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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 08.03.2018

Walfang in JapanDie lange Leidensgeschichte der sanften Riesen

Von Jennifer Rieger

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Eine Pottwalkuh mit ihrem Kalb (imago / Westend61)
Eine Pottwalkuh mit ihrem Kalb: Ist das Bild vom intelligenten Riesentier moralisch überfrachtet? (imago / Westend61)

Früher war Walfang mühsam und gefährlich, dann wurde er zum effizienten Geschäft. Japan verkauft ihre tödliche Mission als Wissenschaft, aber es gibt auch Widerstand im eigenen Land. Und der Walfang ist nur eine der existenziellen Bedrohungen.

Stellen Sie sich vor, Sie schweben Tausende Kilometer über der Erde und blicken herunter auf diesen kleinen blauen Punkt im All. Aus dieser Perspektive wird schnell klar: Kontinente, der angestammte Lebensraum des Menschen, bedecken nur einen kleinen Teil unseres Planeten. Auch wenn wir es manchmal vergessen, wenn wir mit beiden Füßen auf festem Boden stehen: Der größte Teil der Erdoberfläche ist von Ozeanen bedeckt. Sie sind nicht das Reich der Menschen – sondern das Reich der Wale.

Spezieller Platz in den Herzen vieler Menschen

Vielleicht liegt es daran, dass sie Säugetiere sind, die im Meer leben. Vielleicht ist es die enorme Größe mancher Arten – mit einer Körperlänge von rund 30 Metern ist der Blauwal das größte Tier, das jemals auf der Erde gelebt hat. Die verblüffende Intelligenz, die manche Delfine an den Tag legen oder die geheimnisvollen Gesänge der Buckelwale. So oder so – Wale haben einen speziellen Platz in den Herzen vieler Menschen. Doch Begegnungen zwischen Mensch und Wal liefen nicht immer friedlich ab.

"Da bläst er! Ein Buckel wie ein Schneeberg. Er ist es, es ist Moby Dick!"

Als Herman Melville 1851 seinen Roman Moby Dick herausbrachte, war Walfang ein mühsames und gefährliches Geschäft. Die Walfänger blieben meist Monate lang auf See, um Wale zu fangen, aus deren Tran Salben, Lampenöl, Seife, Margarine und Nitroglyzerin hergestellt wurde.

Felicity Greenland: "Seemannslieder haben mich schon immer fasziniert, weil sie Menschen zusammenbringen. Einer übernimmt die Führung und singt die Strophe. So konnten Leute zusammen singen, selbst, wenn sie sich untereinander nicht kennen, das Lied nicht kennen und nicht einmal die gleiche Sprache sprechen – was auf großen Segelschiffen häufig vorkam.

Felicity Greenland ist Engländerin, doch sie lebt schon seit Jahren in Kyoto und lehrt Englisch an der Doshisha Universität:

"Die Walfänger aus den Vereinigten Staaten im Stil von Moby Dick blieben über Monate auf See, manchmal sogar Jahre. Sie waren weit weg von ihren Familien, sahen ihre Frauen und Kinder nicht und die Bedingungen auf den Schiffen waren sehr, sehr hart."

Dementsprechend häufig wird in englischsprachigen Sea Shanties über die Arbeit lamentiert. Sie gaben außerdem den Takt an für die Arbeit an Deck – Segelhissen, Ankerlichten und so weiter:

"Es gibt ein sehr populäres hawaiianisches Seemannslied namens John Kanaka. Das ist wirklich gut, weil es einen sehr kurzen, repetitiven Refrain hat. Jemand, der das Lied kennt oder auch nur bereit ist, sich etwas auszudenken, würde dann zum Beispiel singen: 'I thought I heard the captain say'. Und alle anderen lernen nach und nach den Refrain: John Kanakanaka too-rae-ay."

Japanische Walfänger mit ihrer Beute (©Kyodo / MAXPPP)Japanische Walfänger mit ihrer Beute (©Kyodo / MAXPPP)

Drei Millionen harpunierte Wale im 20. Jahrhundert

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts machte der Walfang einen technologischen Sprung: Dank motorisierter Schiffe und Harpunen mit explosiven Köpfen, einer Neuentwicklung aus Norwegen, wurde er so effizient wie nie. Allein im 20. Jahrhundert fielen etwa drei Millionen Wale den Harpunen zum Opfer.

