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Länderreport | Beitrag vom 27.03.2020

Warten auf KurzarbeitergeldDie Hoffnung, dass die Arbeitsagentur schnell arbeitet

Von Claudia van Laak

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Das Loge der Bundesagentur für Arbeit ist an einer Backsteinfassade in Berlin zu sehen. Zudem steht dort der Schriftzug Bundesagentur für Arbeit. (Picture Alliance / imageBROKER / Karl-Heinz Spremberg)
Die Bundesagentur für Arbeit ist in der Pflicht und will Anträge auf Kurzarbeitergeld schnell bewilligen. (Picture Alliance / imageBROKER / Karl-Heinz Spremberg)

In vielen Branchen hat die Coronakrise das Geschäft abgewürgt. Die Unternehmen hoffen auf schnelle Hilfe von der Bundesagentur für Arbeit. Und der Behördenchef von Berlin-Brandenburg fokussiert alles auf diese Aufgabe.

Er ist krisengestählt, der frühere Bundeswehroffizier Bernd Becking, seit einigen Jahren Chef der Arbeitsagentur Berlin-Brandenburg. Wenn andere über Stress klagen, blüht er erst richtig auf. "Mir macht´s Freude, mir macht's Spaß."

Als vor fünf Jahren hunderttausende Flüchtlinge nach Deutschland kamen, arbeitete er für das damals völlig überforderte Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF).

Bernd Becking, Chef der regionalen Arbeitsagentur, sitzt in seinem Büro in der Arbeitsagentur, Friedrichstraße. Im Hintergrund ist ein Diagramm zu sehen, bei dem eine rote Linie steil nach unten verläuft. (Imago / TSP / Doris Spiekermann-Klaas)Bernd Becking, Chef der Berliner Arbeitsagentur (Imago / TSP / Doris Spiekermann-Klaas)

Die momentane Krisensituation erinnert mich daran, sagt Bernd Becking. "Personalverstärkung jetzt an die richtigen Stellen heranzubringen, die Prozesse noch mal zu verschlanken, zu optimieren. Sicherstellen, dass wir nicht bürokratisch agieren, dass wir von der Antragstellung viel schneller sein können, plausibilisieren, und auch sehr schnell das Geld fließen lassen können."

Wer braucht gerade Berufsberater?

Bernd Becking baut seine Behörde gerade in Rekordzeit um. Wer braucht gerade noch Berufsberater? Niemand. Also werden sie geschult, fit gemacht für das Thema Kurzarbeitergeld.

Stündlich, minütlich erkundigen sich Unternehmen danach, zeigen Kurzarbeit an, stellen Anträge. So wie Rüdiger Koch. Er ist Geschäftsführer eines Messebau- und Veranstaltungsunternehmens. Eine Branche, die als erste in die Knie ging. Alle 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind auf Kurzarbeit.

Die Betreuung durch die Arbeitsagentur war super, sagt Geschäftsführer Koch. "Wir hatten das große Glück, dass wir früh dabei waren, dass wir noch die persönliche Betreuung der Mitarbeiter hatten", sagt er. "Seit drei Tagen hat unsere Kollegin aus der Personalabteilung keinen persönlichen Kontakt mehr, aber sie sagt auch ganz klar, so wie wir es erlebt haben, ist es ganz toll gelaufen."

Riesenhilfe für das Unternehmen

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Kurzarbeit bekommen 60 beziehungsweise 67 Prozent ihres Nettogehalts. Sie müssen sich nicht darum kümmern, dieses Geld erhalten sie weiterhin von ihrem Arbeitgeber überwiesen. Dieser geht damit in Vorleistung und bekommt es später von der Arbeitsagentur ersetzt. Diese übernimmt auch die Beiträge zur Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung.

Für uns sind die Regelungen zur Kurzarbeit eine Riesenhilfe, sagt Geschäftsführer Koch – qualifizierte Mitarbeiter können so eine Zeitlang gehalten werden. "Wir haben noch einen Auftrag im Grunde genommen. Wir haben gerade Anfragen für November, sonst nur einen Auftrag für Juni. Sonst gibt es gar nichts mehr."

Gruselige Verhältnisse im Hotelgewerbe

Auch große Unternehmen haben bereits Kurzarbeit beantragt, in Berlin zum Beispiel die Flughafengesellschaft mit 2200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Und das größte Hotel Deutschlands, das Estrel in Neukölln mit 1125 Zimmern.

Estrel-Personalchefin Annette Bramkamp betritt jeden Tag ein Geisterhaus. "Im Moment funktioniere ich nur, weil wir hier so viele Aufgaben zu erledigen haben. Es fühlt sich schlimm an. Das kann ich wirklich nur mit furchtbar bezeichnen. Das ist ganz gruselig."

570 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt das Estrel-Hotel, 80 Prozent davon wurden in Kurzarbeit geschickt. Das ist Neuland auch für Personalchefin Bramkamp – ihr Thema war bislang der Fachkräftemangel.

Der Arbeitgeber schießt vor

Jetzt muss sie für jeden Mitarbeiter ausrechnen, wie hoch sein oder ihr Kurzarbeitergeld ist, diese Summe überweisen und dies der Arbeitsagentur anzeigen. Dann kann sie nur warten und darauf hoffen, dass die Arbeitsagentur das Kurzarbeitergeld zügig auf das Geschäftskonto des Estrel-Hotels überweist.

"Natürlich sollte die Liquidität für ein/zwei Monate da sein, aber dann wird es auch hier eng."

Messebauer Rüdiger Koch ergänzt: "Wir müssen jetzt sehen, wie sich das in den nächsten Tagen entwickelt, ob das Geld wirklich innerhalb einer Woche auf unserem Konto landet, so wie es angedeutet wurde." Er gehe erst mal davon aus, dass es klappe, sagt Koch, ergänzt aber: "Wenn es da zu Verzögerungen kommt, dann ist das für ganz viele Unternehmen ein Problem, was die Liquidität angeht."

Hilfe von der Handelskammer

Der Chef der Arbeitsagentur Berlin-Brandenburg, Bernd Becking, kennt die Nöte der Arbeitgeber. Er wisse, dass es ganz zentral sei, dass die Unternehmen das Kurzarbeitergeld zügig überwiesen bekommen: "Und wir setzen derzeit alles daran, um die Zeitläufe einzuhalten. Denn das ist gerade oberstes Gebot."

Für die telefonische Hotline zum Kurzarbeitergeld erhält die Arbeitsagentur bereits Unterstützung von anderen Berliner Institutionen, zum Beispiel von der IHK.

Und auch das Callcenter der landeseigenen Tourismusgesellschaft "Visit Berlin" könnte mit einsteigen. Da ruft nämlich gerade niemand mehr an.

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