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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 15.04.2020

WaldwirtschaftWie Corona die Aufforstung erschwert

Von Ludger Fittkau

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Eichensetzlinge werden in den Boden gepflanzt. (Ludger Fittkau)
Pflanzung von Eichensetzlingen: In Zeiten von Corona fehlen Waldarbeiterinnen und Waldarbeiter. (Ludger Fittkau)

Erst waren es trockene Sommer und schwere Stürme, danach kam der Borkenkäfer. Die letzten Jahre haben den Forsten nicht nur im waldreichen Bundesland Hessen arg zugesetzt. Jetzt sorgt auch noch Covid-19 für Arbeitskräftemangel im Wald.

Aufgrund der Pandemie fehlen osteuropäische Waldarbeiter. Gerade jetzt, wo jahreszeitlich bedingt neue Bäume gepflanzt, und umfangreich aufgeforstet werden sollte. Die einzigen, die vielleicht davon profitieren könnten, sind die Wildschweine. Denn aufgrund der momentanen Kontaktbegrenzungen wird es möglicherweise bald keine Treibjagden mehr geben.

"Wenn man auf die andere Seite des Fuldaufers schaut, sieht man einen eigentlich wunderbaren Mischwald", erklärt Petra Westphal. "Man sieht Buchen und man sieht Kiefern. Man sieht Fichten, man sieht Birken in einer gesunden, guten Mischung. Und momentan ist es so, dass die Laubbäume noch braun sind. Die Blätter haben noch nicht ausgetrieben. Man sieht aber, dass die Nadelbäume benadelt sind. Was auffällt, sind die Lärchen, die schon ein ganz bisschen grünen Hauch bekommen und man sieht die abgestorbenen Fichten."

Coronavirus-NewsletterAls einzige Frau in Hessen leitet die studierte Forstwirtin seit gut einem Jahr eines der 41 staatlichen Forstämter. Die Chefin von rund 60 Beschäftigten im Forstamt Melsungen wendet ihren Blick blickt nach links und deutet mit der Hand auf einen Hang.

Abgestorbene Fichten wegen Borkenkäferbefall

"Also, wenn Sie mal hier drüben nach links schauen", sagt Petra Westphal. "Diese Nadelbäume, die so ein rötliches Braun haben, das sind tatsächlich Fichten, die jetzt während des Winterhalbjahres durch den Borkenkäfer befallen wurden. Die abgestorben sind. Und das ist natürlich alles andere als schön."

Rund 10.000 Hektar Wald in Hessen sind durch den Wassermangel der letzten Jahre und den Borkenkäfer vernichtet worden. Gut ein Zehntel davon im Gebiet des Forstamtes Melsungen. Und jetzt kommt Corona.

Keine gute Mischung für den Wald in einer Gegend, die zu den grünsten Landschaften Deutschlands gehört. Und weil aufgrund der Virusgefahr viele Sägewerke in der Region außer Betrieb sind, bleibt das vom Borkenkäfer befallene Holz länger im Wald. 

Stillgelegte Sägewerke – der Holzverkauf stoppt 

"In der Tat, durch das Coronavirus sind viele Werke inzwischen auf Kurzarbeit gegangen", sagt Petra Westphal, "haben ihre Produktion stark zurückgefahren. Und insofern haben wir auch keine Möglichkeit mehr entsprechendes Holz am Markt abzusetzen."

Nach dem kurzem Zwischenstopp steigt die 49-jährige Forstamtsleiterin mit grün-schwarzer Jacke über der schwarzen Hose ins Auto und fädelt sich wieder in der Verkehr auf die Landstraße ein. Die Fahrt geht rund 20 Minuten weiter Richtung Kassel. Der Herkules, das Wahrzeichen am Berg über der nordhessischen Großstadt, ist in der Ferne schon gut zu sehen, als die Försterin bremst.

Die Forstamtsleiterin Petra Westphal steht vor einem Holzstapel. (Ludger Fittkau)Petra Westphal ist die einzige Frau, die eines der 41 staatlichen Forstämter in Hessen leitet. (Ludger Fittkau)

Sie biegt rechts ab in den Wald. Nach ein paar hundert Metern erreicht sie eine Anhöhe mit vielen Fußballfeldern Kahlschlagfläche. Petra Westphal zeigt auf einen mehrere Meter hohen und etwa 30 Meter langen, gut zwei Meter hohen und drei Meter breiten Holzstapel. 

Lagerplätze außerhalb des Waldes

"Die richtige Abfuhr in die Werke stockt aufgrund der Coronakrise", erklärt sie. "Wir haben jetzt hier für uns im Forstamt eine Lösung gefunden, mit der wir Holzlagerplätze außerhalb des Waldes mit Holz bestücken können. Wir fahren also Baumstämme, in denen Borkenkäfer unter der Rinde stecken, aus dem Wald heraus, damit nicht neue Bestände befallen werden können."