Doch irgendwann wurde klar: So konnte es nicht weitergehen. Die Populationen von Pottwal, Buckelwal und Seiwal waren stark dezimiert, Blauwal und Nordkaper standen kurz vor der Ausrottung.

Phillip Clapham: "Walfang war früher absolut nicht nachhaltig und es wurde viel betrogen. Walfangnationen haben ständig mehr Wale gefangen, als die Populationen aushalten konnten."

Phillip Clapham arbeitet für die Nationale Wetter- und Ozeanografiebehörde der USA, er leitet das Wal- und Ökologieprogramm am Marine Mammal Laboratory in Seattle. Außerdem ist er seit mehr als 20 Jahren Mitglied des wissenschaftlichen Konsortiums der Internationalen Walfangkommission, die 1946 gegründet wurde:

"Als die Mitgliedsstaaten 1946 das Internationale Übereinkommen zur Regelung des Walfangs unterzeichneten, war das Ziel, nachhaltigen Walfang zu garantieren. Dass nur so viele Wale gefangen würden, dass die Industrie auf lange Sicht überleben kann. Aber natürlich hat das nicht geklappt."

Das Problem: Um nachhaltige Fangquoten zu berechnen, muss man wissen, wie viele Wale es noch gibt – was schwierig einzuschätzen ist, wenn die Tiere, um die es geht, den größten Teil ihres Lebens unter Wasser und fern der Küsten verbringen:

"Selbst in den 1950ern, als klar wurde, dass die Populationen schrumpfen, sagten die Walfänger, wir glauben, die Wissenschaftler liegen falsch, wir werden weiter Wale fangen."

Greenpeace startet erste Antiwalfang-Kampagne

Doch das sollte sich ändern. In den 1960ern und 70ern erwachte ein neues Bewusstsein für die drohende Zerstörung der Umwelt. Mitte der 70er startete die noch junge Organisation Greenpeace ihre erste Antiwalfang-Kampagne – und sie war die vielleicht erfolgreichste globale Umweltbewegung aller Zeiten.

"Save the Whales" – Rettet die Wale – der Slogan hatte hohen Wiedererkennungswert und prangte bald auf Buttons an Jackenaufschlägen rund um den Globus. 1982 beschloss die Walfangkommission schließlich, dem kommerziellen Walfang ein Ende zu setzen, vier Jahre später trat das Moratorium in Kraft. Nur wenige Staaten, darunter Norwegen und Island, legten Einspruch ein und führen ihre Walfangaktivitäten bis heute fort.

Greenpeace-Aktivisten in einem Schlauchboot fahren am 20.12.1999 an einem japanischen Verarbeitungsschiff im Walschutzgebiet in der Antarktis vorbei, um den Walfang zu stoppen.  (picture alliance / dpa / epa Greenpeace)Greenpeace-Aktivisten in einem Schlauchboot versuchen im Jahr 1999 an einem japanischen Verarbeitungsschiff, den Walfang zu stoppen. (picture alliance / dpa / epa Greenpeace)

Japan dagegen macht Gebrauch von Artikel VIII des Übereinkommens, der es den Mitgliedsstaaten erlaubt, Wale für Forschungszwecke zu fangen und zu verarbeiten. Das Land argumentiert, dass sich zum Beispiel das Alter nur anhand des Ohrpfropfens genau bestimmen lässt, der bei Walen Jahresringe bildet. Auch was ein Wal gefressen hat, könne man nur herausfinden, indem man ihn aufschneidet.

Das erklärte Ziel der japanischen Regierung ist, die nötigen Daten zu sammeln, um den kommerziellen Walfang wiederaufnehmen zu können – wie es das Internationale Übereinkommen zur Regelung des Walfangs offiziell vorsieht. Manche Mitgliedsstaaten sind allerdings der Ansicht, dass sanftere Forschungsmethoden genauso gut funktionieren würden und streben eher danach, Wale zu schützen als sie nachhaltig zu nutzen.

Fundamental gewandeltes Wal-Image

Ob nachhaltiger Walfang möglich wäre oder nicht, ist nicht unbedingt der Kern der Debatte. In vielen der heutigen Nicht-Walfangnationen hat sich das Bild des Wals fundamental gewandelt – vielleicht mehr als das Image irgendeines anderen Tieres. Die schwimmenden Berge aus Fett und Fleisch wurden zu geheimnisvollen, sanften Riesen, eine fast kosmische Präsenz auf unserem Planeten.

