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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 11.12.2018

Wachsende Not in MünchenClearinghaus – ein Auffangbecken für Wohnungslose

Von Regina Steffens und Leonie Sontheimer

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Ramponiertes Plakat der CSU mit Aufschrift "Wohnen in München" (imago/Ralph Peters)
In München gibt es rund 13.000 Haushalte, die sich um Sozialwohnungen bewerben, und circa 3000 Wohnungen, die im Jahr vergeben werden können. (imago/Ralph Peters)

In München können sich viele keine Wohnung mehr leisten. In sogenannten Clearinghäusern sollen Betroffene übergangsweise unterkommen. Darunter sind immer mehr Menschen, denen wegen Eigenbedarf gekündigt wurde.

"Sehr geehrte … oder sehr geehrter …
Mein Name ist Anas und ich bin 26 Jahre alt. Ich mache seit diesem Semester an der TU München meinen Master in transportation systems. Ich suche also eine langfristige Bleibe."

Diesen Text hat Anas Denno in den letzten drei Wochen 60 Mal per Mail verschickt. Zwei Jahre hat der Syrer darauf hingearbeitet an der Technischen Universität München studieren zu können. Doch als er im November nach München kam, dachte er nach wenigen Tagen: Der Traum platzt.

"Ich habe gehofft schnell eine Unterkunft zu finden. Ich bin am 15. angekommen, bis zum 19. musste ich mich immatrikulieren. Ich dachte, ich schaffe es, in vier Tagen eine Wohnung zu finden. Aber die Realität hat mich geschockt. In den ersten vier Tagen habe ich es bereut, hierher gekommen zu sein. Oft habe ich mich selbst gefragt, was hast du dir angetan?"

Im Monat kann er 300 bis 400 Euro zum Wohnen ausgeben. Der Durchschnitt für ein WG-Zimmer in München aber liegt um einiges höher – bei 600 Euro.

Nur zehn Antworten hat er auf seine Wohnungs-Mails bekommen – alles Absagen. Auf einen Platz im Studentenwohnheim müsste er anderthalb Jahre warten. Also schläft Anas seit drei Wochen in einem Hostel.

Anas Denno sitzt am Computer in einem Wohnzimmer (Regina Steffens / Leonie Sontheimer)Ist jetzt erst einmal zu einem entfernten Bekannten gezogen: der Syrer Anas Denno. (Regina Steffens / Leonie Sontheimer)

Ist das 900-Betten-Hostel im Münchner Randbezirk gut gebucht, wird es für Anas teuer. Dann zahlt er für die Woche mal 120 Euro. Anas’ Budget reicht für einen Monat im Mehrbettzimmer mit Gemeinschaftsbad. Zweimal hat er das Zimmer gewechselt – einmal wegen Bettwanzen und einmal, weil ein Zimmergenosse jede Nacht laut Handy-Musik spielte.

Auch wenn Anas’ Situation nach Verzweiflung klingt – er gehört nicht zu der Gruppe der Menschen, um die sich die Stadt am meisten sorgt.

"Also, er wartet tatsächlich nur auf ’ne Wohnung in Anführungszeichen und ist er nicht durch Mietschulden wohnungslos geworden, nicht durch Krise oder sonstige Gründe, sondern einfach nur, weil er nach Deutschland gezogen ist und findet halt gerade nix."

Bewohner sollen sich wie in normalem Wohnhaus fühlen

David Diekmann ist Sozialpädagoge und arbeitet in einem sogenannten Clearinghaus – einer befristeten Notunterkunft. Sieben solcher Häuser gibt es in München. Hier kommen Menschen unter, die es aus eigener Kraft nicht aus der Wohnungslosigkeit schaffen. Drei Monate, maximal ein Jahr, dann müssen sie mithilfe von Diekmann und den anderen Sozialarbeitern eine eigene Wohnung gefunden haben. Während sie hier leben, sollen sich die Bewohner fühlen, wie in einem normalen Wohnhaus.

