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Breitband | Beitrag vom 18.08.2018

Warten auf Godot(ify)Von Haken und hüpfenden Punkten

Ein Beitrag von Jochen Dreier

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Messenger App  (imago/imageBROKER/Valentin Wolf)
Messenger App eines Social-Media-Dienstes. (imago/imageBROKER/Valentin Wolf)

Ein Großteil unserer digitalen Kommunikation läuft über Messenger. Und eines der Kernfeatures von fast allen Messengern ist ein kleiner blauer Haken: Nachricht gelesen. Aber was macht dieser mit uns?

Wer kennt es nicht? Man schreibt per Messenger eine Nachricht und nur wenige Sekunden später erscheint ein kleiner blauer Haken. Für viele ist klar: meine Nachricht wurde gelesen. Und nun beginnt das Warten auf eine Antwort. Wenn der Messenger zusätzlich noch mehr Druck aufbauen will, dann blendet er sogar ein, ob der Gegenüber gerade online ist und seit wann.

Blaue Haken und Onlinestatus sollen Sicherheit geben: meine Nachricht kam beim anderen an und sie wurde gelesen. Was aber eigentlich passiert ist, dass ein Druck aufgebaut wird. Beim Sender, aber auch beim Empfänger. Janina Loh, Philosophin an der Universität Wien, fasst dieses Gefühl so zusammen:Es "entsteht ein gewisser Erwartungshorizont, (eine) gewisse Erwartungshaltung. Und ich finde es sehr irritierend, wenn die nicht sofort erfüllt wird. Und ich fühle mich umgekehrt eben als jemand, der die Nachricht bekommt und sie dann liest, (und bin) gleichzeitig diesem Druck ausgesetzt, dass jetzt etwas von mir erwartet wird."

Drei hüpfende Kreise

Was aber oftmals gar nicht in Betracht gezogen wird: dass der blaue Haken dargestellt wird, ist nur ein Bug. Die Nachricht wurde vielleicht noch gar nicht gelesen, nur durch einen Fehler in der Software wird es so angezeigt. Diesen Glauben an die unfehlbare Technik, haben sich der Programmierer und Teilzeitmedienkünstler Iain Nash zusammen mit seinem Kollegen Anastasis Germanidis zunutze gemacht und ein Facebook-Plugin entwickelt: Godotify. Wenn jetzt jemand eine Messenger-Nachricht an mich schreibt, dann werden dem Absender ständig die hüpfenden Punkte angezeigt, die den Anschein erwecken, ich würde gerade schreiben. Mache ich aber nicht. Dafür kann ich bei Godotify in der App sehen, wie lange die Menschen den Punkten vertrauen und auf meine Antwort warten.

Das Missverständnis "Kommunikationsraum"

Anhand von Godotify wird das Problem deutlich: der Messenger wird als Kommunikationsraum wahrgenommen und der blaue Haken wird als Symbol für die Anwesenheit des Gegenüber in diesem Raum verwendet. Aber der andere ist vielleicht gar nicht da - oder war es nur für drei Sekunden. Würde man sich in einem Café treffen, wäre in jedem Moment für alle Beteiligten eindeutig, ob der Gesprächspartner sich noch im Raum befindet und man mit einer Antwort rechnen kann oder eben nicht. Der Messenger hingegen suggeriert diese Verfügbarkeit nur. Janina Loh: "Eigentlich ist ja nichts unverfügbarer als ein anderes menschliches Wesen. Die ganzen Kommunikationstechnologien ermöglichen eben die Illusion einer solchen Kontrolle und Verfügbarmachung."

Aber durch unser Schreiben in diesen Kommunikationsraum versuchen wir den anderen auch da zu behalten. Wer schreibt und sieht, dass der Gegenüber gerade da ist, der kann nicht einfach diesen Raum verlassen – so unsere Hoffnung. Aber, so die andere Erkenntnis, vielleicht war auch gar keiner da und wir sind nur durch von der Technik in die Irre geleitet worden.

Du bist nicht allein

Aber trotzdem geben uns der Haken und die hüpfenden Punkte das Gefühl, dass wir nicht allein sind. Oder wie Janina Loh es umschreibt: "(...) wir (sind) wie von Geistern umgeben, durch die modernen Kommunikationstechnologien, wir (haben) immer das Gefühl, dass jemand zuhört, dass jemand irgendwie anwesend ist."

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