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Lesart | Beitrag vom 24.12.2020

Was lesen Autorinnen und Autoren?Bücher, die Hoffnung bringen

Terézia Mora, Raphaela Edelbauer und Feridun Zaimoglu im Gespräch mit Frank Meyer

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Ein aufgeschlagenes Buch (imago images / U. J. Alexander)
Zwei Autorinnen und ein Autor reden über Bücher, die in Krisenzeiten weiterhelfen können. (imago images / U. J. Alexander)

Für die meisten war das Jahr 2020 keine schöne Erfahrung. Doch Bücher können Licht ins Dunkel bringen. Terézia Mora, Raphaela Edelbauer und Feridun Zaimoglu über die Werke, die ihnen Hoffnung machen.

Wo kriegen wir Hoffnung her? Mehr Licht, in diesen schwierigen Zeiten? Die Frage liegt nahe an Weihnachten. Statt in die Bibel zu schauen, haben wir uns zwei Schriftstellerinnen und einen Schriftsteller aus dem deutschsprachigen Raum eingeladen, um Bücher zu finden, die uns das geben können.

Aus dem hohen Norden, genauer Kiel, kommt Feridun Zaimoglu. Den Osten vertritt Terézia Mora aus Berlin und aus Wien, also dem Süden, kommt Raphaela Edelbauer.

"Es ist hoffnungslos"

Wie es aus Wien fast nicht anders zu erwarten ist, hält Raphaela Edelbauer sich nicht für den besinnlichen Typ. Ihre Herangehensweise bezeichnet sie als Flucht nach vorn. Was ihr Halt gebe, sei die Ewigkeit. Beispielsweise Bücher über die Tiefe und das Alter des Weltalls. Peter Handkes Buch die "Wiederkehr des Immergleichen" sei es, was sie aus der aktuellen Situation herausreiße, der sie absolut nichts Positives abgewinnen könne.

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"Es ist auch hoffnungslos, sich da jetzt ablenken zu wollen, im Sinne von etwas Gutes darin zu finden. Ich glaube, ich finde das persönlich auch sehr respektlos in Bezug auf die vielen Opfer, die Corona einfach fordert. Ich glaube nicht, dass ich in der Lage bin, irgendwie einen Hoffnungsschimmer zu finden", sagt Edelbauer.

"Aber natürlich in Bezug darauf, dass es eine gewisse Beständigkeit gibt in der Literatur. Ich bin ja ein ganz großer Fan von Hölderlin, was auch zu diesem Jahr passt. Zu diesem Jahr, wo sehr lange Zeitspannen abgesteckt werden, wo man sagen kann, die Menschen sind doch gar durch andere Krisen gegangen und haben das in irgendeiner Weise überstanden."

Zeit für Gedichte

Feridun Zaimoglu fand hingegen in vielen Werken Hoffnung. Da sei zum einen Patrick Roths "Christus-Trilogie" und auch "Sunrise – Das Buch Josef", aber auch Sarah Kirschs Tagebuchaufzeichnungen "Märzveilchen", "Juninovember" und "Regenkatze". Und "Die jüdische Mutter" von Gertrud Kolmar sei gar so gut gewesen, dass Zaimoglu den Tritt verlor.

Terézia Mora sagt hingegen, dass ihr jedes gute Buch Hoffnung machen würde. Bei einem virtuellen Literaturfestival habe sie beispielsweise das Buch "Aufwachen in Shibuya" der tschechischen Autorin Anna Cima kennengelernt. Dies würde sich dadurch auszeichnen, wie jung, frisch und schön es geschrieben sei. Es handelt von einer tschechischen Studentin, die von Japan fasziniert ist und sich in zwei Teile spaltet, von denen einer in Shibuya, einem Stadtteil von Tokio lebt und der andere in Prag.

Dem gegenüber stünde "Rashomon. Erzählungen." von Ryūnosuke Akutagawa. Geschichten aus Japan, die 100 Jahre alt sind, was zu einer doppelten Entfremdung führe. Einmal durch die fremde Kultur Japans und durch den alten Erzählstil. Trotzdem sei das Gesagte sehr verwandt, weil es eben Menschen seien, die menschliche Dinge tun.

Zaimoglus "Leyla" kämpft sich frei

Wenn man Autorinnen und Autoren zu Gast hat, lässt man diese natürlich aber nicht nur über fremde Werke sprechen. Also wollten wir auch wissen, welche Bücher von ihnen selbst am meisten Hoffnung spenden.

Feridun Zaimoglu weiß von seinem Ruf, eher düstere Bücher zu schreiben. Aber er ist der Meinung, dass "Leyla", die Geschichte eines kleinen Mädchens, das zur Frau heranreift, dafür funktionieren würde. Sie habe zu vieles zu erdulden und ihr Kampf erscheine sinnlos, doch trotzdem gelänge es ihr, sich freizukämpfen.

Raphaela Edelbauer bezeichnet ihr Gesamtwerk als niederschmetternd. Trotzdem versuche sie, das immer mit möglichst viel Humor auszubalancieren. Ihr ginge es dabei nicht um den Inhalt, sondern um die Spracharbeit, die eine gewisse Leichtigkeit und Absurdität in ihre Bücher bringen würde und das Leben eigentlich erträglich mache.

Terézia Mora bezeichnet hingegen gleich zwei ihrer Bücher als hoffnungsvoll. Bei "Auf dem Seil" werde am Ende ja sogar Weihnachten im Freundeskreis gefeiert, was zwar nicht besinnlich sei, aber man könne daraus Freude schöpfen, am Leben zu sein. Und in "Die Liebe unter Aliens" gebe es sogar viele Erzählungen, in denen es darum gehe, wie man für einen Moment glücklich wird oder Liebe finden kann.

(hte)

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