zu der Industrialisierung hier im ländlichen Räumen dazu. So etwas einfach abzuschaffen, sei unverständlich.

Die Interessengemeinschaft Wasserkraft möchte, dass die grüne hessische Umweltministerin Priska Hinz in die Rhön kommt und sich die Lage etwa an Wasserlauf der Nüst selbst anschaut. Sie würden ihr gerne zeigen, welche Auswirkungen dieser Mindestwassertiefe-Erlass hat, sagt Manfred Hempe. "Um mit ihr dann auch zu diskutieren und mit ihr doch Wege zu finden, wie diese negativen Einflüsse verhindert werden können. Denn dieses Mühlensterben muss nicht sein."

Ministerin: gemeinsame Lösungen

Plenumswoche im Landtag in Wiesbaden: Am Rande der Debatten treffe ich die hessische Umweltministerin Priska Hinz. Ich übermittle ihr die Einladung der besorgten Mühlenbesitzerinnen und Besitzer aus der Rhön, sich vor Ort selbst ein Bild zu machen.

"Ich war ja schon in den letzten Jahren und Monaten – auch vor Corona konnte ich ja, Gott sei Dank, viele Besuche machen und habe etliche Mühlen bereits besucht", erklärt Hinz. "Ich weiß um den Wert dieser Mühlen und ich weiß auch um die emotionale Bindung dieser Mühlenbesitzer an ihr Kleinod, an ihre Mühle, die ja teilweise über Generationen im Besitz einer Familie ist." Deswegen sei es ihr auch wichtig, gemeinsam zu Lösungen zu kommen. "Und mir wäre sehr daran gelegen, wenn die Ausnahmeregelungen, die wir da erlassen haben, wenn die auch wirklich genutzt würden."

Ausnahmeregelungen – damit zielt die hessische Umweltministerin Priska Hinz auf einzelne Mühlen, die durch zu langen Stillstand in Existenznöte geraten könnten. Sie ermuntert die betroffenen Mühlenbesitzer, dann einen Antrag auf Weiterbetrieb der Mühle zu stellen.

"Auf der anderen Seite sind wir gehalten, den guten ökologischen Zustand der Gewässer herzustellen; der Oberflächengewässer, das heißt der Bäche und der kleinen Flüsse", betont sie. Dazu gehöre, die Durchgängigkeit für die Fische zu gewährleisten. "Also: Fische müssen sich bewegen können im Gewässer. Müssen an einer Stelle laichen können, fortschwimmen können und dann wieder zurückkommen können dahin, wo sie wieder laichen können. Ohne, dass sie behindert werden oder ohne, dass das Hauptgewässer austrocknet im Sommer."

Das Wasser könnte sich bei dauerhaftem Niedrigwasser aber auch zu stark erwärmen. Natürliche Überschwemmungen oder Hochwasser fehlen bei zu knappem Wasser gerade an den Uferbereichen des Hauptbachs, an denen feuchte Bachwiesen oder Auenwälder liegen. So die Argumentation der hessischen Umweltbehörden.

Mühlgräben als Schutz für die Fische?

Die Mühlenbesitzer setzen dagegen: Gerade in Zeiten des Klimawandels und der knapper werdenden Wasserressourcen in den Mittelgebirgen könnten gerade die Mühlgräben einen Ausgleich schaffen. Sie wirken wie kleine Staustufen und halten das Wasser länger in den Oberläufen der Bäche und kleinen Flüsse.

Der Klimawandel bringe überdies zwar deutlich seltener Regen. Aber wenn es regne, dann immer öfters sinnflutartig, beobachtet der Sprecher der IG Wasserkraft in der Rhön, Manfred Hempe: "Die Mühlen wirken sich positiv auf den Klimawandel aus. Ganz einfach deswegen, weil durch diese Starkregen und Trockenzeiten Wasser in der Region zurückgehalten wird. Hier durch die Mühlgräben." Die flössen einfach langsamer. Und damit hätten die Fische auch ein Rückzugsgebiet und würden darin laichen.

