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Lesart / Archiv | Beitrag vom 03.03.2018

Warlam Schalamow: "Über die Kolyma"Der Schrecken des Gulag ganz nah

Von Rolf Schneider

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Im Vordergrund das Cover von Warlam Schalamows "Über die Kolyma", im Hintergrund ein Holzbretterzaun und Stacheldraht eines ehemaligen sowjetischen Straflagers. (Hintergrund: dpa picture alliance/ Matthias Tödt; Buchcover: Matthes & Seitz)
Warlam Schalamows erzählt in "Über die Kolyma" über seine Erlebnisse im Gulag zur Zeit Stalins. (Hintergrund: dpa picture alliance/ Matthias Tödt; Buchcover: Matthes & Seitz)

Warlam Schalamows "Erzählungen aus Kolyma" sind eines der eindrucksvollsten literarischen Zeugnisse über den Gulag. Kritiker messen ihnen einen ähnlichen Rang zu wie den Büchern von Imre Kertész, Primo Levi und Tadeusz Borowski. Nun liegt der siebte Band vor.

Geboren wurde er 1907, sein Vater war ein orthodoxer Priester. Er selbst begann Rechtswissenschaften zu studieren und wurde erstmals 1929 verhaftet, da er Stalin-kritische Texte vervielfältigt hatte. Das Urteil gegen ihn lautete auf fünf Jahre Straflager, von denen er drei verbüßte. Nach seiner Entlassung lebte er in Moskau als Journalist, 1937 wurde er im Zusammenhang der Großen Säuberung abermals verhaftet und zunächst in das Moskauer Geheimdienst-Gefängnis Butyrka eingeliefert.

Er schreibt darüber: "Frei kommt man aus der Butyrka nicht. Und nicht wegen der staatlichen Reputation, sondern einfach wegen des bürokratischen Kreisens dieses Todesrades, dem ein anderes Kreistempo zu geben, dessen Lauf zu verändern niemand den Willen, die Fähigkeit, die Erlaubnis und das Recht besitzt. Die Butyrka ist das Staatsrad."

Aufzeichnungen aus dem Nachlass

Schalamow wurde verurteilt wegen angeblicher trotzkistischer Tätigkeit. Seine Haft in Kolyma begann. Er arbeitete im Bergwerk, bei Schürfungen, als Holzfäller, er wurde schwerkrank, ein Lagerarzt rettete ihm das Leben, indem er ihm eine Ausbildung und Tätigkeit als Sanitäter ermöglichte. 1953, nach Stalins Tod, kam er frei, 1956 wurde er in Bezug auf seine Verurteilung von 1929 rehabilitiert.

In der Folge erschienen Gedichte von ihm in sowjetischen Literaturzeitschriften, er erkrankte und wurde invalidisiert, heimlich schrieb er an seinen Erzählungen, deren Manuskript er ins Ausland schmuggelte. 1982 ist er als Insasse einer Nervenheilanstalt gestorben.

"Über die Kolayma" folgt im Wesentlichen einem Band der russischen Schalamow-Ausgabe von 2005. Enthalten sind Aufzeichnungen aus dem Nachlass, zusammengestellt durch die russische Herausgeberin Irina Sirotinskaja. Es handelt sich um Paralipomena zu Schalamows großem Erzählwerk. Nicht alle Texte erreichen dessen stilistische Brillanz, manches ist bloß flüchtig notiert, es finden sich Doppelungen. Die Reihenfolge entspricht der inhaltlichen Chronologie, alles zusammen ergibt eine Schalamow-Autobiografie in Bruchstücken. Hinzu kommen die Skizze für ein nicht ausgeführtes Buchprojekt, vier Zeugnisse von Schalamow-Bekannten sowie ein ausführliches Nachwort der Berliner Slawistin Franziska Thun-Hohenstein, die sämtliche Bände der Werkausgabe betreut. Die vorzügliche Übersetzung stammt von Gabriele Leupold.

Gegen eine Psychologisierung

Am Beginn stehen drei kurze Aufsätze des Autors, die unter anderem dessen poetologische Überzeugungen formulieren.