Viele der Bestände haben sich in der Zwischenzeit erholt – doch der Kampf um den Walfang geht weiter. Vor allem der wissenschaftliche Walfang der japanischen Flotte sorgt immer wieder für Empörung. Warum ist es so schwierig, eine Einigung zu finden? Streng genommen wäre keine der Walfangnationen von Kalorien aus Walfleisch abhängig. Im Westen kommt außerdem immer wieder die Botschaft an, dass in Japan immer weniger Walfleisch gegessen wird.

In einer kleinen Seitenstraße in Nerima, einem Stadtbezirk im Nordwesten Tokios, zwischen Nudelbars und Friseurläden, liegt das Hauptquartier von IKAN, dem Iruka & Kujira Action Network. Iruka ist das japanische Wort für Delfin, Kujira für Wal.

Im ersten Stock werde ich von der kompletten Vollzeitbelegschaft der Organisation erwartet – sie besteht aus einer einzigen Person.

"Nice to meet you. Nanami."

Nanami Kurasawa ist eine zierliche Frau mit schulterlangen weißen Haaren. Außer ihr gibt es noch etwa acht Freiwillige, die gelegentlich bei IKAN arbeiten, allerdings nur in Teilzeit.

Eine japanische Aktivistin will aufklären

Momentan sei die Organisation nicht sehr aktiv, sagt Nanami Kurasawa, Walfang ist gerade kein sehr populäres Thema in Japan. Daher organisiert sie im Moment kaum Kundgebungen oder Demos – solche Methoden haben hier keinen großen Erfolg. Stattdessen arbeitet die Aktivistin mit anderen, größeren Organisationen zusammen. Greenpeace zum Beispiel:

"Yes, and also WWF Japan or Nature Conservation Japan and Wild Birds Society of Japan."

In erster Linie will Nanami aufklären. Sie breitet eine Broschüre auf dem Tisch aus, die eine deutliche Sprache spricht: "Wissenschaftlicher Walfang – Es ist Zeit, aufzuhören!" steht darauf.

Diagramme mit Balken und gezackten Linien zeigen die Bestände und den Verbrauch an Walfleisch in Japan.

Ungefähr 30 Gramm Walfleisch isst der Durchschnittsjapaner pro Jahr, sagt Nanami Kurasawa. Das entspricht etwa einem halben Schokoriegel. Trotzdem hängen vor allem ältere Generationen am Walfleisch. Während und nach dem Zweiten Weltkrieg half es dem Land über die Lebensmittelknappheit hinweg, eine ganze Generation von Kindern wuchs mit Walfleisch als Teil des Schulessens auf.

Argumente stoßen größtenteils auf taube Ohren

Nanami Kurasawa. "Heute haben kaum noch Firmen Interesse, den Walfang wiederaufzunehmen. Es ist kein gutes Geschäft, aber die Regierung gibt eine Menge Steuergelder aus, um es aufrechtzuerhalten. Es ergibt keinen Sinn.

Wale zu fangen sei nicht nur unwirtschaftlich, es schade auch dem Ökosystem. Wale und Delfine, argumentiert Nanami, spielen eine wichtige Rolle für das natürliche Gleichgewicht im Meer. Doch ihre Argumente stoßen größtenteils auf taube Ohren.

"Der Druck von außen ist zu groß. Die japanische Bevölkerung denkt, dass ich nur tue, was ich tue, weil es Druck aus dem Ausland gibt."

Umweltorganisationen wie Greenpeace und die Sea Shepherd Conservation Society haben über Jahrzehnte so viel Druck gemacht, dass jede Kritik am Walfang wie ein Echo der Kritik aus dem Ausland wirkt. Kritik, gegen die es die japanische Kultur und Tradition zu verteidigen gilt:

"Ich glaube, es hat mit Nationalismus zu tun. Wir mögen es nicht, wenn uns andere Länder vorschreiben wollen, was wir tun sollen."

