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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 20.01.2011

Was die Preußen mit den Prussen zu tun haben

Gisela Graichen/Matthias Gretzschel: "Die Prussen", Scherz Verlag, München, 2010, 240 Seiten

Von Michael Opitz

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Königin Luise von Preußen. (Josef Maria Grassi)
Königin Luise von Preußen. (Josef Maria Grassi)

In ihrem Buch "Die Prussen" erzählen Gisela Graichen und Matthias Gretzschel die Geschichte eines Volkes, das lange Zeit erfolgreich darum kämpfte, seine eigene Identität und Selbstbestimmtheit zu wahren. Doch diese heidnische Enklave konnte im christlichen Europa nicht bestehen.

Jahrhundertelang verteidigte das baltische Volk der Prussen mutig sein Land, seine Sprache und seine Götter, bis es im späten 13. Jahrhundert schließlich vor der Übermacht des Deutschen Ordens kapitulieren musste. Die Sieger eigneten sich den Namen der Besiegten an, der später in die Weltgeschichte einging: Preußen. Gisela Graichen und Matthias Gretzschel erzählen die faszinierende, aber bisher kaum bekannte Geschichte der Prussen. Von den Kämpfen mit dem Deutschen Orden bis zum Untergang Preußens im Zweiten Weltkrieg, von der abenteuerlichen archäologischen Suche nach den Spuren des versunkenen Volkes der Prussen und seines Schatzes, der legendären Prussia-Sammlung aus dem Königsberger Schloss.

Im Jahr 997 wurde Bischof Adalbert erschlagen. Er kam bei dem Versuch zu Tode, die Prussen zu christianisieren. Adalbert ging als Märtyrer in die Geschichte ein, aber die Prussen blieben bis ins 13. Jahrhundert Heiden. Sie lebten im Samland, in einem östlich der Weichsel gelegenen Gebiet. In heiligen Hainen verehrten sie alle "Kreatur als Gott".

Bei dem Versuch, sie zu missionieren, scheiterte zwölf Jahre nach Adalbert auch Bischof BrUNO. Auch er biss sich an den Prussen die "Zähne aus", schreiben Gisela Graichen und Matthias Gretzschel in ihrem Buch "Die Prussen". Sie erzählen die Geschichte eines Volkes, dass lange Zeit erfolgreich darum kämpfte, seine eigene Identität und Selbstbestimmtheit zu wahren. Doch diese heidnische Enklave konnte im christlichen Europa nicht bestehen.

Nachdem die Prussen besiegt wurden – und das war höchst selten –, übernahmen die Sieger ihren Namen. Bis heute sind die durch den Handel mit Bernstein zu Reichtum gelangten Prussen im Namen Preußen präsent.

Die Autoren erzählen die Geschichte der Prussen in der Tradition der oral history. Gegliedert ist das Buch in drei Kapitel. Nachdem sie im ersten Kapitel den Spuren eines "versunkenen Volkes" nachgehen, begeben sie sich im zweiten Kapitel auf die Suche nach dem "Schatz der Prussen", um im letzten Kapitel die archäologischen Funde zu präsentieren. Überaus anschaulich breiten die Autoren ihr Material aus, aber nicht immer können sie auf Fakten zurückgreifen, wenn sie von bestimmten Ereignissen anschaulich berichten wollen. Häufig sind sie auf Mutmaßungen angewiesen, da kein Chronist festgehalten hat, was vorgefallen ist, als Bischof Adalbert erschlagen wurde. Dann werden die Leser angehalten, sich vorzustellen, wie es gewesen sein könnte.

Hingegen weiß man mit Sicherheit, dass Ernst August Hagen 1844 eine "Alterthumsgesellschaft Prussia" gründete und dass 1881 im Königsberger Schloss ein Prussia-Museum eröffnet wurde. Die Geschichte dieser Sammlung, die im Zweiten Weltkrieg zum Teil ausgelagert wurde, während andere Teile der Prussia-Sammlung bei der Bombardierung des Königsberger Schlosses verschüttet wurden, steht im Zentrum des zweiten Kapitels. Bevor man 1967 die Reste des Schlosses sprengte, wurde noch einmal eine Suchmannschaft in die Trümmer geschickt, die noch hunderte Objekte der Prussia-Sammlung fand.

Ein Teil dieser Sammlung kann heute wieder besichtigt werden. Zum 750-jährigen Jubiläum von Kaliningrad wurde 2005 – auch durch die Unterstützung der Zeit-Stiftung – eine neue Dauerausstellung der Prussia-Exponate eröffnet. Wer sich über die Geschichte der Prussen informieren will, der ist mit diesem Buch gut beraten. Es beschreibt äußerst kurzweilig, auf welchen abenteuerlichen Wegen die in den Wirren des Zweiten Weltkriegs auseinandergerissene Prussia-Sammlung in der Nachkriegszeit wieder zusammengeführt wurde, und bei dieser Reise in die Geschichte erfährt man mehr über das Volk, das zwar untergegangen ist, aber im Namen Preußen weiter existiert.

Gisela Graichen / Matthias Gretzschel, Die Prussen. Der Untergang eines Volkes und sein preußisches Erbe,
Scherz Verlag, München , 2010,
240 Seiten, 19,95 EUR

Gisela Graichen studierte Publizistik, Rechts- und Staatswissenschaften. Für das ZDF hat die Buch- und Filmautorin u.a. die erfolgreiche Archäologie-Serie »Schliemanns Erben« entwickelt. Gisela Graichen wurde u.a. mit dem Deutschen Preis für Denkmalschutz, dem Bayerischen Fernsehpreis
und dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Bei Scherz von ihr erschienen »Limes. Roms Grenzwall gegen die Barbaren.«

Matthias Gretzschel, geboren 1957 in der Nähe von Dresden, studierte nach einer Buchhändlerlehre in Leipzig evangelische Theologie. 1988 Promotion im Fachgebiet Christliche Archäologie und kirchliche Kunst. Seit 1990 arbeitet er als Kulturredakteur beim Hamburger Abendblatt. Er ist Autor zahlreicher Bücher u.a. zu kulturgeschichtlichen Themen.

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