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Interview | Beitrag vom 01.08.2019

Waldsterben 2.0Grünes Kapital in Gefahr

Hubert Weiger im Gespräch mit Nicole Dittmer

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Eine Fichte steht auf einem abgeholzten Waldstück. (imago images / Hubert Jelinek)
Wenn die Politik nicht schnell handelt, könnte es bald in allen deutschen Wäldern so aussehen, fürchten Naturschützer. (imago images / Hubert Jelinek)

Zu viel Hitze, Borkenkäfer und Stickstoff: Der Klimawandel bedroht den deutschen Wald. Nun will die Politik handeln. Naturschützer Hubert Weiger begrüßt die Maßnahmen und warnt vor unübersehbaren Schäden, sollte der Wald sterben.

Der deutsche Wald stirbt. Das hat inzwischen auch die Politik erkannt. Die Forstminister mehrerer Bundesländer fordern für die nötigen Maßnahmen in ihrem nun vorgestellten Masterplan 800 Millionen Euro vom Bund. Für September plant Bundeslandwirtschaftsministerin Klöckner zusätzlich einen nationalen Waldgipfel.

Hubert Weiger, Vorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland, begrüßt die angekündigten Aktionen. Gleichzeitig mahnt er, sich für längerfristig angelegte Strategien zu entscheiden, anstatt zu kurzfristigen Maßnahmen zu greifen.

Wettlauf mit der Zeit

Durch die lange Trockenzeit und die extreme Hitze befänden sich die Wälder in einer dramatischen Situation, so Weiger. "Vor allem die Nadelbäume sterben flächig ab infolge von Massenvermehrung einzelner Insektenarten. Die Rettung des Waldes ist ein Wettlauf mit der Zeit."

Hubert Weiger spricht bei einer Demonstration zur Rettung des Hambacher Forsts. (imago stock&people)BUND Vorsitzender Hubert Weiger spricht bei einer Demonstration zur Rettung des Hambacher Forsts. (imago stock&people)

Laut dem Naturschützer sei die Situation der Wälder in Deutschland zu lange vernachlässigt worden. In den 80er-Jahren habe die Diskussion ums Waldsterben zwar dazu geführt, dass die Luftschadstoffe verringert wurden. Insbesondere die Belastung mit Schwefel habe sich um 90 Prozent minimiert. Doch weitere Maßnahmen, etwa im Verkehrsbereich oder Energiesektor blieben aus, so Weiger.

Selbst resistente Baumarten gefährdet

Der viele Stickstoff entwickle sich nun zur Belastung für den Wald. Es komme zu verstärkten Säureeinträgen, was die Lebensgemeinschaft von Pilzen und Wurzeln schwäche und damit auch das gesamte Ökosystem. "Mit den extremen Trockenzeiten verkraften das nicht einmal mehr die resistenten Baumarten."

Ein wichtige Stellschraube sei die Waldwirtschaft, die sich verändern müsse. Waldbesitzer könnten das nicht allein leisten. Hilfe vom Staat sei daher dringend notwendig. Dauerhaft seien die Wälder aber nur zu retten, wenn die Emission der Treibhausgase reduziert würden, glaubt Weiger. Verschärfe sich die Klimakrise weiter, sei jeder Versuch vergeblich, den Wald stabiler zu machen. 

Monokulturen in Laubmischwälder verwandeln

"Die Ministerin hat recht, wenn sie von einer Generationenaufgabe spricht. Das wird noch zehn bis zwanzig Jahre dauern." Monokulturen in Laubmischwälder verwandeln, das ginge nicht von heute auf morgen. Trotzdem müssten wir aktiver werden, also mehr Geld investieren und Personal beschäftigen.

Weiger mahnt: "Unser grünes Kapital steht zur Disposition – mit unübersehbaren Schäden für uns alle."

(rod)

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