"Wenn die im Hauptbett laichen würden und ein Starkregen kommt, würde alles weggewischt werden. Und so bleibt der Fischbestand doch stabil." Das Wasser werde in den Regionen gehalten und diejenigen weiter flussabwärts profitierten davon, weil sie nicht so stark mit Hochwasser belastet würden. In Trockenzeiten bliebe mehr Wasser in der Region, was auch dem Wald und den Wiesen zu Gute komme.

Zwei Zahnräder im Hof der Kappmühle im Dorf Mackenzell in der hessischen Rhön mit der Aufschrift "Historisches Mühlengetriebe" (Deutschlandradio / Ludger Fittkau)Schon auf dem Trockenen: historisches Mühlengetriebe der Kappmühle (Deutschlandradio / Ludger Fittkau)

Das Turbinengeräusch, das aus dem Untergeschoss des kleinen Kraftwerks der Herrenmühle an der Nüst dringt, beweist: Diese Wasserkraftanlage ist modernen Ursprungs. Obwohl es Belege gibt, dass dieser Mühlenstandort schon rund 700 Jahre alt ist. Berthold Zentgraf stammt aus einer Familie, die die Mühle mit dem kilometerlangen Mühlgraben seit mehreren Generationen betreibt - erst zur Getreideverarbeitung dann zur Stromerzeugung in einem inzwischen neu errichteten eigenen Turbinengebäude. Das steht neben dem alten, mächtigen Mühlenbau, den unlängst ein Architekt gekauft hat und nun aufwändig saniert.

Die neue Mindestwasserverordnung würde die Kalkulation, mit der Berthold Zentgraf einst das neue Turbinenhaus errichtet hatte, um Strom zu erzeugen, zu Nichte machen: "Das wäre das Ende, sage ich mal, und ich würde auf meinen Schulden praktisch sitzen bleiben." Bis 1960 habe sein Vater gemahlen, dann sei das große Mühlensterben gekommen, und ab 1960 hätten sie nur noch Strom produziert. Da sei dann die erste Turbine eingebaut worden. "Bis 1920 waren jetzt zwei oberschlächtige Wasserräder auf der Rückseite der Herrenmühle. Irgendwie wurden die dann durch die erste Turbine damals ersetzt - 1920."

Nächste Gespräche im Hochsommer

Seit genau 100 Jahren laufen also bereits Turbinen an der Herrenmühle. Neben der umstrittenen Mindestwasserverordnung könnte aber auch der Klimawandel mit der Folge der milden, schneearmen Winter in der Rhön die altbewährte regenerative Energiegewinnung gefährden, weiß auch Berthold Zentgraf. Aber er betont auch: Der mehrere Kilometer lange Mühlgraben, der auf die Herrenmühle zuläuft, bietet so viel Fischreichtum, dass sich hier sogar ein Angelverein niedergelassen habe. Ein engmaschiger Rechen im Wasser vor dem Einlauf in den Kraftwerksbau sorgt dafür, dass kein Fisch in die Turbine gerat, so Bertold Zentgraf:

"Das wird uns Müllern oder Wasserkraftbetreibern ja vorgeworfen, dass wir die Fische in den Turbinen Schreddern würden. Allerdings bei diesem geringen Stab-Abstand: Da kommt kein Fisch durch."

Der Ökologe Manfred Hempe hofft nun, dass die guten Argumente der Mühlenbesitzer und -besitzerinnen in der Rhön die politisch Verantwortlichen im weit entfernten Wiesbaden erreichen: "Das ist ein Stück Kulturgut. Uns würde unendlich viel fehlen, wenn hier keine Wasserräder mehr klappern würden."

Die hessische Umweltministerin Priska Hinz verweist auf die nächsten Gespräche mit den Verbänden der Mühlenbesitzer im Hochsommer: "Im August wird es ein nächstes Gespräch geben mit den beiden Landesverbänden und ich glaube, das könnte dann auch ein Thema werden."

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