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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 04.09.2009

Warum der Bund aktiv werden muss

Für ein nationales Programm zur Erhaltung von Originalen

Von Michael Knoche

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Wiedereröffnung der Anna Amalia Bibliothek in Weimar (AP)
Wiedereröffnung der Anna Amalia Bibliothek in Weimar (AP)

An einem schönen Septembermorgen, heute vor fünf Jahren, zogen dicke Rauchschwaden über Weimar. Ein defektes Elektrokabel hatte die Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Brand gesetzt.

Tagelang trieb der Wind versengte Blätter von Büchern über das Stadtgebiet, und wenn man sie genau betrachtete, zeigte sich, dass die Texte in Latein, Deutsch, Französisch, Italienisch oder Griechisch geschrieben waren: Ein europäischer Kulturschatz war in Flammen aufgegangen. In diesem Jahr ist das Historische Archiv der Stadt Köln eingestürzt. Und an den Handschriften der Sächsischen Landesbibliothek Dresden sind immer noch nicht alle Schäden behoben, die der Zweite Weltkrieg hinterlassen hat.

Die Bibliothekare und Archivare appellieren an diesem Wochenende mit einem Aktionstag in Ludwigsburg an die Öffentlichkeit: Bücher und Manuskripte müssen sorgfältiger gesichert und gepflegt werden. Die Bestände in den Bibliotheken und Archiven sind in guter Ordnung, aber in schlechter Verfassung. Es fehlt an Geld und an Infrastruktur, um das schriftliche Kulturgut zu erhalten. Aber: Klingt das nicht ein bisschen weltfremd angesichts der heutigen Möglichkeiten, die Originale auf andere, raffiniertere technische Plattformen zu bringen? Die elektronische Kopie eines Buches oder Manuskripts ermöglicht die weltweite Verfügbarkeit. Ist es nicht allgemein akzeptiertes Ziel, in den nächsten Jahrzehnten ganze Bibliotheken und viele Archive auch digital verfügbar zu machen?

Und doch: Wir dürfen das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Die Digitalisierungseuphorie darf uns nicht dazu verleiten, die Originale so stark zu vernachlässigen, wie dies seit vielen Jahren geschieht.

Einerseits ist die Langzeitarchivierung elektronischer Daten eine völlig offene Frage, deren Lösung zumindest sehr viel mehr Geld kosten wird, als wir das bisher erwarten. Viel wichtiger aber ist die Überlegung: Eine Stadtgründungsurkunde aus dem elften Jahrhundert oder die Manessische Liederhandschrift, die Weimarer Lutherbibel oder eine Notenhandschrift von Mozart, eine alte Landkarte oder das Fotoalbum eines Exilschriftstellers sind mehr als ihr zu reproduzierender Inhalt. Erst die Einheit von Inhalt und Überlieferungsform, also von Papier, Handschrift, Typographie, Einband, Besitzvermerken und anderen Kontextinformationen macht aus den Objekten unverwechselbare Zeugnisse. Nur der Originalerhalt sichert dauerhaft die Möglichkeit historischer Einordnung und wissenschaftlichen Verstehens.

Die auf 16 Länder in Deutschland verteilte Kulturhoheit hat bislang verhindert, dass es eine nationale Strategie zur Erhaltung der kulturellen Überlieferung gibt – so wie sie in vielen unserer Nachbarländer existiert. Das Problem ist zu groß und zu verzwickt, um es auf der Ebene eines einzelnen Bundeslandes lösen zu können. Der Bund hat sich bisher vornehm zurückgehalten. Jetzt aber hat Kulturstaatsminister Neumann signalisiert, dass er sich engagieren werde. Der Bund ist der einzige Akteur, der für ein koordiniertes Vorgehen sorgen und den Erhalt der national bedeutsamen Überlieferung auch finanziell wirksam unterstützen könnte. Wir brauchen nicht nur eine gemeinsame Strategie für die Digitalisierung – auch sie ist erst in bescheidenen Ansätzen erkennbar – sondern auch für die Erhaltung der originalen Zeugnisse der Kulturgeschichte!

Zurzeit ist das breite Reservoir der Überlieferung gefährdet, auf das eine Gesellschaft angewiesen ist, will sie sich über ihre Herkunft und Zukunft umfassend verständigen. Die Unglückfälle der letzten Zeit haben es noch einmal schrumpfen lassen. Aber: Archivalien und Bücher sind genauso Denkmäler unserer Kultur, wie es alte Stadttürme und Kirchen sind. Sie müssen auch künftigen Generationen unversehrt erhalten bleiben.

Michael Knoche (Maik Schuck, Klassik Stiftung Weimar)Michael Knoche (Maik Schuck, Klassik Stiftung Weimar)Michael Knoche, geboren 1951 in Werdohl/Westfalen, Direktor der Herzogin Anna Amalia Bibliothek, Weimar. Studium der Germanistik, Philosophie und Theologie in Tübingen, Promotion in Germanistik. Bibliothekar in Karlsruhe und Köln. Verlagstätigkeit beim Springer-Verlag in Heidelberg und Erich Schmidt Verlag in Berlin. Seit 1991 Direktor der Bibliothek unter dem Dach der Klassik Stiftung Weimar. Gutenberg-Preis der Stadt Mainz 2008.

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