Ein paar hundert Meter weiter bergauf pflanzt eine Gruppe von sechs Männern und einer Frau Eichensetzlinge in den Boden. Eichen können dem Klimawandel besser trotzen, als Buchen und Fichten – hoffen die Forst-Fachleute. Doch die Coronakrise behindert auch die Wiederaufforstung. Viele Waldarbeiter aus Polen oder Tschechien sind aufgrund der Pandemie gerade nicht in Deutschland. 

"Wir haben uns in der Tat umfangreichen Gedanken gemacht, wie wir bei der Bewältigung dieser Kalamitäten auch bei den Pflanzungen entsprechend Arbeitskapazitäten gewinnen können", sagt Petra Westphal. "Die Arbeiten sind jedoch sehr anspruchsvoll. Es ist wichtig, dass die jungen Pflanzen sehr sorgfältig in den Boden gebracht werden. Es ist eine anstrengende Arbeit und da muss man ganz klar sagen: Nicht jeder ist geeignet."

Neben Personal fehlen auch Jungpflanzen 

Die Frau und die Männer, die im Forstamt Melsungen bei Kassel Eichensetzlinge in den Boden stecken, kommen tatsächlich aus Polen oder Tschechien. Doch es sind eben zu wenig Waldarbeiterinnen und Waldarbeiter aus ihren Heimatländern da. Viele sind auch wegen der Angst vor einer Covid-19-Ansteckung in Deutschland zu Hause etwa in Polen geblieben, obwohl die Grenzen wieder offen sind. 

Forstamtleiterin Petra Westphal prüft die Stecklinge, die sie zur Verfügung haben, kritisch. Nicht alle Jungpflanzen haben genug Wurzeln, findet sie. Aber genauso wie die Arbeitskräfte ist wegen der Coronakrise auch das Material aktuell rar, da im April und Mai umfangreiche Wiederaufforstungen in ganz Mitteleuropa stattfinden.

Der Wald braucht jetzt viel Regen

"Die Hitze und Trockenheit, gepaart mit den Stürmen, die in den vergangenen beiden Jahren aufgetreten sind und auch der massive Borkenkäferbefall, sind kein hessisches oder deutsches Problem, sondern ein mitteleuropäisches. Das heißt von Mittelfrankreich bis Südschweden haben wir ähnliche Phänomene zu verzeichnen", erklärt Petra Westphal.

Der wolkenlose Himmel und die Trockenheit, bereiten der Försterin zusätzliche Sorgen. Denn nach den zurückliegenden trockenen Sommern sind die tieferen Schichten im Wald immer noch nicht wieder genug durchfeuchtet:

"Das bisschen Regen, was wir bisher hatten, war noch viel zu wenig. Und für die Kulturen wünschen wir uns natürlich auch während der nächsten Wochen einfach Regen, Regen, Regen."

Wildbestände werden stark zunehmen  

Auch die Jagd sei wichtig, sagt Petra Westphal:

"Wir haben enorm große Freiflächen aktuell, die sich jetzt in den nächsten Jahren entweder selber durch Naturverjüngung wieder bewalden werden oder auf denen wir pflanzen. Diese entstehenden Jungwüchse werden für das Wild eine hervorragende Lebensgrundlage sein. Einerseits, weil die Tiere dort sehr gut Futter finden, andererseits weil sie sich gut verstecken können.

Die Deckung für das Wild ist hervorragend. Und insofern muss man in der aktuellen Situation davon ausgehen, dass sich die Wildbestände sehr stark erhöhen werden. Also das wird deutlich mehr Wild im Wald haben werden, wenn wir nicht aktiv mit der Jagd gegensteuern."

Zweifel an der Durchführung der Gemeinschaftsjagden

Doch kann die Gemeinschaftsjagd in der Coronakrise überhaupt stattfinden, fragt sich die nordhessische Forstamtleiterin, während der Wind zunehmend an der Plastiktüte zerrt, die zu Coronazeiten zusätzlich über den Mikrowindschutz gebunden wird:

"Bei uns ist es so, dass wir zu Beginn der Jagdsaison im Frühjahr mit der Einzeljagd beginnen. Das ist momentan angesichts der Coronapandemie auch kein Problem, weil jeder Jäger ja einzeln im Wald unterwegs ist. Im Herbst dann stehen die Drückjagden an. Das sind größere Jagden, in denen mehrere Jäger gemeinsam jagen."

Bei Drück- oder Treibjagden kommen zumindest am Anfang und am Ende größere Gruppen von Jägerinnen und Jägern zusammen, die sogenannte "Strecke" mit dem erbeuteten Wild wird gelegt. Das Coronavirus könnte auch hier jahrhundertealte Traditionen verändern.

Wildfleischverkauf an der Autobahnraststätte

Und wie kommt das Wild zu den Verbraucherinnen und Verbrauchern? – Auch das ist aktuell nicht immer einfach. Im Forstamt Melsungen denkt man über eine Vermarktung des meist reichlich vorhandenen Wildfleischs über eine nahegelegene Autobahnraststätte an der A 7 und eine Smartphone-App nach. Sie könnte den Autofahrern signalisieren: Bitte anhalten, heute gibt es frisches Wild aus dem Forstamt!

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