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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 22.09.2016

Was Mobbing im Gehirn machtDemütigungen schmerzen wie Fausthiebe

Von Katja Bigalke

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Ein Junge wird ausgegrenzt. (Imago)
Ein Junge wird ausgegrenzt. (Imago)

Mobbing-Opfer haben ein erhöhtes Risiko, psychische Krankheiten wie Depressionen zu erleiden. Denn: Wer ständiges Ausgeschlossensein erlebt, bei dem werden dieselben schmerzverarbeitenden Areale im Gehirn angeregt wie bei körperlichen Schmerzen.

"Es wurde in den Pausen versucht, mich aufzuhetzen, sodass ich häufig anfing zu weinen und zu toben, was den Umstehenden natürlich eine Heidenfreude bereitete."

Oliver, der heute als Moderator beim Betroffenen-Forum "Schüler gegen Mobbing" Diskussionen moderiert, Fragen beantwortet und Trolle im Schach hält,  wird in der 5. Klasse selbst massiv ausgegrenzt.

"Als Kind und Jugendlicher hatte ich mit meiner verzögerten körperlichen Entwicklung stark zu kämpfen. Ich war zwar meist einer der ältesten, dafür der kleinste und schmächtigste innerhalb der Klasse. Schnell merkte gerade die Gruppe der 'Sportler', dass sie aus diesem körperlichen Unterlegen einen großen Vorteil ziehen konnten, um mich weiter aus Spaß zu unterdrücken."

Zwei Jahre dauern die Hetzereien gegen Oliver an. Bis dieser die Schule wechselt.

Monika Hirsch-Sprätz: "Mobbing zeichnet sich dadurch aus, dass es gezielt auf eine Person stattfindet über einen längeren Zeitraum. Wir haben immer noch die ältere Theorie die von einem halben Jahr ausgeht. Wenn man drei vier Monate regelrechten Attacken und Beleidigungen ausgesetzt ist und das häufiger passiert dann braucht man nicht ein halbes Jahr abzuwarten."

Anderssein als Grund für soziale Ausgrenzung

Sagt Monika Hirsch-Sprätz von der Mobbing-Beratung Berlin Brandenburg, die sowohl betroffene Kinder, als auch Eltern, Klassen und Lehrer in Mobbingfällen betreut. Im Moment hat sie es besonders viel mit Jugendlichen zu tun, die wegen Hochbegabung gemobbt werden. Grundsätzlich könne aber jegliche Form des "Andersseins" zum Grund für soziale Ausgrenzung werden.

"Ein Elternhaus mit mehr Geld, ein neues Handy, die Muskeln, der Sport, andere Interessen. Bei Mädchen: Hast du einen Freund oder nicht, wie ist das mit den Markensachen? Es wird verglichen: Passt der oder die zu mir? Und dann werden die Normen aufgestellt und wer dazu passt, hat Glück."

Oliver hat Pech:

"Die ersten Attacken registrierte ich am Ende des ersten Halbjahres der fünften Klasse.

Bis dato hatte mir die Schule immer viel Spaß gemacht, ich habe gerne gelernt und war nie schlecht, noch besonders gut. Im Gegensatz zu dem Großteil meiner Klassenkameraden war ich am Fortlauf des Unterrichts interessiert, während diese lieber für Unruhe und damit fehlendes Vorankommen sorgten. Als Konsequenz hatte ich schnell den Ruf als Streber weg und bekam erste unschöne Kommentare und Sticheleien zu hören."

Wie die Jugendlichen selbst mit Mobbingsituationen umgehen, hängt laut Monika Hirsch-Sprätz stark von ihrer Sozialisation ab. Finden sie Rückhalt in der Familie? Haben sie jemanden, mit dem sie darüber sprechen können? Blieben die Kinder lange der Situation ausgesetzt habe das aber immer Auswirkungen auf die Psyche:

"Die Beziehungsgefüge verändern sich, der Rückzug von der eigenen Altersklasse - dahinter steckt ein tiefer Wunsch dazuzugehören. Sie glauben dann, dass sie einen Makel haben, dass etwas nicht stimmt. Die Scham liegt nicht bei den Tätern, sondern bei den Kindern die betroffen sind. Der Selbstwert schrumpft auf ein Minimum."

Oliver: "Die ganze Situation hat mich stark verändert. Statt meine Nachmittage mit Freunden zu verbringen, blieb ich in meinem Zimmer und beging Realitätsflucht durch Bücher und Fernsehen. Ich lachte wenig, weinte viel und war das erste Mal im Leben unzufrieden mit mir selbst. Warum konnte ich nicht anders sein? Warum konnte ich mir nicht helfen? Ich wusste nicht, wie ich mich ändern konnte, um die Situation erträglicher zu machen, und somit befand ich mich in einer Spirale aus Selbstvorwürfen, Wut und Trauer."

