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Kompressor | Beitrag vom 25.03.2015

"Walking Theory"Kunst als öffentlicher Akt

Von Christoph Ohrem

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Blick auf Serbiens Hauptstadt Belgrad. (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)
"Walking Theory" stammt aus Belgrad und mischt alte Propagandafilme mit Bildern von Demonstrationen. (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)

Das Künstlerkollektiv "Walking Theory" aus Belgrad will Theorie und Praxis miteinander verknüpfen, das Kunstestablishment aufmischen und überhaupt den Kapitalismus abschaffen. Jetzt sind sie als Resident zu Gast bei der Akademie der Künste in Köln.

Ein großes Stadion, auf der Rasenfläche stehen mehrere Hundert Menschen in identischer Kleidung akkurat in Reihen. Sie tanzen, führen die gleichen Bewegungen aus - eine Massenchoreografie. Zu den Archivaufnahmen läuft ein Propagandalied zu Ehren des ehemaligen Anführers von Jugoslawien, Tito. Ein Ausschnitt aus dem Film "Yugoslavia, How Ideology Moved Our Collective Body".

Marta Popivoda vom Belgrader Künstlerkollektiv "Walking Theory" hat diesen Film gemacht. Eine Arbeit, die zugleich Kunst, Manifest und theoretische Abhandlung ist. Ihr Film ist das Ergebnis einer zweijährigen Recherchearbeit, die sich mit Performance-Theorie auseinandersetzt.

"Der Film behandelt die Frage, wie sich Ideologie in der Öffentlichkeit durch Massenchoreografien darstellt. Im Rahmen der Recherche musste ich mich auf einen Punkt beschränken. Ich wählte Jugoslawien."

Das Bildmaterial hat sie in jahrelanger Arbeit aus allen möglichen Archiven zusammengesucht. Bilder der Masseninszenierungen, die die politische Führung Jugoslawiens als Propaganda benutzte. Daneben ist sie aber auch auf bislang unveröffentlichtes Material gestoßen.

Eine Straße. Eine Gruppe von jungen Menschen in lässiger Kleidung skandiert: Arbeiter, Studenten. Bilder aus dem Jahr 1968. Eine Protestbewegung in Jugoslawien. Die Demonstranten werden später brutal niedergeknüppelt. Und doch haben sie mit ihren Körpern auf der Straße ihrer Unzufriedenheit Ausdruck verliehen.

Gegen den Geniebegriff

Popivoda bringt in dem Film zusammen, was nicht zusammenpasst. Zum einen Bilder der harmonischen Selbstinszenierung des Staates. Zum anderen die chaotischen Bilder von Demonstrationen. Sich selbst bezeichnet sie als cultural worker, also Kulturarbeiter.

"Wir kämpfen gegen die Idee des genialen Künstlers. Unsere Kunst überprüfen wir deshalb mit verschiedenen kritischen Theorien."

Die Künstler von "Walking Theory" verstehen sich als Aktivisten. Sie kämpfen gegen eingefahrene Strukturen im Kunstbetrieb und gegen die neoliberale Ideologie. Theorie und Praxis gehen Hand in Hand. So erklärt sich auch der Name des Belgrader Künstlerkolletivs: "Walking Theory". Ana Vujanović hat 2000 das Kollektiv mitgegründet.

"Zunächst hieß unsere Gruppe: Theorie, die geht, isst, schläft, singt. Dass die Theorie also einen Körper hat. Als wir in die Öffentlichkeit gingen kürzten wir das zu walking theory. Gehen als Bewegung und als Zeichen, dass die Theorie in der Öffentlichkeit stattfindet."

Kunst, die aneckt

Kunst als öffentlicher Akt. Der interdisziplinäre Ansatz dieses Künstlerkollektivs macht die Einordnung schwer: soziologische Abhandlung, künstlerisches Manifest oder Analysewerkzeug? Ein bisschen von allem.

Klar ist: Mit deutlicher Haltung, linker Gesinnung und einer unkonventionellen Arbeitsweise eckt man auch an. Bojana Cvejić erzählt von Missverständnissen:

"Wir sind in Jugoslawien geboren worden. Jetzt sind wir serbische Staatsbürger. Einige Kommentare nannten den Film jugo-nostalgisch. Der Film ist auch unseren Großeltern gewidmet. Jugo-nostalgisch ist er aber nicht. Mit unserer Arbeit möchten wir die Erfahrung des jugoslawischen Sozialismus wieder aufwerten."

Es geht also nicht darum, in dem Film die Zeit unter Tito zu verherrlichen, sondern darauf aufmerksam zu machen: Es gibt Alternativen zu dem kapitalistischen Gesellschaftssystem, indem wir leben. Die protestierenden Menschen haben für eine gerechteren Staat gekämpft. Nicht für die Einführung des Kapitalismus.

Fazit

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