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Länderreport | Beitrag vom 09.08.2019

Waghäusel-Kirrlach - der heißeste Ort Deutschlands 25,6 Grad, Tag und Nacht

Von Michael Frantzen

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Eine Frau steht in ihrer Wohnung und zieht an ihrem durchgeschwitzen Shirt. (Eyeem/SabineK)
Schwitzen bei Temperaturen von über 25 Grad Tag und Nacht (Eyeem/SabineK)

In keinem Ort Deutschlands wird es so heiß wie in Waghäusel-Kirrlach. Wie arrangieren sich die Bewohner mit der Dauerhitze? Ein Bademeister, eine Eisverkäuferin, ein Straßenarbeiter und ein Fahrlehrer berichten aus dem badischen Brutkasten.

Drei Tage über vierzig Grad: Der Juli war heiß. Zu heiß. Der Klimawandel lässt grüßen. Im Waghäusel-Kirrlach können sie davon ein Lied singen. Die badische Gemeinde unweit des Rheins ist Deutschlands Hotspot. Seit mehr als drei Jahrzehnten wird dort die höchste Durchschnitts-Temperatur im Sommer gemessen. Wie lebt es sich mit der Hitze? Den Wetterextremen? Michael Frantzen hat nachgeforscht.
Voll ist es im Freibad von Waghäusel-Kirrlach. Brechend voll. Kein Wunder bei der Hitze.

Natürlich hat auch Bademeister Armin Erbe vom Alleinstellungsmerkmal seiner badischen Gemeinde unweit des Rheins gehört. Seit mehr als dreißig Jahren messen die Meteorologen des Deutschen Wetterdienstes in Waghäusel-Kirrlach die höchste Sommertemperatur: Durchschnittlich 25,6 Grad zwischen Juni und August: Tag und Nacht.

"Ich trink viereinhalb, fünf Liter. Durchzug. Und wir haben die Sonnenschirme alle aufgestellt. Wenn wir Aufsicht mache, stehen wir alle im Schatten – immer. Das ist klar", erzählt der Bademeister.

82.000 Freibadkarten

Um acht hat Erbes Schicht begonnen, das Freibad öffnet dann. Die Morgenstunden: Sie sind ihm am liebsten: Um die Zeit ziehen Rentner gemächlich ihre Runden. Plus ein, zwei Triathleten. Weniger gemächlich. Am Nachmittag wird es stressiger - wegen der ganzen Jugendlichen. Doch Randale, wie in Düsseldorf und anderswo: Nein, meint der 56-Jährige: Die gebe es bei ihnen nicht. Nicht wirklich.

82.000 Karten haben sie letztes Jahr während der Freibadsaison verkauft: Das ist Rekord. Gut für die Kasse, schlecht für die Chlor-Anlage.

Bademeister Armin Erbe ist mit einer Kollegin an seinem Arbeitsplatz zu sehen: dem Beckenrand. (Michael Frantzen / Deutschlandradio)Arbeit am Beckenrand: Armin Erbe und seine Kollegin im Freibad Waghäusel-Kirrlach. (Michael Frantzen / Deutschlandradio)

"Da ist das Wasser schon trübe, das schafft die Anlage nicht. Erstens ist es so, dass sich die Leute – leider muss ich sagen – nicht duschen. Dann schmiere die sich mit Sonnencreme ein und dann geht’s ins Wasser. Und: Die gehen ja nicht bloß einmal ins Wasser: Die gehen zehnmal ins Wasser."

45 Grad auf dem Asphalt

"Die Hitze macht mir nicht viel aus."
Tönt es vom Beckenrand. Siegfried Grünfeld hat Urlaub – und läge eigentlich an irgendeinem Mittelmeerstrand, wenn sein Enkel nicht in letzter Sekunde krank geworden wäre. Der braungebrannte 55-Jährige arbeitet für ein Unternehmen, das Autobahnen und Landstraßen ausbessert. Bei Wind und Wetter.

"Als ich angefangen habe bei der Firma vor zehn Jahren: Die ersten drei, vier Jahre waren nicht so heiß wie jetzt", erzählt Grünfeld. "Jetzt ist es extrem. Wenn wir auf der Autobahn schaffen und sich der Asphalt so richtig aufheizt, haben wir 45 Grad und mehr."

