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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 20.08.2010

"Waldgedanken" eines Sonderlings

Klaus Böldl: "Der nächtliche Lehrer", S. Fischer, Frankfurt am Main 2010, 126 Seiten

Entlang des Göta-Kanals in Schweden (Eva Firzlaff)
Entlang des Göta-Kanals in Schweden (Eva Firzlaff)

Klaus Böldl setzt einen Dorfschullehrer in die schwedische Provinz, lässt ihn eine Bibliothekarin lieben und zum Erfolgsphilosophen werden. Aber sein schmaler Roman kann nicht vermitteln, dass der Kieler Skandinavist mit seinen Figuren etwas anzufangen weiß.

Man stelle sich vor, ein junger Mann, der in Berlin sein Referendariat absolviert hat, würde von der Schulbehörde in ein kleines Dorf in Mecklenburg-Vorpommern empfohlen, er reist dorthin, sieht sich das an einem See gelegene Örtchen an und beschließt, für immer zu bleiben. Eine solche Geschichte will uns Klaus Böldl in seinem neuen Roman Glauben machen, nur dass Lennart, sein Held, in Stockholm aufgewachsen ist und sich mit geradezu feierlicher Gleichgültigkeit damit abfindet, sein Leben in der schwedischen Provinz zu fristen.

Es könnten die Mischwälder gewesen sein, die Weite des Himmels über dem still ruhenden See, die Übersichtlichkeit und Anspruchslosigkeit, die ihn in diese Abgeschiedenheit gelockt haben, so erklärt sich Lennart seinen auch ihm selbst letztlich rätselhaft bleibenden Entschluss. Er bezieht eine Wohnung in unmittelbarer Nähe des Gymnasiums, an dem er Kunst und Religion unterrichtet. Nachts schaut er aus seinem Küchenfenster auf den Schulhof und stellt sich die verzweigten Waldwege dahinter recht unheimlich vor. Ein begeisterter Lehrer ist er nicht, vielleicht weil er selbst kein guter Schüler war. Doch er mag seine Schützlinge, vor allem dann, wenn sie mit gebeugten Häuptern still vor sich hin malen.

Bald verliebt er sich in Elisabeth, die Bibliothekarin, genauer: in das Bild, das sie abgibt, in ihre "fast unbegreifliche, madonnenhafte Reglosigkeit". Rasch lernt man sich kennen und verbringt die erste Nacht miteinander. Von der Liebesnacht selbst erfahren wir nichts, wohl aber von der Erleichterung des Helden, als die Wohnungstür ins Schloss fällt: "Lennart hätte Elisabeth jetzt nicht mehr um sich haben wollen: Er wollte sich an sie erinnern, sich alle Einzelheiten zusammensuchen, den Geruch ihrer Haare und ihre vor Zärtlichkeit zu schmalen Schlitzen zusammengekniffenen Augen bedenken, und diese kleinen schmalen Füße."

Bald wird Elisabeth schwanger. Nicht gerade glücklich, "mit seinem Zeugungsakt an der Zukunft gedreht zu haben", heiratet Lennart sie notgedrungen. Und schon in der nächsten Szene wird uns verkündet, dass die junge Frau nebst ihrer Leibesfrucht an einem unbeschrankten Bahnübergang ums Leben kam. Dass zwischen der Hochzeit und ihrem Tod ein halbes Jahr verging, begreift der Leser erst später und fragt sich irritiert, warum der Autor so gar nichts erzählen wollte von dieser Ehe.

Klaus Böldl, 1964 in Passau geboren, lehrt mittelalterliche skandinavische Literatur an der Universität Kiel. Seit seinem 1997 erschienenen Debütroman "Studie in Kristallbildung" ist er ein Autor, an dem sich die Geister scheiden. Die einen feiern die Zivilisationsferne seiner mit Sonderlingen bevölkerten Prosa, den anderen ist das schlicht zu biedermeierlich. Am Ende des Romans, der eher ein Bild als eine Erzählung sein will - Cézanne ist wie immer das große Vorbild und dieses Mal auch der dänische Symbolist Vilhelm Hammershoi -, wird Lennart gar mit philosophischen "Waldgedanken" zum Erfolgsschriftsteller. Das passt nun gar nicht zu diesem Helden, und verstärkt den Eindruck, dass der Autor nicht wirklich weiß, was er mit seinen Figuren anfangen soll.

Recht freudlos schiebt er sie hin und her, damit er tun kann, was er eigentlich will: Landschaften beschreiben. Nicht umsonst ist die Reiseerzählung "Die fernen Inseln" Klaus Böldls bisher überzeugendstes Buch, gegen das "Der nächtliche Lehrer" auch stilistisch abfällt. Am Ende quittiert Lennart den Schuldienst und schleicht nur noch nachts heimlich durchs Gebäude. Für Grasberg, den befreundeten Kollegen, sieht er aus wie ein Gespenst. Auch die Sprache dieses Romans hat etwas Gespensterhaftes. Sie wirkt wie der matte Widerschein von Gemälden.

Besprochen von Meike Fessmann

Klaus Böldl: Der nächtliche Lehrer
Roman
S. Fischer, Frankfurt am Main 2010
126 Seiten, 16,95 Euro

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