Taiji gilt als Geburtsstätte des historischen Walfangs in Japan. In der Edo-Periode, vom frühen 17. bis ins 19. Jahrhundert, machten die Menschen hier mit schnellen Ruderbooten Jagd auf Pottwale, Glattwale, Buckelwale und Grauwale, die an der Küste entlangzogen.

Maritime Geschichte mit Tradition

Nur wenige Überbleibsel zeugen von Taijis historischem Walfang, doch Hayato Sakurai bemüht sich, sie zu archivieren. Er ist Historiker und Kurator für Maritime Geschichte an Taijis Walmuseum:

"This is the only remaining piece of original whale boats."

Sakurai-san führt durch die Ausstellung. Zwei Stücke hölzerner Planken mit Resten bunter Bemalung darauf – mehr ist von den alten Ruderbooten nicht übriggeblieben. Doch Hayato Sakurai konnte die Bemalung der Boote rekonstruieren. Sie waren mit Lack beschichtet, wohl, damit sie schneller durchs Wasser gleiten konnten – und sie waren prächtig bemalt:

"Es sind alles heilige oder glückbringende Symbole: Chrysanthemen, Kirschblüten, Bambus. Das sind Glücksbringer in Japan."

Hayato Sakurai interpretiert die Bemalungen so: Sie waren nicht für die Walfänger gedacht – sondern für die Wale:

"Ich glaube, die Dekorationen sollten eine schöne Umgebung auf dem Meer schaffen. Das letzte, was die sterbenden Wale sahen, waren diese wunderschönen bunten Boote, die vielleicht anmuten wie das Reine Land."

Die Walfänger waren Buddhisten. Sie hatten die Vorstellung, dass ihre Beute ins Jenseits geleitet werden muss, damit sie auch selbst eines Tages glücklich dort ankommen konnten. Deshalb kreierten sie eine Art künstliches Reines Land auf dem Wasser – so zumindest Sakurais Theorie, nicht 100-prozentig zuverlässig, wie er sagt.

Noch heute zeugen die Nachnamen vieler der rund 3000 Bewohner von der Beschäftigung ihrer Vorfahren. Sie heißen Seko – nach den Harpunieren, Ryono – nach den Ruderern, oder Tōmi – nach den Männern mit den guten Augen, die Ausschau nach den Walen hielten.

Taijis Fischer jagen heute Delfine

Heute werden hier keine großen Wale mehr gefangen – doch einige Fischer haben sich auf die Delfintreibjagd spezialisiert, was Taiji unfreiwillig ins Licht der Öffentlichkeit rückte.

Im Jahr 2009 kam der Film "The Cove", zu deutsch "Die Bucht", in die Kinos. Ein brillant erzähltes, rasantes, größtenteils heimlich gefilmtes Werk zwischen Dokumentation und Agentenfilm. "The Cove" zeigt in dramatischen Bildern, wie Taijis Fischer Delfine in die namensgebende Bucht treiben. Manche der Tiere werden geschlachtet. Doch das lukrativere Geschäft ist der Handel mit lebenden Delfinen, die an Delfinarien im In- und Ausland verkauft werden.

Der US-amerikanische Delfinschützer Richard O'Barry, der im Oscar-prämierten Dokumentarfilm "The Cove" zu sehen war, protestiert am 2.11.2010 im japanischen Taiji gegen die Delfinjagd.   (imago / Kyodo News)Der US-amerikanische Delfinschützer Richard O'Barry, der im Oscar-prämierten Dokumentarfilm "The Cove" zu sehen war, protestiert im japanischen Taiji gegen die Delfinjagd. (imago / Kyodo News)

"The Cove" gewann 2010 einen Oscar. Taijis Stadtverwaltung, die bisher kaum einen englischsprachigen Mitarbeiter hatte, musste sich plötzlich mit einem riesigen internationalen Medienaufgebot herumschlagen. Umweltschutzorganisationen wie Sea Shepherd, Dolphin Project und Greenpeace richteten permanente Posten ein, um die Delfintreibjagd zu überwachen.

Es gab immer wieder Zusammenstöße zwischen Fischern und Aktivisten. Schließlich schickte die Präfektur Wakayama zusätzliche Polizisten, gegenüber der berüchtigten Bucht wurde eine Polizeistation installiert.

Cynthia Fernandes: "Ich wusste, dass es eine Bucht in Japan gibt, wo Delfine geschlachtet werden. Als 'The Cove' herauskam, wollte ich mehr darüber wissen. Ich habe den Film gesehen und fand ihn sehr verstörend."

