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Länderreport | Beitrag vom 22.03.2021

Waldsolms in HessenEine Gemeinde will ihr Millionenerbe ausgeben

Von Ludger Fittkau

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Waldsolms in Hessen. Grüne Hügel, Bäume und Einfamilienhäuser unter blauem Himmel. (picture alliance / PantherMedia / Joerg Hackemann)
Das beschaulich wirkende hessische Waldsolms hat sechs Millionen Euro von einer Familie im Ort geerbt. Wofür soll das Geld verwendet werden? (picture alliance / PantherMedia / Joerg Hackemann)

Von einer Familie im Ort erbte die hessische Gemeinde Waldsolms einen Millionenbetrag. Wünsche, wie das Geld ausgegeben werden soll, gibt es viele. Doch der Bürgermeister setzt auf Bedacht - und warnt vor Luftschlössern mit hohen Folgekosten.

Die Glocken der denkmalgeschützten evangelischen Kirche von Brandoberndorf, einem Ortsteil der hessischen Gemeinde Waldsolms, läuten zum Gottesdienst. Das im Kern gotische Schiff mit dreiseitigem Chor wurde Ende des 17. Jahrhunderts neu gestaltet. Der Kirchturm erhielt damals eine sogenannte "Türmerstube".

Bescheidenheit führte zu Vermögen

Wesentlich jüngeren Datums ist das nahegelegene Dorfgemeinschaftshaus mit der Kita im Obergeschoss. Es stammt aus den 1970er-Jahren und ist im Gegensatz zur Kirche sanierungsbedürftig. Da kommen die mehr als sechs Millionen Euro, die die Gemeinde Waldsolms vor einigen Monaten unverhofft von einer Privatfamilie im Ort vererbt bekam, gerade recht. Noch sei aber nicht beschlossen, wofür das Geld ausgegeben werden soll, erklärt Bürgermeister Bernd Heine.

"Ganz wichtig war zunächst erst mal: Einen kühlen Kopf bewahren. Und wir haben gesehen, die Erblasser, die haben in einem schönen Haus gewohnt, aber sehr bescheiden. Die durchschnittliche Hausfrau würde, wenn sie sich diese alte Küche, die dort noch drin ist, anschauen würde, mit Sicherheit schon etliche Male eine neue Küche eingebaut haben.

Und bescheidener Lebensstil war es wohl auch, dass dieses Vermögen dann auch so anwachsen konnte. Und insofern ist es uns auch eine Verpflichtung, dieses Geld jetzt nicht sofort mit vollen Händen auszugeben, sondern sehr bewusst und bedacht damit umzugehen."

Erbschaft mit Bedingungen

Ohnehin sei die Millionen-Erbschaft an Bedingungen geknüpft worden, sagt Bürgermeister Heine. Das Geld müsse für öffentliche Zwecke verwendet werden und könne nicht an die einzelnen Bürgerinnen und Bürger der Gemeinde ausbezahlt werden, wie es auch schon vorgeschlagen worden sei. Das würde jeder Einwohnerin oder jedem Einwohner – ob Kind oder Erwachsenem – wohl mindesten 1200 Euro für die private Geldbörse bringen. Ist aber nicht erlaubt, so Bernd Heine.

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"Man kann es so zusammenfassen, dass es für die gemeindliche Infrastruktur verwendet werden soll. Explizit genannt wurden einmal die Kindertagesstätten und auch die Schule. Nun ist die Schule in Kreis-Hand. Aber die Gemeinde hat drum herum die Turnhalle zum Beispiel, wo wir auch schon investiert haben."

Wunsch nach größerer Kita

Bleibt das Dorfgemeinschaftshaus mit der Kita. Die Fassade besteht aus grauem Waschbeton und die Wände sind so dünn, dass die Heizung die Umgebung gut mit erwärmt. Außerdem gab es für Kitas in den 1970er-Jahren ganz andere Anforderungen als heute, erklärt der Bürgermeister vor dem Eingang des Gebäudes.

Der Bürgermeister von Waldsolms, Bernd Heine, steht vor einem Fenster mit blauem Fensterrahmen. (Deutschlandradio / Ludger Fittkau)Bürgermeister Bernd Heine will besonnen mit der unerwarteten Erbschaft für den Ort umgehen. (Deutschlandradio / Ludger Fittkau)

"Man muss sich vorstellen, früher ist diese Einrichtung gebaut worden für hundert Kinder. Die waren damals dann alle schon mindestens drei Jahre, meistens schon vier Jahre. Das heißt, da war nichts mit Wickelkindern und schon gar nicht mit mittags Essen und Schlafen, sondern das war eine Betreuung von morgens acht bis zwölf, wie das so standardmäßig war. Inzwischen hat sich die Lage grundlegend geändert. Inzwischen können hier in der Einrichtung auch ab zwei Jahren die Kinder aufgenommen werden, und der Platzbedarf steigt."

Deshalb richte man nun das Hauptaugenmerk auf die Sanierung oder den Neubau dieses Gebäudes, unterstreicht Bürgermeister Heine.

