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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 22.02.2019

Waschbär-Latrinen und tagaktive FüchseWie sich Tiere an die Stadt anpassen

von Anja Nehls

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Was verändert sich im Fuchsleben durch das Leben in der Stadt? (dpa)
Was verändert sich im Fuchsleben durch das Leben in der Stadt? (dpa)

Wer als Großstädter wild lebende Tiere sehen will, braucht nicht weit zu fahren. Denn die Artenvielfalt in der Stadt ist überraschend groß. Wie die Stadt das Leben der Tiere verändert, untersucht ein Projekt des Leibniz-Instituts am Beispiel Berlins.

Zwischen ein paar Sandhügeln und abgestorbenem Gras auf einem wenig genutzten Gelände der Berliner Wasserbetriebe führt ein kleiner Trampelpfad zu einem tiefen Loch in der Erde.

"Das ist ein Fuchswechsel, der hier führt genau zum Fuchsbau. Und in unserem Fall haben wir sogar Glück, weil wir Fußspuren haben, die direkt auf den Eingang zulaufen. Denn theoretisch könnte sowas auch ein Dachsbau sein. Sieht man hier ganz gut, dass es sich hier um einen Fuchsbau handelt."

Sophia Kimmig ist begeistert. Zusammen mit ihrer Kollegin Carolin Weh untersucht sie unter anderem hier im Berliner Südosten für das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung die Verhaltensweisen von Fuchs und Waschbär. Genauer gesagt, wie sich die Tiere daran anpassen, Großstadtbewohner zu sein:

"Am Beispiel von Berlin schauen wir: Was verändert sich denn im Fuchsleben durch das Leben in der Stadt? Wo bewegen die sich, wie groß sind die Reviere, was fressen die in der Stadt eigentlich so? So das ganze Spektrum eines Fuchslebens."

Der Waschbär - eigentlich ein Einwanderer aus Nordamerika

Beim Waschbär geht es um ähnliche Fragen. Er ist eigentlich ein Einwanderer aus Nordamerika, seit Anfang der 1930er-Jahre ist er in Deutschland. Um seine Verhaltensweisen genau erforschen zu können, muss er ebenso wie der Fuchs einen Sender bekommen, erklärt Carolin Weh:

"Wir stellen Lebendfallen auf, da wird einfach ein Köder reingetan, jede Falle ist mit einem sogenannten Trap Transmitter ausgestattet, der - sobald die Kappe zufällt - mir eine SMS auf mein Telefon schickt. Und dann fahre ich hin, und dann rufe ich eine Tierärztin dazu und wir wiegen das Tier, legen es dann für circa eine Stunde in Narkose, vermessen es, nehmen einen Abstrich von der Mundschleimhaut, um die Genetik festzustellen, und dann bekommt er einen Halsbandsender um."

Aber auch aus den Hinterlassenschaften kann man schon eine Menge lernen. Neben dem Weg liegt ein kleines braunes Würstchen, also schnuppern und ganz genau hinschauen:

"Würde ich jetzt eher auf Marder oder so tippen, so von der Größe, Fuchskot ist größer und spitzer und stinkt. Waschbär stinkt nicht so, definitiv nicht, generell sind Füchse eher muffelnde Zeitgenossen. Was ich sehr spannend fand, tatsächlich, Waschbären fressen Eibe, also Eibe ist ja eigentlich giftig, wenn man die Kerne kaut. Und ich habe dann so Kothaufen gefunden, die einfach pink waren weil da nur die Eibenfrüchte drin waren. Aber die haben die Kerne im Ganzen geschluckt. Das heißt, Waschbären können wahrscheinlich einfach Eibe fressen. Indem sie die Kerne nicht kauen, gehen sie kein Risiko der Vergiftung ein."

Ein paar Meter weiter zeigt Carolin Weh in einem kleinen Wäldchen mit jeder Menge Unterholz auf einen dicken abgebrochenen Ast eines abgestorbenen Baumes. Von oben bis unten voll mit Waschbärkot.

Auch wenn viele Waschbären von Autos überfahren werden, ist das Leben in der Großstadt für viele der Tiere eine attraktive Alternative.  (dpa / picture alliance / Horst Ossinger)Auch wenn viele Waschbären von Autos überfahren werden, ist das Leben in der Großstadt für viele der Tiere eine attraktive Alternative. (dpa / picture alliance / Horst Ossinger)
"Normalerweise legen Waschbären Latrinen an, so Gemeinschaftstoiletten, auch gerne an erhöhten Positionen, das sind halt Toiletten, die von allen Waschbären in einem Gebiet genutzt werden. Und das benutzen die zur Kommunikation, also um festzustellen, ok, wer ist denn hier in diesem Gebiet unterwegs, und wer ist gerade paarungsbereit."

Die Füchse bevorzugen etwas offeneres Gelände. Um ihr Verhalten zu untersuchen, verwendet Sophia Kimmig nicht nur einen Halsbandsender, sondern auch eine Wildkamera, die an einem Betonpfahl neben dem Fuchsbau hängt:

"Die hat einen Bewegungsmelder und nimmt alles auf, was sich hier dran vorbeibewegt, das heißt, wir haben hier viel Waschbär, Dachs, Marder und Co mit drauf, aber hängen tut sie da, damit sie die Fuchsfamilie so ein bisschen im Auge behält. Gerade weil ja auch nur eins der Tiere einen Sender trägt und mich ja auch interessiert: Geht es dem Tier gut, hat es einen Partner, gibt es dieses Jahr Nachwuchs. Ich habe richtig schöne Videos davon, wie die Fehe auf dem Hügel steht und ihre Welpen säugt."

Reviere in der Stadt sind ziemlich groß

Das Fuchs- und das Waschbär-Projekt des Leibniz Instituts sind noch nicht abgeschlossene. Die erhobenen Daten werden noch analysiert. Erste Erkenntnisse über den Fuchs als Großstädter gibt es aber bereits:

"Und dann sehen wir schon so Tendenzen, dass die Reviere in der Stadt ziemlich groß sind, obwohl das in der Literatur immer heißt, die sind in der Stadt sehr klein, weil so viel Nahrung vorhanden ist. Und dass auch die Tag-Nacht-Aktivität anders zu sein scheint, weil auch der Fuchs gilt als dämmerungsaktiv. Und in der Stadt haben wir wirklich Standorte, wenn die sehr gut geschützt sind vor Menschen, dann sind die Füchse dort auch tagaktiv."

Große Populationsdichten

Beim Waschbär interessiert Carolin Weh auch, warum er sich in letzter Zeit in der Stadt so vermehrt hat – und ob dabei ein Ende abzusehen ist:

"Sobald das Gebiet gut ist, können da mehrere Waschbären vorkommen. Es gibt aber eine Obergrenze, also es wird sich in jedem Bereich irgendwo ein Plateau bilden und dort werden nicht mehr Waschbären vorkommen. Also in den Städten gibt es natürlich sehr vielen Rückzugsmöglichkeiten für Waschbären auf Dachböden, und da verstehe ich tatsächlich den Ärger von Menschen, die einen Waschbär auf dem Dachboden haben. Aber die finden hier sehr viel zu fressen, also, wenn wir unsere Nahrungsmittel nicht vernünftig wegschließen, Mülltonnen nicht sicher machen, Wildtiere gefüttert werden, dann kommt es eben zu extrem großen Populationsdichten."

Und auch wenn viele Füchse und Waschbären von Autos überfahren werden, sei das Leben in der Großstadt für viele der Tiere eine attraktive Alternative. Eine friedliche Koexistenz des Menschen mit Fuchs und Waschbär müsse deshalb das Ziel sein, so die beiden Wissenschaftlerinnen. 


Ein Wildschwein im Wald  (picture alliance/dpa/Foto: Gerken & Ernst)Ein Wildschwein im Wald (picture alliance/dpa/Foto: Gerken & Ernst)

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Ein Großer Abendsegler (Nyctalus noctula), klettert in einen Baumstumpf.  (imago stock&people)Ein Großer Abendsegler (Nyctalus noctula), klettert in einen Baumstumpf. (imago stock&people)
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