Inzwischen ist es in Taiji ruhiger geworden. Cynthia Fernandes ist eine von drei Aktivistinnen, die für die Delfinschutzorganisation Dolphin Project in Taijis Nachbarstadt Kii-Katsura Stellung bezogen haben. Sea Shepherd hat dieses Jahr keine Freiwilligen geschickt.

Delfin-Aktivistinnen treffen auf Nationalisten

Trotzdem ruft der Konflikt immer wieder Nationalisten auf den Plan, die sich an der Kritik aus dem Ausland stören:

"Letztes Jahr hatten wir eine Frau hier, sie saß alleine im Auto am Hafen und wartete darauf, dass die Boote zurückkommen. Eine Gruppe von Nationalisten kam, sie haben angefangen, auf das Auto zu hämmern, darauf zu spucken und sie zu beschimpfen. Die Polizei war da, hat sie aber nicht aufgehalten. Ich glaube, das hat für negative Publicity gesorgt."

Cynthia ist schon zum sechsten Mal hier. Anfangs schaffte sie es nur, sich ein paar Wochen im Jahr von ihrem Lehrerjob freizuschaufeln. Doch dieses Jahr hat sie sich eine Auszeit genommen, sie wird für mehrere Monate bleiben.:

"Delfine sind die Menschen des Meeres. Super intelligent, sie haben Familienkultur und Traditionen, die sie an ihre Nachkommen weitergeben. Es ist hart, sie durch unsere Hand leiden zu sehen. Viele Leute oder auch Kinder sagen, ich liebe Delfine. Naja, ich liebe sie auch, aber ich respektiere sie. Und wenn ich sie respektiere, dann will ich ihr Bestes. Für mich bedeutet das nicht, sie aus dem Ozean zu holen und sie in ein Becken zu stecken, damit sie mich unterhalten. Es bedeutet, dass sie im Meer sein sollten, bei ihrer Familie."

Das Dolphin Project wendet sich in erster Linie dagegen, dass Delfine in Gefangenschaft gehalten werden. Die Organisation will die Menschen dazu anhalten, nicht in Delfinarien zu gehen, um die Nachfrage zu verringern:

"Wir sind nicht hier, um die Esskultur zu verurteilen, darum geht es nicht. Ich habe das Gefühl, dass die Japaner denken, wir kritisieren sie und sagen einfach, hört auf damit. Aber wir beobachten nur und zeichnen auf. Wir wollen aufklären."

Walfleisch als kulturelles Alleinstellungsmerkmal

Taijis Delfinjäger sehen sich in der Tradition der alten Walfänger der Edo-Periode. Doch auch national spielt Walfleisch heute eine wichtige Rolle – nicht so sehr, weil es häufig gegessen wird, sondern, weil viele Japaner es als Alleinstellungsmerkmal ihrer Kultur betrachten.

Ihren Ursprung hat dieses Gefühl wohl in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Walfleisch war damals eine wichtige Proteinquelle – für die ganze Nation, nicht mehr nur regional – und das in einer Periode, in der es galt, die nationale Identität neu zu definieren.

Ob ich morgen auch zum Walfestival komme, fragt Cynthia Fernandes. Ich würde sie vermutlich sehen – sie werde mit Polizeieskorte kommen:

"Ich weiß nicht, wie lange wir bleiben, es kommt auf die Stimmung an. Ein Polizist hat mir gesagt, bitte kooperiert mit uns – für eure eigene Sicherheit."

An Taijis Hafen ist am nächsten Morgen viel los. An der Straße reihen sich die Autos, auf einer Bühne tanzt eine Gruppe vielleicht sechsjähriger Dreikäsehochs in bunten Kostümen. Im Hafen liegen Boote, ihre bunten Flaggen flattern vor strahlend blauem Himmel. Taiji feiert "kujira matsuri", das Walfestival.

Vielleicht ist es das Wetter – jedenfalls ist das Festival dieses Jahr besonders gut besucht. Jenseits der Bühne bieten Stände Snacks an, neben Kebaps und Burgern gibt es in Sojasoße gebratenes Walfleisch und Bentoboxen mit Waleinlage.