"Wir stehen jetzt hier vorm Haus, hier sehen sie die Klingelschilder, also die Namen stehen auch alle dran. Bis auf eine Wohnung sind aktuell alle belegt."

Außenaufnahme des Clearinghauses an der Plinganserstraße in München  (Regina Steffens / Leonie Sontheimer )Das Clearinghaus an der Plinganserstraße in München (Regina Steffens / Leonie Sontheimer )

Das Haus ist ein fünfstöckiger Neubau mit beige-grüner Fassade und liegt an einer vielbefahrenen Straße.

Im Hausflur ist es ruhig und sauber. 31 Wohnungen gibt es, Platz für bis zu 85 Menschen – je nach Belegung. Momentan leben knapp 60 hier, darunter 20 Kinder.

In den Geschossen stehen keine Schuhe rum, hängt keine Deko. Die Bewohner dürfen nichts an die Wände kleben. Sie sollen ja nicht zu lange bleiben. Nur eine Wohnung steht gerade leer. Als Diekmann die Tür öffnet, riecht es nach neuen Möbeln und irgendwie steril.

"Also die Wohnung hat knapp jetzt 60 Quadratmeter und kostet so 680 Euro warm. Ohne Strom. Also ein eigenes Badezimmer ist für die Leute wichtig, die schon mit dem System in Berührung gekommen sind und ins Clearinghaus umverlegt worden sind. Für die ist das natürlich das Größte, ein eigenes Bad wieder zu haben. Da ist das ein großer Luxus."

Wer den "Luxus" einer Wohnung im Clearinghaus genießen kann, entscheidet die Stadt. Das Sozialbürgerhaus und das Wohnungsamt vergeben die Einweisungsscheine. Sich selbst bewerben oder einfach an der Tür klingeln – das geht nicht.

Aufenthaltsdauer in Clearinghäusern ist gestiegen

Clearinghäuser sind ein Nischen-Angebot für besondere Fälle.

"Ursprünglich war es so gedacht für Menschen, die Mietschulden machen, zwangsgeräumt werden und das Ganze halt passiert ist aufgrund einer persönlichen Lebenskrise, weil Partner verstorben, weil Arbeit verloren, in Anführungszeichen die Klassiker, das wird immer weniger. Also was jetzt mehr wird sind Eigenbedarfskündigungen."

Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer in den Clearinghäusern ist in den letzten Jahren gestiegen. Diekmann und seine Kollegin machen dafür hauptsächlich den Sozialwohnungsmarkt verantwortlich, der immer dichter wird.

"Es gibt rund 13.000 Haushalte, die sich um Sozialwohnungen bewerben. Und circa 3000 Wohnungen, die im Jahr vergeben werden können."

Sabine Reiner-Pfeiler leitet den ambulanten Fachdienst, an den die Clearinghäuser angebunden sind. Ihr größtes Anliegen ist es, die Probleme der Bewohner zu klären und dafür zu sorgen, dass sie wieder eine eigene Wohnung finden. Doch die Entwicklung der letzten Jahre macht Reiner-Pfeiler Sorgen.

"Weil es einfach, denke ich, mittlerweile viele Haushalte treffen kann. Also ich denk ’ne Eigenbedarfs-Kündigung oder so kann jeden in München betreffen.

Für die Wohnungsnot an sich, da hat sich die Situation extrem angespannt. Und die hat sich in den letzten Jahren einfach weiter zugespitzt."

Anas ist in der Zwischenzeit zu einem entfernten Bekannten in einen Münchner Vorort gezogen. Der Kontakt kam über seine Frau, die hatte in seiner Heimatstadt in Syrien rumgefragt. Anas kann eine Weile bei dem Bekannten bleiben, aber melden kann er sich dort nicht. Auch seine Lösung ist also keine Dauerlösung.

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