Seit 11:05 Uhr Tonart

Donnerstag, 22.11.2018
 
Seit 11:05 Uhr Tonart

Lesart | Beitrag vom 13.09.2018

Was Rechte lesenDie Bestseller eines Kanons für Rassisten und Völkische

Sonja Hartl im Gespräch mit Frank Meyer

Beitrag hören Podcast abonnieren
Corner of the page of an aged open vintage hardcover book with yellowed pages in a close up selective focus view Corner of the page of an aged open book Copyright: xJuliaxPfeiferx (imago stock&people)
Viele rechte "Klassiker" sind bereits aus den 1970er Jahren. (imago stock&people)

Die Inder kommen! Sie überrennen Europa, die Weißen werden vernichtet. "Das Heerlager der Heiligen" ist ein Klassiker der rechten Literatur. Welche anderen Romane viele Rechte in Europa und den USA lesen, hat Sonja Hartl recherchiert.

Frank Meyer: Welche Romane liest die Neue Rechte, welche Romane verbreiten rassistische, nationalistische, islamfeindlichen Ideen, welche Autoren und Verlage stehen dahinter – das wollen wir uns jetzt anschauen für Deutschland und für die USA. Dort ist solche neurechte Belletristik noch weiter verbreitet als bei uns. Die Kritikerin Sonja Hartl ist dafür hier ins Studio gekommen. Schauen wir uns erst mal die USA an. Welche Romane sind denn dort bei neurechten Lesern besonders beliebt?

Sonja Hartl: Also grundsätzlich kann man in allen Genres neurechte Romane finden, aber sehr beliebt beispielsweise im Bereich Science Fiction ist von Ward Kendall, "Hold Back This Day". Das ist bereits aus dem Jahr 2001 und erzählt von einer allmächtigen Weltregierung, die die Menschheit unter eine Religion gezwungen hat und die auch eine Mischung von Rassen erzwungen hat.

Arische Terroristen leisten Widerstand

Das ist ein grundlegendes, weitverbreitetes Muster. Also die weiße Rasse in diesen Begrifflichkeiten wird auch gedacht und geschrieben, wird vernichtet. In "Hold Back This Day" radikalisiert sich dann einer der wenigen weißen Männer, die es noch gibt, schließt sich einer arischen Terroristengruppe an und entdeckt dann schließlich eine geheime weiße Kolonie auf dem Mars, die das paradiesische Heimatland wird.

Weiterhin einflussreich und beliebt sind aber auch so die Klassiker des Rassistenkanons, also sowas wie "The Turner Diaries", das ist ein fiktives Tagebuch eines Mannes, der für das Überleben der weißen Rasse gesorgt hat, weil er sich selbst hat umbringen lassen. Das ist in Deutschland indiziert, aber das wurde schon 1978 geschrieben, damals von William Pierce, der Chef einer Neonazigruppe war, und es soll hunderte von Terroranschlägen inspiriert haben, unter anderem den von Oklahoma City 1995, und wenn man heute die Kurzbeschreibung auf Onlineportalen liest, ist es ganz interessant, wie das beworben wird. Also es wird gesagt in den USA, dieses Buch soll vom FBI und von gutmeinenden Menschen verboten werden, weil es die Wahrheit propagiert.

Meyer: Das sind ja sehr extreme Standpunkte, die ausgebreitet werden offenbar, wie Sie es beschreiben, in diesen Büchern. Gibt es da dennoch Spuren in der Politik, wo man sehen kann, dass so Vorstellungen, Ansätze aus solcher Art Literatur auch in die Politik einsickern?

Warum Trump plötzlich von "Karawanen" sprach

Hartl: Die sind sogar teilweise ganz erstaunlich. Also wenn sich mal anschaut, welche Sprache Trump schon während der Präsidentschaftsdebatten benutzt hat, wenn er von Afroamerikanern spricht, die in der Hölle schmoren oder Latinogangs, die durch die Straßen ziehen, das sind alles Vorstellungswelten, die man in diesen Romanen auch findet, und seine ganze Rhetorik, diese rassistische Angstmacherei, verweist auf die Vorstellungswelten dieser Bücher.

Das heißt nun nicht, dass Trump diese Bücher gelesen hat, aber es zeigt, dass es da Verbindungen zu den Vorstellungswelten dieser Bücher gibt.

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel hat Ian Wright in einem Beitrag über rassistische Science Fiction in der "New York Times" gebracht, und zwar geht es da um die Verwendung des Wortes Karawane.

Migranten aus Zentralamerika laufen bei Guadalajara im Norden Mexikos entlang der Zuggleise in Richtung US-amerikanischer Grenze (AFP/ Ulises Ruiz)Migranten auf dem Weg zur US-Grenze: Und plötzlich waren es "Karawanen". (AFP/ Ulises Ruiz)

Im Frühjahr 2018 haben eine neonazistische Website und der Sender Fox verbreitet, dass eine Migrantenkarawane auf die Grenze zwischen den USA und Mexiko zuzieht, und tatsächlich war das wohl ein Protestmarsch, der seit 2010 stattfindet, aber im April 2018 sprachen dann Trump und Mike Pence auch öffentlich von Karawanen, und genau das ist die Vorstellung dieser Bücher: Es kommt eine große Menge Menschen, die nicht dort hingehören, und bedroht das Land.

Meyer: Wie ist das denn in Deutschland? Gibt es bei uns auch solche Art rassistische Science Fiction, wie Sie das für die USA beschrieben haben?