Es wird Zeit für die Versteigerung der Fischereivereinigung, die auch den einzigen Supermarkt der Stadt führt. Yoshifumi Kai steht auf der Bühne. Er reckt einen Hummer in die Luft und wartet auf Gebote aus dem Publikum.

Ein Fischer erzählt von schlechten Erfahrungen

In ein Interview willigt der Fischer nur zögernd ein – aufnehmen lassen will er sich nicht. In der Vergangenheit habe er zu viele schlechte Erfahrungen mit Journalisten aus dem Ausland gemacht. Laut Kais Erzählungen haben sich in der Vergangenheit nicht alle Aktivisten so rücksichtsvoll verhalten wie die Frauen vom Dolphin Project.

Vor allem Sea Shepherd hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Die Freiwilligen schlichen sich zum Teil nachts in die Bucht, in der die Delfine gehalten wurden, zerschnitten die Netze und ließen die Tiere frei. Sie störten die Fischer bei der Arbeit, erzählt Yoshifumi Kai, beschimpften sie, hielten ihnen Kameras ins Gesicht, um das Material anschließend ins Internet zu stellen.

Nach einer Weile seien die Fischer dazu übergegangen, die Arme hinter dem Rücken zu verschränken und ihre Werkzeuge hinzulegen, wenn die Aktivisten auftauchten – um zu verhindern, dass sie in aggressiv wirkenden Posen fotografiert werden konnten.

Delfine und Kleinwale unterliegen zwar nicht dem Internationalen Übereinkommen zur Regelung des Walfangs – jedem Land steht frei, seine eigenen Fangquoten für diese Arten festzulegen.

Scharfe Rhetorik auf beiden Seiten

Doch in Taiji hat sich der Konflikt besonders verdichtet: Walfänger und Walfanggegner, Öko-Krieger und Traditionalisten stehen sich hier seit mehr als zehn Jahren regelmäßig gegenüber. Auf beiden Seiten kursieren starke Meinungen und scharfe Rhetorik.

Wer gibt euch das Recht, bestimmen zu wollen, was wir essen? Diese Frage begegnet mir in Japan immer wieder. Schließlich werden auch im Westen Tiere gegessen. Manche vermuten Rassismus hinter der Kritik am Walfang, oder einfach Geldmacherei aufseiten der Umweltschutzorganisationen.

Während meiner Reise zieht Taifun Lan über Japan hinweg. Sea Shepherd Gründer Paul Watson schreibt auf seiner Facebook-Seite:

"Ich hoffe, Taifun Lan lässt Tokio und Kyoto aus und bewegt sich nach Süden, um die böse Stadt Taiji völlig zu verwüsten. Es wäre wundervoll, wenn dieser Sturm jedes Delfinkiller-Boot versenken würde."

Fynn Holm promoviert am Asien-Orient-Institut der Universität Zürich. Er untersucht die wohl größte Anti-Walfang-Protestbewegung, die Japan bisher gesehen hat – allerdings ist das schon mehr als 100 Jahre her:

"Das hat viel mit Fischereipraktiken zu tun, aber auch mit Glaubensvorstellungen. Im Moment untersuche ich gerade eine Quelle, in der es darum geht, dass Leute aus Westjapan eben nach Nordjapan gekommen sind, um dort Wale zu jagen, und die Leute aus Nordjapan das nicht besonders lustig fanden."

Dafür gab es verschiedene Gründe:

"Einerseits, wenn die Wale gejagt wurden, ist sehr viel Blut ausgetreten und das hat die Küstenlandschaft kaputtgemacht. Andererseits haben die Wale die Fische, zum Beispiel Sardinen näher an die Küste getrieben und dadurch konnten die Fischerleute dann die Sardinen fangen.

Und aus diesem Konzept heraus hat sich dann auch ein Glaubenskonzept entwickelt, dass man gesagt hat, dass die Wale die Gottheit Ebisu-sama repräsentieren und es deshalb falsch sei, Wale zu jagen."

Heftiger Konflikt vor über 100 Jahren

Auch heute gibt es noch Orte, an denen aus religiösen Gründen kein Walfleisch gegessen wird – doch heute wird wohl niemand mehr eine Walfangstation niederbrennen, wie das 1911 in Nordjapan geschah. In Japan, sagt Fynn Holm, werde die Geschichte des Walfangs stark historisiert – teilweise mit zweifelhaften Aussagen.