Selbst für Eis zu heiß

"Ich heiße Vincenza Kunz. Bekannt: Enza." Enza verkauft Eis. Leckeres Eis. Sagen die Kirrlacher.
"Was soll ich Ihnen da antworten?! Häh?!" (lacht)
Das Geschäft: Es ist profitabel. Aber auch schweißtreibend.
"Schwül. Sehr schwül. Ja, nicht angenehm. Da schwitzt man überall."
In Deutschlands Hotspot im Allgemeinen – und im Eis-Café im Speziellen.

"Wenn’s so heiß ist, ist das Geschäft gar nicht so gut, wie jeder vermutet", erzählt Enza. "Dass: Je heißer, desto mehr Eis wird gegessen. Wenn’s heiß ist, holen die Leute eher das Eis gegen Abend. Weil tagsüber ist es zu heiß, um im Café zu sitzen."

"Hallo." -
"Hallo."

"So. Bitte. Ich mach gleich zu. -
Ja. Das ist der beste Raum. Am liebsten würd ich hier schlafen."

Der Fahrlehrer Sandro Quarata aus Waghäusel-Kirrlach ist in seinem Büro zu sehen.  (Michael Frantzen / Deutschlandradio)Sandro Quarata in seinem kühlen Kellerbüro: Man habe sich hier mit den Temperaturen arrangiert, sagt er. (Michael Frantzen / Deutschlandradio)

Die Fahrschule von Sandro Quarata: Sie liegt im Keller, hinter dicken Wänden und Büschen, die sein italienischer Vater in den Abendstunden gießt.

"Heute. Morgen. Übermorgen."

Wer wissen will, wie es sich lebt im Brutkasten, ist beim 51-Jährigen an der richtigen Adresse. Schließlich ist der Glatzkopf nicht nur Fahrlehrer, sondern auch Vorstand von "Olympia Kirrlach 1919", dem Fußballverein.

Motorradfahrer kippen um

"Viele andere würden vielleicht sagen: Oh! Das ist verrückt. Diese heißen Temperaturen bei uns immer wieder. Aber wir leben ja auch schon alle viele Jahre mit diesen Temperaturen", berichtet Quarata. "Und wenn sie jetzt durch den Ort gefahren sind, sehen Sie ja auch: Überall sind die Rollläden runter. Der Ort ist fast ausgestorben. Jetzt. Bei der Hitze. Man kann sagen: Wir haben dann fast italienische Verhältnisse. Einen kleinen Flair von Italien."

In der Rheintalebene. Quarata lässt sich in seinen Schreibtischstuhl fallen. Eigentlich hätte gleich einer seiner Schüler Fahrstunde gehabt. Doch der kommt jetzt erst um 19.30 Uhr. In der Mittagshitze Motorrad zu fahren: Das wäre zu gefährlich, die Gefahr eines Hitzestaus zu groß.

"Hitzestau: Stellen Sie sich vor: Sie stehen vor einer roten Ampel, für ne gewisse Zeit. Dann kommt die Hitze von unten. Vom Boden natürlich. Dann die Motorradabwärme natürlich. Ja, dann ist das schon so, dass da ein Motorradfahrer umkippt."

Solarverein Kirrlach nutzt die vielen Sonnenstunden

Der Fahrlehrer ist sich sicher: Das ist der Klimawandel. Dass er mit seinen drei nicht gerade PS-schwachen Benzinern und drei Motorrädern eventuell auch seinen Teil dazu beiträgt: Quarata schaut hoch: Irgendwie nicht zu vermeiden.
Andere sind da weiter: Seit mehr als zwanzig Jahren erzeugt der "Solarverein Kirrlach" Sonnenenergie. Entlang der A5 soll ein Windpark entstehen. Der 51-Jährige nickt. Und sein Club? Ist auch nicht untätig geblieben. Im Juli haben sie ihren Kickern fünfzig Kästen Mineralwasser spendiert. Kostenlos. Auf dass keiner umkippt.
"Toi, Toi, Toi."

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