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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.07.2009

Waldschrat mit Hang zu Nymphen

Knut Hamsun: Pan. Manesse Verlag, München 2009. 251 Seiten

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Lichtdurchfluteter Wald (Stock.XCHNG / Michal Dobrotka)
Lichtdurchfluteter Wald (Stock.XCHNG / Michal Dobrotka)

Wohl aus Zivilisationsmüdigkeit wird Leutnant Glahn zum Waldgänger im Land der Mitternachtssonne. Er mag dabei aber ebenso wenig auf den Komfort einer Waschfrau verzichten wie auf junge Mädchen. Inkonsequenz ist einer der Wesenszüge von Hamsuns Figuren.

Zerrüttete Nerven und "Neurasthenie" - dergleichen gehörte zur Innenausstattung des sensiblen Menschen im Fin de Siecle. Üblicherweise siedelt man solche Gestalten in Kreisen der "Boheme" an; Stadtvolk. Knut Hamsun aber versetzt die modernen Menschen mitten in die Wälder. Sein früher Roman "Pan" handelt von Leutnant Glahn, der wohl auch aus Zivilisationsmüdigkeit zum Waldgänger geworden ist und den Sommer 1855 in einer Hütte verbringt. Mit Erklärungen und "Motiven" sollte man sich bei Hamsun allerdings zurückhalten - nichts verachtete der Autor mehr als die herkömmliche Psychologie, die für alles "Gründe" zu nennen weiß und "Charaktere" erfindet.

Der Reiz von Hamsuns Prosa besteht darin, dass sie immer ganz gegenwärtig ist. Laune und Stimmung ist alles. Überaus stimmungsvolle Beschreibungen vergegenwärtigen Leutnant Glahns schwärmerisches Naturerleben im Land der Mitternachtssonne - ein schießfreudiger Jäger auf seinen Streifzügen in der Herrgottsfrühe. Glahns "Zurück zur Natur" hat allerdings Grenzen: eine "Waschfrau" steht ihm zur Verfügung, die auch seine Einkäufe und den Haushalt erledigt. Und an den Abenden gibt es Party in der nahe gelegenen Handelsstation.

Dort trifft er immer wieder Edvarda, die sechzehnjährige Tochter des reichen Kaufmanns Mack. Es ist eine Sommerliebe fürs Leben, kapriziös, voller unerwarteter Wendungen. Sie können zueinander nicht finden. Edvarda ist so unberechenbar wie Glahn selbst - auf jede Annäherung folgt das Zurückweichen, auf jede Liebesbeteuerung das Vor-den-Kopf-Stoßen. Außerdem wartet Edvarda auf den Mann ihres Lebens, und das soll laut Vaterwunsch nun kein hergelaufener Leutnant sein, sondern ein standesgemäßer Herr. Als sich ein sogenannter "Baron" einstellt, gerät Glahn außer sich. Die Eifersucht treibt ihn zu selbstschädigenden Handlungen. Bei einer Bootsfahrt wirft er Edvardas Schuh ins Wasser, bei anderer Gelegenheit schießt er sich in den Fuß.

Um Pan-Erotik geht es in diesem Roman, um merkwürdige Mittsommernachtsträume. Glahn pirscht mit seinem "Tierblick" zwischen den Bäumen herum, und immer ist in der Nähe Edvarda oder ein anderes bei Nacht herumirrendes Mädchen. Mit Eva, der kindlichen Frau eines Schmieds, unterhält er ein sexuelles Verhältnis, bevor er sie aus Versehen umbringt - eigentlich wollte er den "Baron" mit einem kunstvoll vom Berg gesprengten Steinschlag erledigen.

Bösartige, befremdliche Anwandlungen kennzeichnen den liebeskranken Waldgänger am Ende. Edvarda bittet ihn zum Abschied um seinen geliebten Hund Äsop - er erschießt das Tier und lässt ihr den Kadaver überbringen.

"Ich träume von einer Literatur, bei deren Menschen die Inkonsequenz buchstäblich ein Grundzug ist", meinte der junge Hamsun. "Pan" ist die Umsetzung dieser Devise. Die Romane dieses Autors lesen sich wie Poesie in Prosa. Wunderbare Natureindrücke wechseln mit sensitiver Menschendarstellung und humoristischen Bizarrerien. Ingeborg und Aldo Keel vermitteln Hamsuns suggestive Sprachkunst, indem sie die alte Übersetzung in vielen Feinheiten und Details verbessert und präzisiert haben.

Besprochen von Wolfgang Schneider

Knut Hamsun: Pan
Roman. Aus dem Norwegischen übersetzt von Ingeborg und Aldo Keel. Mit einem Nachwort von Aldo Keel.
Manesse Verlag, München 2009
251 Seiten, 17,90 Euro.

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