Zum Beispiel behaupten manche, dass schon vor 9000 Jahren aktiv Wale gefangen worden seien. Aktivisten aus dem Westen haben durchaus dazu beigetragen, das Thema attraktiv zu halten:

"Wenn man sich die Umfragen anschaut, sieht man, dass viele Japaner nicht per se für Walfang sind, sondern mehr Anti-Anti-Walfang. Hätte es diese ganze Aktivistenbewegung nicht gegeben, könnte man als These formulieren, vielleicht würde der Walfang heute in Japan schon der Vergangenheit angehören."

Warum sind es gerade Wale und Delfine, die für so hitzige Diskussionen sorgen?

"Ich denke, es ist sicherlich ein Stück Zivilisationskritik dahinter. Wir Menschen, die die Natur zerstören, mit unserer Kultur, mit unserer Industrie, mit unserer Technologie. Während die Wale friedlich sich auf der ganzen Welt ausgebreitet haben, im Wasser jedes Habitat vom tiefen Ozean bis an die Wasseroberfläche, von Arktis zur Antarktis, sämtliche Gebiete friedlich aus unserer Sicht bewohnen und den gesamten Kreislauf nicht stören dabei, durch Verschmutzungen oder Technologie, und so weiter."

Meeressäuger mit großer Symbolkraft

"Nein hier geht es um viel mehr: Wale sind die größten Sympathieträger.
Ja, hier geht es ums Prinzip: Wir haben Wale, wir haben Wale einfach lieb.

Rettet die Wale, rettet die Wale... und schaltet die Atomkraftwerke aus." (Die Ärzte "Rettet die Wale")

Es ist nicht zu bezweifeln, dass Wale eine besondere Anziehungskraft auf uns ausüben.

Eine Gruppe Pottwale im Meer (imago / StockTrek Images)Eine Illustration zeigt eine Gruppe Pottwale im Meer. (imago / StockTrek Images)

Darüber schreibt der verstorbene norwegische Anthropologe Arne Kalland in seinem Buch "Unveiling the Whale: Discourses on Whales and Whaling": Wale wurden zu einem mächtigen Symbol – doch dabei geht es nicht um ein Tier, das wirklich existiert.

Vielmehr wurden die Eigenschaften vieler verschiedener Arten zu einem "Superwal" kombiniert. Er ist das größte Tier der Welt, wie der Blauwal, singt wie der Buckelwal, ist sozial und freundlich wie Delfine, hat ein riesiges Gehirn wie der Pottwal, und ist vom Aussterben bedroht wie Nordkaper, Seiwal oder Finnwal.

Dieser Superwal, schreibt Arne Kalland, repräsentiert alle Wale – und er lässt sich leicht instrumentalisieren, um die Welt in Gut und Böse zu teilen.

Frank Sejersen: "Manchmal werden Tiere zu Symbolen gemacht, für Nationen, als Zeichen der Reinheit, für Gefahr, oder was auch immer."

Frank Sejersen ist Professor in der Abteilung für interkulturelle und regionale Studien an der Universität Kopenhagen. Früher hat der Anthropologe mit Arne Kalland zusammengearbeitet. Was in der westlichen Welt oft in Vergessenheit gerät, sei, dass es nicht nur ein mögliches Verhältnis zum Tier gibt, sagt Sejersen.

Als Beispiel nennt er die indigenen Walfänger Grönlands. In den Jägerkulturen wurden Wale als selbstbestimmte Wesen angesehen, die Entscheidungen treffen – und sich mitunter dafür entscheiden, sich jagen zu lassen:

"Für Eskimos und für japanische Walfänger haben Wale Gefühle, aber das bedeutet nicht, dass man sie nicht töten kann. Für uns ist das schwer zu verstehen. Wie kannst du ein Tier töten, das du liebst, von dem du sagst, dass es Gefühle hat? Das liegt daran, dass wir die Beziehung anders auffassen."

Nachhaltigkeit und Tierschutz werden vermischt

In der westlichen Gesellschaft, die viel stärker und viel länger durch Landwirtschaft geprägt wurde, gilt es dagegen, Tiere zu beschützen und zu nähren – sie sind eher Produktionseinheiten als autonome Wesen.