Depressionen durch Mobbing?

Reaktionen auf Schmerz. Als solchen beschreibt Peter Henningsen, Leiter der Klinik für Psychosomatische Medizin an der TU München, das wiederholte Ausgeschlossenwerden aus der sozialen Peergroup.

"Interessant ist, dass in Situationen des sozialen Ausgeschlossenseins dieselben schmerzverarbeitenden Areale im Gehirn angesprochen werden, die auch aktiv werden, wenn man in einen Nagel tritt und Schmerz erlebt. Dieser soziale Schmerz wird gleich oder sehr ähnlich verarbeitet wie physischer Schmerz. Und wenn das länger anhält, dann wirkt sich das auch auf die gesamte psychische Befindlichkeit aus.

Manche, die Mobbing in der Jugend ausgesetzt sind, haben ein erhöhtes Risiko, später an Depressionen zu erkranken. Es gibt auch Menschen, die eher körperlich krank werden mit körperlichen Beschwerden. Und späte Aggressivität. Wer Mobbingerfahrungen gemacht hat, dessen Belohnungssystem funktioniert nicht mehr und gleichzeitig geht die Fähigkeit verloren, Impulse im eigenen Körper wahrzunehmen. Wenn man sich unwohl fühlt, reagiert man zu impulsiv."

Vor allem Jugendliche seien von Mobbing besonders betroffen, weil in der Teenagerzeit die Anerkennung durch Gleichaltrige eine besonders große Rolle bei der Identitätsbildung spiele - sowohl auf der psychosozialen als auch auf der neurobiologischen Ebene.

Weil es im Gehirn in der Pubertät zu bedeutenden Umbauprozessen kommt, können wiederholte Schmerzerfahrungen auch die Art und Weise, wie Schmerz verarbeitet wird, besonders stark beeinflussen.

Peter Henningsen: "Die Neuroplastitizität sorgt dafür, dass die Erlebnisse in der Wiederholung gebahnt werden. Das ist der Teufelskreis, das Reagieren auf neuerliche soziale Ausgeschlossenheit zu stärkeren Reaktionen führt, weil die entsprechenden Reaktionsmechanismen im Gehirn schon gebahnt sind. Man weiß von chronischem körperlichen Schmerz, dass es dann zu messbaren Veränderungen in der Neuronendichte in diesen Arealen kommt, weil es dann zum Abbau von bestimmten Bahnungen kommt und zum Aufbau von Bahnungen, die häufiger verwendet werden."

Und die dann Impulse immer schneller und intensiver weiterleiten. Weswegen bestimmte Reize dann auch immer stärkere Reaktionen hervorrufen können. In Experimenten, in denen betroffene Probanden Provokationen ausgesetzt werden, lässt sich im Kernspintomographen zum Beispiel eine deutlich geringere Aktivierung der Belohnungssysteme und der Fähigkeit der Introspektion beobachten.

Selbstwertgefühl stärken

Bei aller Begeisterung für die Neurobiologie warnt Henningsen allerdings davor, die konkrete Kränkungssituation aus dem Auge zu verlieren. Schließlich setze hier auch die Therapie an.

"Es gibt unterschiedliche Ansatzpunkte: ein wichtiger ist die Psychotherapie, das kann helfen, die jungen Menschen in ihrem Selbstwert wieder zu stabilisieren, dann dass sie Skills üben - ein Training für Fertigkeiten: Wie gehe ich mit der Situation um, dass die anderen nicht mehr auf die Idee kommen, manchmal kann man das auch mit Medikamenten unterstützen. Es gibt auch Situationen, da kann auch ein familientherapeutischer Ansatz interessant sein oder einer, der die Dynamik in der gesamten Klasse beeinflusst."

Wichtig sei, dass so schnell wie möglich etwas passiere. Je früher die Situation verändert würde, desto wahrscheinlicher ließen sich Langzeitfolgen noch revidieren. Und das sowohl auf psychosozialer als auch auf neurobiologischer Ebene. Die langfristigen Folgen von Mobbing zu unterschätzen, sei auf jeden Fall ein Fehler:

"Ich war lange etwas skeptisch gegenüber Mobbing, weil ich immer dachte, da wird ein Problem auf andere verlagert. Dann habe ich Studien gesehen, die zeigen, dass sich das oft stärker auf die Gesundheit auswirkt als frühkindliche Missbrauchserfahrungen, da gibt es so Längsschnittsuntersuchungen, die das gezeigt haben."

Oliver: "Ich bin nun 23, das ganze liegt also ca. zehn Jahre zurück. Für mich ist ganz klar, dass diese speziellen Erfahrungen meine gesamte, heutige Persönlichkeit bestimmen und begründen."

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