Aus Frankfurt nach Waldsolms

Im Ortskern treffe ich ein junges Paar mit zwei kleinen Kindern, das vor wenigen Wochen aufgrund der Pandemie aus dem rund 50 Kilometer entfernten Rhein-Main-Ballungsraum nach Waldsolms gezogen ist, wie ich erfahre:

"Wir kommen aus Frankfurt, sind aus Frankfurt hierhergezogen. Und ja, der erste Lockdown hat uns eigentlich gezeigt mit der großen Tochter, dass das quasi in der Stadt einfach nicht sehr schön ist. Gerade, weil die Spielplätze am Anfang zu waren. Und dann haben wir gesagt, wir wollen gern ein Häuschen kaufen. Und da das in Frankfurt quasi nicht bezahlbar ist, haben wir den Umkreis erweitert und sind hier im schönen Waldsolms gelandet."

Wunsch nach besserer Infrastruktur

Doch wie in der Main-Metropole gebe es auch hier zumindest nach erstem Eindruck ein Problem mit mangelnden Kitaplätzen, sagt ihr Partner mit dem Baby im Arm, der wie die Frau ungenannt bleiben will:

"Es ziehen ja viele Leute wieder aus der Stadt raus aufs Land. Bei Brandoberndorf hinten raus wurde ja auch ziemlich viel gebaut. Und wir sehen gerade, dass man teilweise Probleme hat mit Kitaplätzen. Was wir jetzt in den zwei Wochen, die wir momentan hier sind, mitbekommen haben: Auf jeden Fall Ausbau der Kitaplätze!

Ein Gebäude mit Waschbetonplatten an der Fassade und blauen Fensterrahmen. (Deutschlandradio / Ludger Fittkau)Eltern in Waldsolms wünschen sich unter anderem einen Ausbau des Kindergartens. (Deutschlandradio / Ludger Fittkau)

Wenn viele wieder herausziehen, ist vielleicht noch ein besserer Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel ganz gut. Ich habe jetzt gemerkt, dass teilweise nur alle zwei Stunden ein Bus fährt. Ob man das vielleicht aufbauen kann?"

Wünsche für die Kinder

In der kleinen Bäckerei ein paar Schritte weiter gibt es noch andere Ideen, wie man die unverhoffte Millionenerbschaft sinnvoll ausgeben könnte:

"Die Straßen und für die Kinder – die Infrastruktur. Für unsere Zukunft sollten wir investieren."

"Na ja, generell denke ich, gern so in den Freizeitbereich. Bei Spielplätzen kann man immer was machen. Auch im Bereich Radweg, Wanderweg. Viele sagen auch Straßenbau. Aber ich glaube, da muss man ja auch immer gucken, wer ist für diese Straßen zuständig."

Wunsch nach Straßensanierung

Der Bürgermeister stimmt an diesem Punkt zu:

"Die Schwierigkeiten, die wir haben: Die Straße, wo wir eben waren, unten am Rathaus - da haben wir dann die Schnurgasse überquert -, die Straße sieht katastrophal aus. Ganz schlimmer Zustand. Es ist aber eine Landesstraße. Das heißt, das Land Hessen ist hier in der Pflicht. Und da werden wir vertröstet von Jahr zu Jahr.

Jetzt haben wir wieder den Fuß in der Tür, auch über Landtagsabgeordnete, die uns unterstützen, dass diese Straße endlich gemacht wird. Wir können nicht Gemeindegeld nehmen und das dann in Landesstraßen stecken. Wir haben das sogar schon versucht, es gab mal ein Programm, da ist gesagt worden: Ja, die Kommunen können in Vorkasse treten und das Land wird dann das Geld irgendwann wieder zurückzahlen. Das könnte man ja machen in der jetzigen Situation. Aber dieses Programm gibt es nicht mehr."

Wunsch nach Ärztehaus

Im Gemeindeparlament wurde anlässlich der Erbschaft auch über die Ärzteversorgung in Waldsoms diskutiert, erzählt der Bürgermeister noch. Ein Dauerthema in den ländlichen Regionen. Immer wieder gibt es die Forderung nach kommunal geförderten Ärztezentren oder Gemeinschaftspraxen. Aber:

"Auch hier sagt sich so was wesentlich einfacher, als man es tatsächlich umsetzen kann. Ich bin hier in guten Gesprächen mit unseren Ärzten, Apotheken und anderen, die auch schon Interesse gezeigt haben. Wenn das Ganze auf einen guten Weg gebracht werden kann, dann können wir das auch anstoßen.

Es bringt nichts, ein Haus zu bauen, Ärztehaus dran zu schreiben und zu hoffen, dass damit die ärztliche Versorgung gerettet werden kann. Das werden wir mit Sicherheit so nicht machen können."

Warnung vor Luftschlössern

Letztendlich führt die unerwartete Millionenerbschaft für die Gemeinde Waldsolms dazu, sich noch einmal sehr genau Gedanken darüber zu machen, was man wirklich braucht und was nicht. Und: Was man wirklich langfristig finanzieren kann und was eben nicht. Bürgermeister Bernd Heine zieht für sich folgendes Zwischenfazit der Erbschaftsdebatte, die in den nächsten Monaten in der Lokalpolitik weitergehen wird:

"Was mir persönlich auch ganz wichtig ist, ist, dass wir hier keine Luftschlösser bauen, die hinterher Riesenfolgekosten verursachen. Denn es gilt der alte Grundsatz: Gebaut ist schnell, unterhalten, das zieht sich und wird teuer. Deswegen wollen wir hier vernünftige Lösungen haben."

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