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Fazit | Beitrag vom 29.04.2021

Vorwürfe des Machtmissbrauchs am Maxim Gorki TheaterNicht nur ein Männerproblem

Barbara Behrendt im Gespräch mit Susanne Burkhardt

Shermin Langhoff, Intendantin des Maxim Gorki Theaters Berlin und Mitglied der Bundesversammlung zur Wahl des Bundespräsidenten 2017, zu Gast bei Anne Will. (IMAGO / Jürgen Heinrich)
Shermin Langhoff hat das Maxim Gorki Theater als postmigrantische Instituion geprägt. (IMAGO / Jürgen Heinrich)

Ehemalige und aktuelle Mitarbeitende des Maxim Gorki Theaters werfen der Intendantin Shermin Langhoff im "Spiegel" Machtmissbrauch vor. Es herrsche ein "Klima der Angst". Übergriffe seien nicht nur ein Männerproblem, sagt die Theaterkritikerin Barbara Behrendt.

Im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" äußern sich 15 ehemalige und aktuelle Mitarbeitende des Berliner Maxim Gorki Theaters anonym zu den Arbeitsbedingungen am Haus. Sie werfen der Intendantin, Shermin Langhoff, ein toxisches Arbeitsumfeld vor. Diese schaffe ein "Klima der Angst". Langhoff brülle Menschen schon wegen Kleinigkeiten an, zum Beispiel wegen einer Formulierung im Programmzettel, die ihr nicht gefalle. Niemand könne Kritik am Haus äußern und wer das doch tue, werde in Sitzungen vor anderen Mitarbeitenden vorgeführt.

Coaching ohne Erfolg

Außerdem heißt es im "Spiegel"-Artikel, Langhoff verhalte sich körperlich grenzüberschreitend. So äußere sie anzügliche Bemerkungen und umarme Personen, die das nicht wollten. Wer sich beschwere, werde von ihr als prüde oder protestantisch bezeichnet. "Und deshalb wollen jetzt neun Mitarbeitende zum Ende der Spielzeit gehen", sagt die Theaterkritikerin Barbara Behrendt.

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Die Vorwürfe seien nicht neu, berichtet Behrendt. 2018 gab es anscheinend einen Mediationsprozess. Shermin Langhoff habe sich im selben Jahr und 2019 coachen lassen. Laut den Mitarbeitenden, die im "Spiegel" zitiert werden, sei die Situation jedoch immer schlimmer geworden.

"2019 soll es dann einen so heftigen Ausbruch gegeben haben, dass neun Mitarbeitende beschlossen, sich zu wehren", sagt Behrendt. Zunächst intern - dann hätten sie sich an die Vertrauensstelle Themis gewandt. Themis leitete die Beschwerde an den Kultursenat weiter, der laut "Spiegel" aber nicht konsequent eingegriffen hat.

Machpositionen teilen

Was sagt der Fall über den Umgang mit Machtmissbrauch, Mobbing und Diskriminierung an deutschen Theatern aus? Barbara Behrendt sieht gleich mehrere Probleme. Als erstens zeige der Fall Langhoff, "dass Machtmissbrauch und körperliche Grenzüberschreitungen eben nichts sind, was nur Männer begehen". Die Lösung könne also nicht sein, mehr Frauen in Leitungspositionen zu fordern. Stattdessen müssten Kontrollmechanismen verstärkt und Hierarchien abgeflacht werden, meint sie.

Das könne zum Beispiel bedeuten, dass Machtpositionen geteilt würden. So hatte Langhoff in den ersten Jahren Jens Hillje als Co-Intendant an ihrer Seite. "Das fand ich bei ihrer Berufung damals eine sehr gute Idee, weil ich selbst, als sie noch am Ballhaus Naunynstraße war, bei einer öffentlichen Diskussion erlebt habe, wie schnell sich Shermin Langhoff angegriffen fühlt und aggressiv werden kann."

Angstfrei am Theater arbeiten

Zweitens zeigten die Vorwürfe im "Spiegel", dass sich die prekären Arbeitsverhältnisse am Theater dringend ändern müssten. "Verträge, die immer nach einem Jahr automatisch auslaufen, sorgen natürlich nicht für ein Klima, in dem man angstfrei arbeiten kann", sagt die Kritikerin.

Letztlich sei die Sensibilisierung für Machtmissbrauch gestiegen. Das sei eine gute Entwicklung, so Behrendt: "Man ist nicht mehr bereit, alles hinzunehmen zugunsten der Erzählung, dass nur so große Kunst entsteht."

Kein anderes Haus in Deutschland stehe so sehr für ein "diverses, schwellenarmes" Theater wie das Maxim Gorki, betont Behrendt. Wichtig für das Haus sei es nun, die Vorwürfe aufzuklären: "In einer Atmosphäre von Missgunst und Vertrauensbruch wird sich jedenfalls nicht gut Theater machen lassen." 

(sbd)

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