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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.04.2010

Warme Worte fürs Gewissen

Peter Singer: "Leben retten", Arche Verlag, Zürich-Hamburg 2010, 267 Seiten

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Eine Passantin steckt einen Geldschein in eine Sammelbüchse. (AP)
Eine Passantin steckt einen Geldschein in eine Sammelbüchse. (AP)

Der amerikanische Bioethiker Peter Singer hat ein ganzes Buch geschrieben, um uns ins Gewissen zu reden, mehr zu spenden. Einmal auf das Essengehen verzichten, könnte Menschen in den armen Ländern vor bitterster Armut, Krankheit und Tod bewahren.

Man hat ausgerechnet, dass jeden Tag 27.000 Kinder, die noch nicht einmal ihren fünften Geburtstag erreicht haben, sterben müssen, weil sie in Armut leben. Mit weniger als einem Euro pro Tag könnte man ihr Leben retten. Wie viel spenden Sie, um deren Tod zu verhindern? Vermutlich zu wenig. Das jedenfalls glaubt der amerikanische Bioethiker Peter Singer und er hat ein ganzes Buch geschrieben, um uns ins Gewissen zu reden, mehr zu geben. Einmal auf das Essengehen verzichten, könnte Menschen in den armen Ländern vor bitterster Armut, Krankheit und Tod bewahren.

Der Autor wendet sich nicht an den Staat, nicht an die Politiker, sondern direkt an uns, die Bürger der reichen Industriestaaten. Er fragt, wie wir es mit unserm Gewissen vereinbaren können, nicht zu spenden, haben wir es doch in der Hand, "ob andere Menschen leben oder sterben". Der wortgewaltige Moralist erzeugt beim Leser immer wieder ein schlechtes Gewissen.

Ausführlich geht Peter Singer auf die Einwände ein, die uns davon abhalten, sofort zur Überweisung zu greifen und widerlegt sie. Es sind immer wieder dieselben psychologischen Mechanismen, die die Hilfsbereitschaft unterminieren. Dazu gehört, dass wir die Betroffenen normalerweise nicht sehen, mit ihnen nicht verwandt oder bekannt sind. Ertrinkt vor unseren Augen ein Kind, würden die meisten ohne lange nachzudenken ins Wasser springen, um es zu retten. Sobald wir ein Gesicht, eine Geschichte, ein konkretes Leid gezeigt bekommen, sind wir hilfsbereit. Je weiter weg, je abstrakter und anonymer die Elendssituation, desto leichter fällt das Wegschauen. Und gegen die Ungewissheit, ob die Gelder auch bei den Betroffenen ankommen, gibt es inzwischen Prüfverfahren, die weitgehende Sicherheit schaffen.

Peter Singers Buch attackiert vor allem die amerikanische Mentalität, die statt auf Altruismus auf Eigennutz geeicht ist. Mitgefühl ist ein Schwächezeichen. Nicht Hilfsbereitschaft, Geld garantiert hohes Ansehen. Der Autor ist überzeugt, dass das nicht stimmt, sich nur keiner traut, zuzugeben, dass ihn das Elend anderer rührt. Man spendet lieber anonym, obwohl ein öffentliches Bekenntnis die Spendenbereitschaft anderer deutlich erhöht.

Dabei vergisst der Bioethiker zu erwähnen, dass manches Unternehmen, das sich seiner Spendenpraxis rühmt wie zum Beispiel Goldman-Sachs, zu den Verursachern der Wirtschaftkrise gehört, die Millionen weltweit erst in bitterste Armut stürzte. Die hemmungslose Ausbeutung der Entwicklungsländer durch amerikanische Unternehmen wird ausgeklammert. Wir sollen mit unseren Spendengelder reparieren, was ein hemmungsloser Kapitalismus angerichtet hat.

Der Autor kennt die Ursachen der Armut durchaus, wie korrupte Regime, extrem unfaire Handelsbedingungen, Entwicklungshilfe, die nur der eigenen Wirtschaft hilft oder politische Unterstützung sichert. Doch politische Forderungen stellt er nicht. Das Buch ist keine Analyse der Armut, es ist allein ein moralischer Appell. Nichts gegen persönliche Hilfe angesichts des Versagens der Politik, sie ist nötig und wichtig, aber damit perpetuiert man die politischen Verhältnisse, die für die Armut verantwortlich sind.

Besprochen von Johannes Kaiser

Peter Singer: Leben retten – Wie sich die Armut abschaffen lässt – und warum wir es nicht tun
Aus dem Amerikanischen Olaf Kanter
Arche Verlag, Zürich-Hamburg 2010
267 Seiten, 17,90 Euro

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