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Interview / Archiv | Beitrag vom 20.11.2009

Warnau: Studierende lassen sich "nicht mehr abspeisen mit Versprechungen"

Studentenvertreter fordert konkretes Handeln

Thomas Warnau im Gespräch mit Hanns Ostermann

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Die Studentenproteste (wie hier in Köln) sollen weitergehen (AP)
Die Studentenproteste (wie hier in Köln) sollen weitergehen (AP)

Der Studentenvertreter Thomas Warnau hat einen Fortgang der Bildungsproteste an den Universitäten angekündigt. Die Studierenden wollten weitermachen, bis ihre Forderungen erfüllt seien, sagte Warnau.

Hanns Ostermann: Lehrjahre sind keine Herrenjahre, sagt der Volksmund. Doch irgendwann ist die Schmerzgrenze erreicht, in der Schule und an der Universität. Für viel Aufsehen haben die Demonstrationen am Anfang der Woche gesorgt, als Tausende auf die Straßen gegangen sind und Hörsäle in Beschlag genommen haben.

Freier Zugang zu Bildung statt Studiengebühren, bessere Lehr- und Lernbedingungen, oder mehr Mitsprache an Unis, das sind drei von zahlreichen Forderungen, die die Schüler und Studenten umtreiben und zunehmend wütend machen.

Nun gibt es die ersten auch positiven Reaktionen aus der Politik. Bildungsministerin Annette Schavan zum Beispiel will das BAföG erhöhen. Wie dies die Studenten bewerten, darüber habe ich mit Thomas Warnau gesprochen. Er studiert an der Fernuniversität Hagen Bildungswissenschaften und ist Vorstandsmitglied der FZS, dem Freien Zusammenschluss von 80 StudentInnenschaften. Sie vertritt etwa eine Million Studierende in Deutschland. meine erste Frage an ihn: Warum wollen Sie trotz erster Erfolge in der kommenden Woche weiterdemonstrieren?

Thomas Warnau: Wenn man die Ankündigung von Frau Schavan, das BAföG zu erhöhen, nimmt, die gestern schon dahingehend revidiert wurde, dass das 2010 erst mal nicht passieren soll, sondern dass ihre Äußerung auf die ganze Legislatur bezogen war, sieht man, dass es nicht wirklich Konsequenzen hat, sondern im Moment nur irgendwelche Versprechungen gemacht werden, damit die Proteste aufhören.

Ostermann: Der Bundeshaushalt ist ja auch nicht unendlich. Sicher: die Bildung hat absolute Priorität. Und trotzdem: Fließen die Gelder zielgenau? Könnte es anders verteilt mehr Wirkung erzielen?

Warnau: Dass der Bundeshaushalt nicht unendlich ist, ist klar. Aber eingeschränkt durch Steuersenkungen kann man auch nicht sagen, dass man wieder mehr Geld für Bildung ausgeben kann. Man kann nicht irgendwie versprechen, dass man weniger Einnahmen produziert und gleichzeitig mehr Ausgaben. Das funktioniert einfach nicht.

Das ist ja auch ein Punkt, der durchaus eben die Proteste mitbewegt, dass halt auf der einen Seite gerade Besserverdienende entlastet werden sollen und auf der anderen Seite an allen Ecken gespart wird und das Argument kommt, man hätte kein Geld.

Ostermann: Aber beim BAföG konkret kann doch nicht von heute auf morgen etwas geschehen, oder doch?

Warnau: Doch! Wenn Frau Schavan das Gesetz einbringt, so schnell wie die Union und FDP auch das Gesetz für die Steuersenkungen einbringen, dann wäre es kein Problem, das BAföG auch kurzfristig anzupassen.

Ostermann: Und deswegen machen Sie sozusagen auf der Straße weiter Druck?

Warnau: Das ist richtig. Das BAföG ist selbstverständlich nur ein Punkt, den es umzusetzen gilt, aber das ist ein Punkt, der hauptsächlich eben die Bundesregierung betrifft. Weitere Punkte richten sich dann eher stärker an die Landesregierungen oder an die Hochschulen.

Ostermann: Da kritisieren Sie handwerkliche Fehler bei den Bachelor- und Master-Studiengängen, überfrachtete Lehrpläne, Arbeits- und Prüfungsdruck. Vertreter der Wirtschaft könnten Ihnen jetzt sagen, das ist nun mal das Arbeitsleben. Was würden Sie denen antworten?

Warnau: Ich glaube nicht, dass das das Arbeitsleben ist, sondern dass das einfach der Versuch war, eine Reform zu umgehen. Den Hochschulen ist es in vielen Orten nicht darum gegangen, wirklich eine Reform durchzuführen, sondern althergebrachte Studiengänge einfach umzuwidmen, mit neuen Namen wieder zu reproduzieren, und dabei wurde übersehen, dass es früher Prüfungsbegrenzungen gab, dass also in Diplom- und Magister-Studiengängen nicht beliebig viele Prüfungen stattgefunden haben, sondern nur relativ wenige Prüfungen, deren Noten relevant waren, während jetzt in den Bachelor- und Master-Studiengängen jede Klausur, jede mündliche Prüfung, jede Hausarbeit benotet wird und eine entsprechende Relevanz hat, die früher nur bestanden werden musste, um zur eigentlichen Prüfung zugelassen zu werden.

Ostermann: Aber wie wollen Sie für eine Vergleichbarkeit auf europäischer Ebene sorgen? Das steht ja wohl im Hintergrund durch den Bologna-Prozess und -Vertrag.

Warnau: Genau und Vergleichbarkeit heißt erst mal ja auch nicht gleichmachen, sondern Vergleichbarkeit heißt, dass vergleichbare Ergebnisse bei den Modulen oder bei den Studiengängen erreicht werden. Und da sagt das Bologna-Abkommen ja auch ganz klar, dass es um eine Kompetenzorientierung geht.

Es geht also nicht darum, einfach Wissen zu vermitteln und auswendig lernen zu lassen und abzuprüfen, sondern es geht darum, welche Kompetenzen die StudentInnen erwerben und wie sie diese Kompetenzen eben entsprechend einsetzen können. Da gibt es sehr viel Spielraum, was eben Prüfungen angeht, was Lehrveranstaltungen angeht. Man kann sehr viel mehr variieren, als das in einem reinen Wissensstudiengang der Fall ist.

Ostermann: Haben Sie da eigentlich den Eindruck, dass die Professoren zum Beispiel in Ihrem Fach, den Bildungswissenschaften, durchaus an Ihrer Seite stehen?

Warnau: Das ist unterschiedlich von Hochschule zu Hochschule und letztlich, glaube ich, auch von Fach zu Fach nicht einfach zuzuordnen. Es gibt mit Sicherheit viele Professoren, die sich auch damit auseinandergesetzt haben, was der Bologna-Prozess eigentlich bedeutet und wie man den auch wirklich sinnvoll umsetzen kann. Das Problem ist nur: Solange die auch selber in der Minderheit sind in ihren Bereichen, können sie sich auch nicht gegen, sagen wir, alte Holzköpfe durchsetzen, die klar an alten Systemen und alten Regeln festhalten wollen, und das ist natürlich ein Problem.

Auf der anderen Seite ist mit der Einführung und auch mit der Zwangseinführung, die eben durch Landesgesetze vorgegeben wurde, nicht irgendwie begleitend einhergegangen, dass auch HochschullehrerInnen entsprechend geschult wurden dahingehend, was heißt eigentlich Bologna-Prozess, sondern auch alleine gelassen wurden und selber sehen mussten, wie sie damit umgehen. Dass da der leichteste Weg gewählt worden ist, ist vielleicht verständlich, aber mit Sicherheit nicht irgendwie gut.

Ostermann: Immerhin sollen die Studenten zufriedener als vor der Reform sein, so die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, Margret Wintermantel, und in den Geisteswissenschaften ist die Abbrecherquote stark zurückgegangen. Das sind doch durchaus Aspekte, die man auch berücksichtigen muss.

Warnau: Ob die Studierenden zufriedener sind als vorher, wage ich zu bezweifeln, denn dann gäbe es diese Proteste jetzt nicht. Frau Wintermantel hat vorgestern Abend in einem Radiointerview ja selber gesagt, dass sie bisher von vielen dieser Probleme, die angesprochen werden, ja gar nichts gehört hat bisher. Also scheint es auch noch nicht bis ganz oben in der Hochschulrektorenkonferenz angekommen zu sein, was wirklich die Studierenden vor Ort an Schwierigkeiten mit diesen Studiengängen haben.

Die Umfrageergebnisse, die teilweise vorgelegt werden, sind halt immer die Fragen, wie groß sind die Stichproben, wie lange existieren diese Studiengänge überhaupt schon, und es lässt sich nicht einfach alles über einen Kamm scheren. Es mag durchaus Studiengänge geben, in denen es besser geworden ist; es gibt aber eben genauso viele mindestens, in denen es schlechter geworden ist.

Ostermann: Sie fordern nicht zuletzt auch Mitsprache. In Bayern ist die Mitbestimmung abgeschafft worden. Wie groß sind die Aussichten, die Staatsregierung dort zu überzeugen, dass es durchaus von Vorteil ist, Studenten in Entscheidungsprozesse mit einzubeziehen?

Warnau: Na ja, ich denke, dass in Bayern und Baden-Württemberg durchaus immer Chancen bestehen, allerdings sicherlich nicht mit der CDU oder CSU, denn die scheint damit zufrieden zu sein, dass sie vor 30 Jahren die verfasste Studierendenschaft abgeschafft hat, und hat bisher auch keine Ambitionen gezeigt, das Ganze wieder einzuführen.

Aber auch da kann man eben darauf bauen, dass es eigentlich in allen anderen Parteien doch starke Bestrebungen dazu gibt, auch eine verfasste Studierendenschaft zu unterstützen, um den Studierenden insbesondere im hochschulpolitischen Bereich auch ein Äußerungs- und Mitspracherecht zu ermöglichen.

Ostermann: Herr Warnau, Sie haben schon gesagt, wir gehen auch in der kommenden Woche auf die Straße, wir wollen unseren Forderungen Druck verleihen. Wann ist mit dieser Art des Protestes Schluss? Also wann haben Sie den Eindruck, wir haben jetzt genug bewegt?

Warnau: Ich denke, das wird noch eine ganze Zeit anhalten. Ich war jetzt gerade bei der Vollversammlung in Köln in der Aula mit circa 500 Studierenden, die da anwesend waren, und die Stimmung scheint so zu sein, dass man wirklich weitermachen will, bis die Forderungen erfüllt sind.

Man lässt sich nicht mehr abspeisen mit Versprechungen und Angeboten, dass man Gesprächsrunden macht, sondern man will jetzt wirklich konkretes Handeln von der Seite der Hochschulen, oder auch von Seiten der Politik, um wirklich zu sehen, dass es eben weitergeht und dass es nicht einfach nur wieder ein Abspeisen ist.

Ostermann: Thomas Warnau, Vorstandsmitglied der FZS, dem Freien Zusammenschluss von 80 StudentInnenschaften, die etwa eine Million Studierende in Deutschland vertritt. Herr Warnau, vielen Dank für das Gespräch.

Warnau: Ja, gerne.

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