Er schreibt dazu: "Man kann nicht gut von dem erzählen, was man aus der Nähe kennt. In gewissem Sinn muss der Schriftsteller ein Ausländer sein in der Welt, von der er schreibt. Nur dann kann er kritisch sein gegenüber dem Material, wird er frei sein in seinen Bewertungen. Wie aber von dem erzählen, wovon man nicht erzählen darf? Man die passenden Worte nicht finden kann. Vielleicht wäre es einfacher zu sterben."

Was sich hier mitteilt, ist Schalamows Skepsis gegen jede Art von Psychologisierung. Er will unbedingte Distanz halten. Zugleich misstraut er dem überlieferten erzählerischen Realismus, zumal in Gestalt des Romans, wie ihn etwa Solschenizyn handhabt. Das Erinnerungsbuch über seine erste Haftzeit, "Wischera", nennt er im Untertitel einen Anti-Roman, da er eine freie Montage-Technik anwendet, die den üblichen Regeln des Genres entgegen steht.

Sein erklärtes Vorbild sind Fjodor Dostojewskis "Aufzeichnungen aus einem Totenhaus", der Bericht über des Dichters Straflagerzeit. Nun war Dostojewski geradezu ein Virtuose des psychologisierenden Erzählens, wohingegen Schalamow sich für einen fast kalten, einen nüchtern-sachlichen Duktus entscheidet. Die Fakten, von denen die Rede ist, werden nicht emotional aufgeladen. Sie stehen für sich, was die Wirkung umso erschreckender macht.

Er schreibt dazu: "Ein Leutnant der Panzertruppen, beschuldigt nicht der Menschenfresserei, sondern der Leichenfresserei. Rotwangig, mit blauen Augen. 'Ja, Bruder, ich habe im Leichenhaus immer ein Stückchen abgeschnitten. Gekocht und gegessen. Wie Kalbfleisch. Ich habe Hunger.'"

Quälerei und keinerlei Solidarität

Hier wie in den "Erzählungen aus Kolyma" geht es um die alltägliche Grausamkeit des Lagerlebens. Es geht um Hunger, um die erbarmungslose Kälte, um körperliche Überforderung, um gegenseitige Quälerei, um Diebstahl, um Seuchen, um Läuse, um Kannibalismus, um den Tod. Hilfsbereitschaft und Solidarität bleiben die Ausnahme.

Er schreibt dazu: "Die drei großen Lagergebote: Glaube nicht - glaube niemand. Fürchte nicht - fürchte nichts und niemand. Bitte nicht - bitte niemanden um irgendetwas. Zähle auf nichts. Die schreckliche Redensart im Lager 'Stirb du heute, und ich morgen'."

Organisationsform der Arbeit, wie auch sonst in der sowjetischen Wirtschaft, ist die Brigade. Schalamow verabscheut die Stellung des Brigadiers, den er für korrupt und kriminell hält, niemals will er selbst einer werden. Manchmal verweigert er überhaupt jede körperliche Tätigkeit und riskiert, dafür erschossen zu werden, aber er kommt davon, nicht aus Nachsicht, sondern aus Gleichgültigkeit. Seine Anthropologie ist tiefschwarz:

Er schreibt dazu: "Der Mensch kennt sich selbst nicht. Die Möglichkeiten des Menschen zum Guten und zum Bösen haben unendlich viele Abstufungen. Die Verbrechen der Nazis kann man übertreffen - es findet sich immer Neues, noch Schrecklicheres."

Der Schriftsteller Walam Schalamow ist bis heute in Deutschland noch immer nicht sonderlich bekannt. Der Sammelband "Über die Kolyma" enthält nicht seine wichtigsten Arbeiten, doch auch er ist geeignet, diesen Autor populärer zu machen und zu verdeutlichen, welcher außerordentliche literarische Rang ihm zusteht.

Warlam Schalamow, Franziska Thun-Hohenstein (Hg.): Über die Kolyma. Erinnerungen
Reihe: Schalamow - Werke in Einzelbänden Bd. 07
Übersetzung: Gabriele Leupold
Matthes & Seitz, Berlin 2018
288 Seiten, 24,00

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