Bedrohung der weißen Rasse

Hartl: Das gibt es hier auch. Es gibt natürlich allein vom Buchmarkt her schon große Unterschiede. Also viele dieser Bücher sind im Eigenverlag erschienen oder auch als E-Book selbstverlegt worden, und der Markt ist in Deutschland generell nicht so groß wie in den USA, aber es gibt auch hier rassistische Science Fiction, und ein augenfälliger Unterschied ist, dass hier die Bedrohung recht konkret vom Islam und vom IS ausgeht.

Meyer: Ich habe von einem Buch auf diesem Gebiet schon öfter gehört, das ist ein Buch von Jean Raspail, "Das Heerlager der Heiligen". Das ist auch so ein, kann man sagen, Klassiker des Nationalismus, des Antiislamismus. Das Buch ist schon 1973 erschienen. Spielt das bis heute eine Rolle?

Hartl: Das ist ungemein einflussreich. Es wird von den Alt-Right in den USA, von der Nouvelle droite in Frankreich, von den Neurechten in Deutschland als das Kultbuch verehrt, und allein wenn man die Handlung zusammenfasst, dann erkennt man schon Parallelen: Millionen von Indern machen sich auf nach Europa, mit Schiffen kommen sie hierher, überrennen den Kontinent, eine humanistische Regierung reagiert zu zögerlich, und die Weißen werden vernichtet.

Das Buch propagiert ja ganz klar, der Westen, Europa gehört den Weißen, und es muss um jeden Preis verteidigt werden, und den Einfluss sieht man schon, dass es auch Marine Le Pen oder Stephen Bannon ständig zitieren.

Es wird sich auch in der Werbung von Verlagsbüchern, die jetzt neu erscheinen, immer wieder auf "Das Heerlager der Heiligen" bezogen, und es ist auch eine der wenigen Titel, die tatsächlich im Feuilleton besprochen wurden, weil das ist ja auch noch eine wichtige Frage: Wie geht man mit diesen Büchern um? Indem wir darüber sprechen, verschaffen wir ihnen Aufmerksamkeit, wir verschaffen ihnen Öffentlichkeit, man könnte sagen, das ist Werbung, aber dennoch glaube ich, müssen wir über diese Bücher sprechen, um Einblicke in die Vorstellungswelten zu bekommen.

Meyer: So wie wir das hier gerade tun. Schauen wir mal auf die Verlage in Deutschland. Welche Verlage sind denn auf diesem Gebiet einer neurechten Literatur besonders aktiv?

"Heerlager der Heiligen" für das digitale Zeitalter

Hartl: Das sind die Verlage, die man auch gerade so im Vorfeld von Buchmessen immer wieder hört, wenn es darum geht, wie geht man mit rechten Verlagen um. Das ist der Antaios-Verlag, der 2015 auch die erste vollständige Übersetzung von "Heerlager der Heiligen" hier rausgebracht hat, aber zum Beispiel auch der Jungeuropa-Verlag, der ältere faschistische Bücher übersetzt, oder jetzt auch relativ neu rausgebracht hat: "Sea Changes" von Derek Turner. Das Buch wird auch mit dem "Heerlager der Heiligen" beworben, das sei das "Heerlager der Heiligen" für das digitale Zeitalter, hat ein Vorwort von Richard Spencer, und auch dort wird gewarnt vor den Menschen, die jetzt nach Europa kommen und alles vernichten.

Meyer: Jetzt haben wir über Belletristik gesprochen, das wollten wir auch vor allem tun, aber lassen Sie uns doch noch einen Blick auf die Sachbücher werfen. Welche Sachbücher sind denn in der letzten Zeit in der rechten Szene besonders verbreitet worden?

Hartl: Das ist eine Mischung aus sogenannten Tatsachenberichten über das Dritte Reich und den angeblich wahren Zustand Deutschlands, der uns ja verschwiegen wird, also aus verschiedenen Gründen bekannt, "Finis Germania" von Rolf Peter Sieferle, auch die Rolle der nationalen Identität, die jetzt ja Neurechte als bedroht ansehen, wird in diesen Sachbüchern oft verhandelt, und grundsätzlich bringen rechte Verlage in Deutschland mehr Sachbücher als Belletristik raus.

Stark verbreitet: faschistische Biographien

Was auch auffällig ist, dass es oft Autoren sind, denen aufgrund ihrer Herkunft oder ihres Berufs besondere Kompetenz zugesprochen werden kann. Also es gibt das Buch einer Polizistin, die von dem Kampf gegen Clans berichtet oder eine deutschtürkische Autorin verkündet die Wahrheit über Integration, und was auch noch stark verbreitet ist, das sind Biografien.

Italienische Neofaschisten erinnern an einen ihrer Helden, den französischen Autor Dominique Venner. (picture alliance / Pacific Press Agency / Patrizia Cortellessa)Italienische Neofaschisten erinnern an einen ihrer Helden, den französischen Autor Dominique Venner. (picture alliance / Pacific Press Agency / Patrizia Cortellessa)

Einmal auch ältere, zum Beispiel vor schon einigen Jahren erschienen, das Buch von der Frau von Reinhard Heydrich, die erzählt, wie das Leben mit ihm war. Oder jetzt relativ neu, "Das rebellische Herz" von Dominique Venner, das ist eine Kultfigur in der französischen Nouvelle droite, und das sieht man auch so eine Rückwärtsgewandtheit der rechten Verlage. Es geht immer viel um die faschistische Vergangenheit Europas, die ja teilweise wieder angestrebt wird. Es gibt aber auch neue Biografien, zum Beispiel von Martin Sellner, der ja in der identitären Bewegung in Österreich sehr wichtig ist.

Meyer: Die Bücher der Neuen Rechten, die Romane vor allem, darüber haben wir gesprochen, zuletzt über die Sachbücher. Die Kritikerin Sonja Hartl hat uns darüber informiert. Vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Lesart

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur