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Lesart / Archiv | Beitrag vom 10.06.2015

"Was uns treibt" von Amy Hempel Tierisch, lakonisch, komisch

Von Manuela Reichart

Karnevals-Mops, verkleidet als Froschkönig (dpa / picture alliance / Fredrik Von Erichsen)
Tiere spielen in Amy Hempels neuem Erzählband eine wichtige Rolle. (dpa / picture alliance / Fredrik Von Erichsen)

Knappe Sätze, die schnell ins Thema führen. Die Autorin Amy Hempel mag es kurz. Eine ihrer Erzählungen in "Was uns treibt" beschreibt kunstvoll lakonisch das Leben einer Tierarzt-Witwe, die hoffte, ihr Mann hätte sie so geliebt wie seine tierischen Patienten.

Sie ist eine Meisterin der ersten Sätze, der kurzen Form. Die amerikanische Autorin Amy Hempel wird endlich auch bei uns entdeckt.

Eine Geschichte beginnt so: "Erst wird der Hund verbrannt. Dann liege ich im Bett meines Mannes, verfolge die Oscarverleihung für Tiere." Ein grandioser Auftakt für eine Geschichte, die sich um die Witwe eines Tierarztes dreht. Sie erinnert sich an das Leben mit ihrem Mann, an seine Tiere, an seine Sätze, die wie endgültige Wahrheiten klangen, etwa "ein Tier kann dich nicht enttäuschen", die sie trotzdem in Frage stellte. Sie hatte lange gehofft, er wür­de sie einmal mehr lieben als seine Tiere. Nun ist sie allein, trägt seine Armbanduhr wie viele Wit­wen das tun ("Daran erkennen wir uns.").

Meisterin der komischen Höhepunkte

Amy Hempels Kunst liegt in der Verknappung, sie schreibt Geschichten, die sich wie Es­sen­zen lesen. In einer Szene, einem Satz gipfelt ein ganzes Lebensdrama oder auch die Absur­di­tät einer Entscheidung, einer Hoffnung. Die Tierarztwitwe reagiert auf das Schild eines Bett­lers, neben dem ein alter Collie liegt: "Essen für den Hund - Bitte Spende". Sie eilt in den nächsten Laden kauft Hackfleisch und rennt zurück, damit sie Mann und Hund nicht verfehlt. Und dann sieht sie den Blick eines anderen Bettlers, der gegenüber steht, dem sie nichts gibt. Der Mann hat keinen Hund.

Sie erfüllt immer noch brav das Programm ihres toten Mannes, begreift das in die­sem Augenblick. Das könnte ein dramatischer Moment sein, aber die (1951 geborene) New Yorker Autorin ist eine Meisterin der lakonischen, oft auch sehr komischen Höhepunkte. Die Witwe geht rasch nach Hause, nachdem sie der Blick des Bettlers traf, aber das ist nur ein Grund, der andere ist der Tatsache geschuldet, dass es heftig regnet.

Eine andere Geschichte beginnt so: "Um sieben kommt ein Blind Date, um mich abzuholen – und falls mein Haar bis dahin keine zwei Fingerbreit gewachsen ist, bleibt die Tür zu." Damit ist im ersten Satz eines der großen amerikanischen Themen schon angespielt. Wie finden Frauen und Männer zusammen, wie muss eine Frau aussehen, sich benehmen, damit ein Date erfolgreich endet. Dabei ist die Ich-Erzählerin mit ihrer Freundin ganz froh ohne Mann. Aber das Ritual muss eingehalten werden. Die Sehnsüchte sollen die richtigen sein. So wie es stets ein Strand ist, von dem wir träumen, wenn wie an Ferien denken. Hier liegt er direkt vor der Tür und macht das Leben auch nicht schöner.

Ihre Figuren verfolgen den Leser auch nach der Lektüre

Amy Hempel hat gesagt, sie wolle ihren Lesern keinen Grund zum Aufgeben der Lektüre ge­ben, deswegen stelle sie sich bei jedem Satz vor, wie Leser nach einem Grund suchten, das Buch wieder fortzulegen. Deswegen versuche sie beim Schreiben stets, allen Ballast zu strei­chen. In den 15 Kurzgeschichten (mit denen sie 1985 debütierte) funktioniert dieser litera­ri­sche Trick bestens. Man wird hineingezogen in den Sog einer Situation, einer Ge­schichte, ei­nes Satzes. Verfängt sich allzu oft in der Absurdität, auch der klugen Bösartigkeit, mit der die Autorin unsere Erwartungen konterkariert. Eine junge Frau sitzt am Sterbebett ihrer besten Freundin, aber sie ist keine mildtätige altruistische Person. Sie kann die Situation nicht länger aushalten. Nach dem Tod der Freundin wird sie von Angstattacken geplagt. Eine andere Pro­ta­gonistin hat schnoddrig und ohne Zweifel ab­­treiben lassen und kann nun nichts anderes mehr tun, als unentwegt zu stricken.

Amy Hempels Figuren verfolgen uns nach der Lektüre: Welche Geschichte würde man einer entschiedenen Selbstmörderin erzählen, die auf dem Sims eines Hochhauses steht, und was würde man auf die Frage antworten "Nennen Sie eine Zeit, zu der Sie glücklich sind".

Zum Glück hat der kleine Wiesbadener Luxbooks Verlag angekündigt, auch die anderen Bücher dieser Schriftstellerin zu übersetzen.

Amy Hempel: Was uns treibt
Erzählungen
Aus dem Amerikanischen von Stefan Mesch
Luxbooks, Wiesbaden 2015
105 Seiten, 14,90 Euro

Mehr zum Thema:

Erzählungen - Alltägliche Nichtigkeiten
(Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 15.01.2014)

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