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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 19.09.2013

Wachträume von Soldatinnen

Shani Boianjiu: "Das Volk der Ewigkeit kennt keine Angst", Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013, 332 Seiten

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Shani Boianjiu beschreibt, wie israelische Soldatinnen beim Militär von heute auf morgen erwachsen werden müssen.  (picture alliance / dpa - Keystone USA)
Shani Boianjiu beschreibt, wie israelische Soldatinnen beim Militär von heute auf morgen erwachsen werden müssen. (picture alliance / dpa - Keystone USA)

Drei israelische Soldatinnen stehen im Mittelpunkt des Debütromans der 26-jährigen Israelin Shani Boianjiu. Sie sind im Westjordanland oder an der ägyptischen Grenze stationiert. Abwechselnd erzählen die jungen Frauen aus ihrem Leben, wobei deutlich wird, wie sehr sie der Militärdienst traumatisiert.

Drei Soldatinnen. Yael ist Waffenausbilderin auf einem Ausbildungsstützpunkt nahe Hebron, inmitten israelischer Siedlungsgebiete, umgeben von palästinensischen Dörfern. Und nicht nur das: "Die Last, den Stützpunkt zu bewachen, wurde uns, den Waffenausbilderinnen, den Mädchen, aufgehalst. Acht-acht mussten wir machen". Will heißen: Acht Stunden Wache in der Nacht, "in voller Montur, mit den eigenen Gedanken und geladener Waffe. Acht Stunden Schlaf im Container – und dann noch acht Stunden, um aus den Soldaten der israelischen Infanterie bessere Schützen zu machen.

Lea ist bei der Militärpolizei, ihr Wehrdienst besteht unter anderem darin, am Checkpoint Hebron palästinensische Bauarbeiter zu kontrollieren. Und Avishag schiebt ihren Dienst an der Grenze zu Ägypten, in der einzigen frauen-dominierten Einheit der israelischen Armee. Avishag macht den lieben langen Tag nichts anderes, als auf einen Monitor zu starren und zu kontrollieren, wer die Grenze unbefugt übertreten will und sich womöglich in den Stacheldrahtzäunen verfängt.

Yael, Lea und Avishag sind die Heldinnen des Debütromans der gerade einmal 26 Jahre alten israelischen Autorin Shani Boianjiu in ihrem Buch "Das Volk der Ewigkeit kennt keine Angst". Sie sind noch Teenager, sie stammen aus demselben Dorf an der Grenze zum Libanon (ein Dorf, das es nur gibt, "weil Leute den genialen Einfall hatten, man sollte Galiläa judifizieren") und müssen wie alle Mädchen in Israel nach der Schule Militärdienst leisten.

Ein Bild der komplizierten israelischen Gegenwart entsteht

Im Wechsel lässt Boianjiu die drei erzählen, jeweils aus der Ich-Perspektive. Das ist mitunter verwirrend und unterscheidet sich auch vom Ton nicht immer, die Mischung aus Schnoddrigkeit und Nachdenklichkeit ist bei Lea, Avishag und Yael dieselbe. Nach und nach kristallisieren sich aber Charaktereigenschaften heraus - und ein Bild der komplizierten israelischen Gegenwart. Es ist ein Leben in ständiger Bedrohung, ein Leben mit dem Tod. Ein Leben, in dem jeder Jugendliche, ob weiblich oder männlich, eine militärische Ausbildung bekommt und so praktisch von heute auf morgen vom Kind zum Erwachsenen wird. Doch das sexuelle Erwachen findet trotzdem statt: Tankstellengeruch, Marlboro Lights und Partys gehören auch hier zum juvenilen Glück dazu. Die Geschichten von Yael, Lea und Avishag fügen sich auch zu einem Adoleszenzroman, nur eben unter den speziellen israelischen Vorzeichen.

Die in Jerusalem geborene Shani Boianjiu erzählt vom Armee-Vorleben und von der Armeezeit ihrer Heldinnen – und vom so genannten Nachkrieg, der jede der drei jungen Frauen anders traumatisiert in das neue, eigentliche Leben entlässt. Avishag, Kind eines libyschen Vaters und einer irakischen Mutter, verfällt in Depressionen. Lea, Kind einer deutsch-marokkanischen Beziehung, verpflichtet sich zunächst, Offizierin zu werden, und sperrt dann eines Tages – sie jobbt mittlerweile in einem Sandwich-Laden – einen Palästinenser gefesselt und geknebelt in das halbe Zimmer ihrer sündhaften teuren 2,5-Zimmer-Wohnung in Tel Aviv. Nur Yael scheint einigermaßen unbeschadet ihre Armeezeit hinter sich gebracht zu haben, sie zieht wieder zu ihren Eltern und geht dann auf Reisen.

Am stärksten ist Boianjiu, wenn sie ihre Heldinnen an die Grenze von Wirklichkeit und Fiktion schickt. Wenn sie sich Wachträumen hingeben, sich Menschen und Ereignisse vorstellen, sie einen Nachbarn des Olivenbaummords beschuldigen oder als mutmaßliche Gang-Bang-Opfer von zwölf israelischen Soldaten fast eine Woche in einem Wohncontainer vor sich hin vegetieren. Unausgegoren wirkt der Roman an den Stellen, an denen er zu sehr wie ein Mosaik erscheint und etwa die Biografien von Yael, Lea und Avishag immer wieder kurz zusammengefasst werden. Was sicher damit zu tun hat, dass "Das Volk der Ewigkeit kennt keine Angst" eine vielleicht etwas zu gewaltsame Zusammenstellung von Boianjius im "New Yorker" oder der "New York Times" erschienenen Erzählungen ist. Das schadet der Qualität im einzelnen keineswegs. Weshalb man sich am Ende gern noch einmal auf Start zurücksetzen und erzählen lässt, dass das "Volk der Ewigkeit" sehr wohl Angst kennt – nur dass jede Generation anders damit umgeht.

Besprochen von Gerrit Bartels

Shani Boianjiu: Das Volk der Ewigkeit kennt keine Angst
Aus dem Englischen von Maria Hummitzsch und Ulrich Blumenbach
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013
332 Seiten, 19,99 Euro

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