In den Industrienationen haben sich diese Einstellungen heute aufgeweicht – doch vielleicht wird der Konflikt um den Walfang auch dadurch erschwert, dass Gegner und Befürworter unterschiedliche Argumente verwenden:

"In der Umweltbewegung gibt es so viele verschiedene Ideologien und ich glaube, all diese Argumente sind stichhaltig und sollten respektiert werden. Aber – und hier kommt Arne Kalland mit seinem Superwal ins Spiel – die Argumente werden vermischt. Manchmal wird über Nachhaltigkeit gesprochen, dann über Tierrechte, dann über artgerechte Haltung. Man springt zwischen Ideologien hin und her und an dieser Stelle wird es schwierig, einen Dialog zu führen.

Es stimmt: Die japanische Fischereiagentur versucht, ihren wissenschaftlichen Walfang vornehmlich mit Nachhaltigkeitsargumenten zu verteidigen. Man müsse Daten erheben, um herauszufinden, ob sich Walbestände nachhaltig nutzen lassen.

Auf der Seite der Walfanggegner wird dagegen häufig argumentiert, Wale leiden wegen ihrer Größe übermäßig an der Jagd – oder es sei schlichtweg moralisch falsch, diese Tiere zu fangen, wegen ihrer Intelligenz und weil sie uns Menschen so ähnlich sind. Vielleicht kein Wunder, dass die Verhandlungen der Internationalen Walfangkommission schon so lange in einer Sackgasse stecken.

Fynn Holm: "Aber es ist eine Sackgasse, mit der die meisten Parteien leben können."

So die These von Historiker Fynn Holm:

"Die NGOs haben erreicht, dass das ein allgemeines Thema ist, das nicht ausstirbt, dass jedes Jahr neue Spendengelder generiert, dadurch, dass es ungelöst bleibt. Andererseits werden sehr wenige Wale gejagt im Moment, das heißt, die Situation für die Tiere selber ist nicht so dramatisch.

Für die Japaner wiederum ist es zwar ärgerlich, dass sie international in der Kritik stehen, aber dafür können sie national ihrer eigenen Bevölkerung gegenüber zeigen, dass sie hart bleiben bei diesem Thema. Und sie können ihre Anzahl von Walen jagen. Es sind nicht viele, aber ökonomisch interessant ist der Walfang sowieso nicht mehr, daher gesehen sind eigentlich alle mit der Situation mehr oder weniger zufrieden."

Fischereinetze, Klimawandel und Plastikmüll sind problematischer

Man sollte nicht vergessen, dass der Walfang momentan wohl eher ein kleines Problem für die Wale ist. Weitaus mehr Wale sterben jedes Jahr, weil sie sich in Fischernetzen verheddern und ertrinken, mit Schiffen kollidieren oder stranden. Lärm, Verschmutzung, Klimawandel, Plastikmüll im Meer bedrohen den Lebensraum des Superwals und all seiner Bestandteile.

Ein Bagger zieht am 14.01.2016 auf dem Strand von Wangerooge (Niedersachsen) einen verendeten Pottwal Richtung Meer. Auf der Nordseeinsel haben die Vorbereitungsarbeiten für den Abtransport der beiden gefunden toten Pottwale begonnen. (picture alliance / dpa / Peter Kuchenbuch-Hanken)Ein Bagger ziehtauf dem Strand von Wangerooge (Niedersachsen) einen verendeten Pottwal Richtung Meer. (picture alliance / dpa / Peter Kuchenbuch-Hanken)

Kein tröstlicher Gedanke. Aber, sagt Anthropologe Frank Sejersen, vielleicht ist es an der Zeit, die Mensch-Tier-Beziehung neu zu denken:

"Ich glaube, mit den Fragen rund um Klimawandel und Biodiversität wird das Problem komplexer und nimmt einen neuen Maßstab an. Wenn wir davon ausgehen, dass wir alle verantwortlich sind für den Verlust der Artenvielfalt und für CO2-Emissionen, dann geht es plötzlich nicht mehr um Tierrechte oder artgerechte Haltung, dann versuchen wir nur, unseren eigenen Hintern zu retten, indem wir keine Kühe essen. Wir werden uns weniger um das direkte Verhältnis zum Tier kümmern müssen, sondern eher um das Verhältnis zwischen Mensch und dem Planeten Erde."

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