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Lesart / Archiv | Beitrag vom 27.02.2011

Warum Homer die Farbe des Himmels nicht nannte

Guy Deutscher: "Im Spiegel der Sprache", Beck 2010

Rezensiert von Iris Hanika

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Marmorbüste von Homer (AP)
Marmorbüste von Homer (AP)

Farben, Räume, Geschlechter: Sprache dient nicht nur der Kommunikation, sie bestimmt auch unsere Sicht auf die Welt. Guy Deutscher ist eine aufregende Einführung in die Linguistik gelungen.

Warum heißt es bei Homer von der Farbe des Meeres, es sei wie Veilchen, das Fell der Widder in der Höhle des Kyklopen sei veilchendunkel, und auch vom Eisen, es sei "veilchenartig"? Warum sind bei Homer nicht nur Gesichter grün, sondern auch frische Zweige, und Keulen aus Olivenholz ebenso wie Honig? Und wenn Homer vom Himmel spricht, dann ist der alles mögliche, "bestirnt oder weit oder groß oder eisern oder kupfern; aber blau ist er nie" [S. 44, Gladstone]. Warum kommen in Ilias und Odyssee so wenig Farben vor?

Im England des 19. Jahrhunderts nutzte William Ewart Gladstone die Zeit, bevor er Premierminister wurde, zum Verfassen einer schließlich 1700 Seiten langen Studie über Homer und seine Zeit. Ganz am Ende dieses mächtigen Werkes gibt es ein Kapitel über die Farbe bei Homer oder vielmehr den Mangel daran. Die Meinung, Homer sei blind gewesen, teilte Gladstone nicht, denn so manche von Homers plastischen Beschreibungen wäre einem Blinden kaum gelungen. Gladstone kam zu dem Schluss, dass sich der Farbensinn der Griechen von unserem fundamental unterschieden und sich der unsere erst nach der Antike entwickelt haben müsse.

Mit dem heutigen Wissen über Genetik betrachtet, ist das eine abenteuerliche Vorstellung, denn von Homer trennen uns nicht einmal 3000 Jahre, und das ist eine viel zu kurze Zeit für grundlegende genetische Veränderungen. Aber warum behandelt Homer dann die Farben so stiefmütterlich?

Guy Deutscher, der Autor des hier anzuzeigenden Buches "Im Spiegel der Sprache", stellt Gladstones Homer-Forschung und die Geschichte der Farbbezeichnungen sehr ausführlich dar, denn an kaum einem anderen Beispiel kann man den Zusammenhang zwischen Sprache und Kultur, um den es Deutscher geht, so gut aufzeigen wie an diesem. Es ist nämlich nicht so, dass die Griechen andere Augen hatten als wir. Sie hatten andere Bedürfnisse. Die Farbe des Him¬mels zu benennen, gehörte nicht dazu.

Cover: "Im Spiegel der Sprache" von Guy Deutscher (Beck)Cover: "Im Spiegel der Sprache" von Guy Deutscher (Beck)Es waren also nicht die Augen zu Homers Zeit noch nicht so weit entwickelt, sondern die Sprache war es. Nicht nur Homers Himmel ist nicht blau, auch in der Bibel gibt es nichts Blaues, und die Etymologie berichtet uns, dass Blau überhaupt die letzte Farbe war, die einen Namen bekommen hat. Im Russischen gibt es nunmehr sogar zwei Wörter dafür, eins für Hellblau und eins für Dunkelblau, und wenn deutsche Muttersprachler hell- und dunkelblaue Gegenstände zunächst einfach nur "blau" nennen, dann bedeutet das nicht, dass sie den Unterschied nicht sehen könnten.

Auf drei Feldern führt Guy Deutscher vor, wie sehr unsere Sicht der Dinge von unserer Muttersprache bestimmt ist und zeigt damit, dass diese unsere Sicht der Dinge ein Konstrukt ist, das von dem Zufall abhängt, in welche Sprache wir hineinerzogen wurden. Neben der Farbe erläutert er das an den Raumbezeichnungen und am Genus der Wörter, und schließlich verstehen wir, dass sich die Welt für verschiedene Muttersprachler tatsächlich jeweils ein bisschen anders darstellt. Denn es macht einen Unterschied, ob eine Brücke weiblich ist, wie im Deutschen, oder männlich, wie im Spanischen. Und es macht auch einen Unterschied, ob man die Beziehungen der Dinge zueinander mit "rechts, links, hinten, vorne" beschreibt oder nach den Himmelsrichtungen, wie es in einigen australischen Sprachen geschieht.

"Im Spiegel der Sprache" ist eine sehr aufregende Darstellung der vielen verschiedenen Weisen, die Welt in Worte zu fassen, und damit eine regelrechte Einführung in die Linguistik. Denn auch von deren Geschichte samt ihrer Abwege handelt dieses Buch, das bei alledem sehr angenehm zu lesen ist und von Martin Pfeiffer vorbildlich aus dem Englischen des hebräischen Muttersprachlers ins Deutsche übertragen wurde.

Dass es die Sprache ist, die den Menschen konstituiert, wird einem bei der Lektüre dieses Buches mühelos klar, einfach, indem man begreift, dass wir vieles nur darum für selbstverständlich halten, weil wir unsere Muttersprache für etwas so Selbstverständliches halten wie das Blut, das durch unsere Adern fließt. Doch ist die Sprache keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Konstrukt, und jenseits der Dinge des Blutes, jenseits der biologischen Gegebenheiten, ist es der Mensch eben auch.

Guy Deutscher: Im Spiegel der Sprache
Beck 2010

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