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Musikfeuilleton | Beitrag vom 04.12.2020

Walther von der Vogelweide und der MinnesangVon der Lanze zur Laute

Von Egbert Hiller

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Eine idealisierte Mamorstatue hebt sich vom strahlend blauen Himmel ab. Der Mann mit krausem Haar hält ein Saiteninstrument fest. (imago images / Südtirolfoto)
Das Denkmal von Walther von der Vogelweide in Bozen (imago images / Südtirolfoto)

Vor 850 Jahren, um 1170, wurde Walther von der Vogelweide, geboren. An der subtilen Lyrik des Minnesängers lässt sich der gesellschaftliche Wandel seiner Zeit ablesen.

Die zarten Töne des Minnesangs und die rüden Verhaltensformen der Ritter – wie ging das zusammen? Von der rauen Lebenswirklichkeit war der Minnesang weit entfernt. Das Besingen der Geliebten geriet vielmehr zur Projektionsfläche für die Sehnsüchte fahrender Ritter, die ohne eigene Hofhaltung kaum Hoffnung auf eine standesgemäße Ehefrau haben durften.

Einige Ritter ließen Fremde für sich dichten; andere tauchten selbst in die Welt von Lyrik und Gesang ein; so wie Walther von der Vogelweide, der um 1170, vor 850 Jahren, geboren wurde.

Kriegsmann und Minnesänger

Von der Lebenswirklichkeit schien sich der Minnesang, wie der Soziologe Norbert Elias betonte, weit abzuheben. Doch das Verhältnis zwischen Kunst und Leben, zwischen dem kunstvollen Minnesang und der Existenz als Ritter und Adeliger, war enger als es vordergründig anmutet – denn der Minnesang war untrennbar mit dem gesellschaftlichen Wandel im 12. und 13. Jahrhundert verknüpft; auch wenn der Widerspruch zwischen Kriegsmann und Minnesänger in einer Person aus heutiger Sicht verwirren mag. 

Freiheit und Intensität

Dazu die Germanistin und Mittelalter-Forscherin Frau Professor Annette Gerok-Reiter von der Universität Tübingen:
"Das ist wirklich ein verrücktes Phänomen, denn wenn man als eine Variante des Minnesangs, aber wirklich nur als eine, sieht, dass mit dem Minnesang ja auch eine Unterordnung in manchen Bereichen der männlichen Position unter die weibliche gespielt wird, verstärkt das das Erstaunliche. Warum? Das Eine ist, der Hof ist sozusagen 'Avantgarde', er macht beim neuen Kulturideal mit, er importiert Ideen aus Frankreich, das wäre eine Linie.

Interessanter ist es, wenn man auf das Inhaltliche geht: Was kann die einzelnen Beteiligten an diesem Spiel, an diesem Sprechen von Minne, so interessiert haben? Und da würde man wohl sagen, das Ganze ist ja doch ein Vorschlag, den Umgang miteinander auf personaler Ebene etwas strenger zu regeln, zu kontrollieren, aber zugleich ihm auch eine neue Freiheit und eine neue Intensität zu geben."

Komplexe Beziehungsnetze

Die strengere Reglementierung der Umgangsformen einerseits und die daraus erwachsenen Freiheiten andererseits waren untrennbar mit dem höfischen Leben verbunden: Die höfischen Konstellationen veränderten sich, Beziehungsnetze wurden komplexer, auch zwischen den Geschlechtern. Eine wichtige Voraussetzung dafür war, dass aufgrund einer wachsenden Zahl an Nachkommen nicht mehr für jeden Ritter eine eigene Hofhaltung möglich war.

Historische Abbildung aus "The Century Edition Of Cassell s History Of England" mit Schiffen, auf denen Ritter mit ihren Schilden dicht gedrängt stehen und auf dem Meer segeln. (imago images / ZUMA Wire / Ken Welsh)Mit Schiffen reisten die Ritter zum Heiligen Land. (imago images / ZUMA Wire / Ken Welsh)

Eine Chance sahen die jüngeren, nicht erbberechtigten Söhne des Adels in den Kreuzzügen, von denen sie sich die Eroberung neuer Besitztümer versprachen. Und gewissermaßen die Kehrseite dieser kriegerischen Option war, sich an einem anderen Adelshof dem dortigen Herrscher unterzuordnen.

Das führte auch zu neuen Bedingungen des Zusammenlebens und motivierte dazu, im übertragenen Sinne die Lanze mit der Laute zu tauschen. Zugleich erforderte die Hofverwaltung verstärkt Dienstleute oder Beamte, die unter der Bezeichnung Ministerialen eine eigene Gruppe bildeten. Der Minnesang war Ausdruck dieses umfassenden Wandels – in ihm wurde den neuen emotionalen und zwischenmenschlichen Qualitäten am Hof künstlerisch Raum gegeben.

Unerfüllte Sehnsüchte und echtes Begehren

In der Bezeichnung "Minnesang" ist der Begriff "Minne" zentral. Das mittelhochdeutsche Wort stand im Hochmittelalter für die Liebe, auch im Sinne von Verehrung und emotionaler Zuwendung. In der sogenannten "Hohen Minne" rückten ritterliche Unterwerfung und Werbung um die Gunst einer Dame in den Mittelpunkt, wobei die Dame einen gesellschaftlich höheren Status einnehmen konnte und so für den Werbenden im Prinzip unerreichbar war.

An die ferne Geliebte

Dies korrespondiert zwar mit der Situation vieler Ritter in dieser Zeit, die ohne eigene Hofhaltung auskommen mussten und der Dame des Hofes, an dem sie sich befanden, gesellschaftlich unterlegen waren. Der Minnesang ist aber auch als literarisch-fiktionales Spiel zu verstehen, das gleichwohl eine Projektionsfläche sowohl für unerfüllte Sehnsüchte als auch für echtes Begehren bieten konnte.

Nicht auf Minne reduzierbar

Geboren wurde Walther von der Vogelweide um 1170, also vor 850 Jahren. Unter den Minnesängern nimmt er eine Sonderstellung ein, denn er war nicht nur im Minnesang aktiv, sondern auch im "Sangspruch" – einer Gattung, die mehr belehrenden Charakter hatte und vor allem politisch-kritische Aspekte fokussierte. Walthers Sonderstellung beruht aber auch auf der vergleichsweise guten Überlieferung seines Schaffens, was mit ein Grund dafür ist, dass er der heute wohl bekannteste Minnesänger ist. 

Ein Mann mit langem Umhang und Blumenkranz auf dem Kopf samt Bart hält einen kleinen Vogel in der Hand und schaut über die Schulter zum Betrachter. (picture alliance / dpa / Wolfram Steinberg)Eine idealisierende Darstellung des Dichters und Minnesängers Walther von der Vogelweide auf einer Hausfassade in Berlin (picture alliance / dpa / Wolfram Steinberg)

Auch wenn der Minnesang selbst unterging, eines seiner wesentlichen Motive lebte weiter – und zwar das Motiv der fernen und unerreichbaren Geliebten, das aus den Künsten nicht wegzudenken ist und für das der Minnesang im deutschsprachigen Raum die Initialzündung markierte. 

Die Minnesänger des 12. und 13. Jahrhunderts, allen voran Walther von der Vogelweide, gehörten zur Avantgarde ihrer Zeit, die in ihrer Kunst gesellschaftliche Veränderungsprozesse seismographisch erfassten und zum Ausdruck brachten.

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