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Fazit / Archiv | Beitrag vom 22.11.2012

Vorwürfe an das heutige Russland

Die Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja beklagt das mangelnde Geschichtsbewusstsein in ihrem Land

Ljudmila Ulitzkaja im Gespräch mit Liane von Billerbeck

Die russische Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja (picture alliance / dpa - Sysoyev Grigory)
Die russische Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja (picture alliance / dpa - Sysoyev Grigory)

Die Tendenz in der russischen Gesellschaft, die Person Stalin "wiederzubeleben", betrübe sie sehr, sagt die russische Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja. In ihrem neuen Roman "Das grüne Zelt" schreibt sie über Glück und Katastrophen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Liane von Billerbeck: Sie ist eine der besten russisch schreibenden Schriftstellerinnen der Gegenwart, Ljudmila Ulitzkaja, geboren 1943 in einer russisch-jüdischen Familie. Ihre auch auf Deutsch erschienenen Bücher – "Maschas Glück", "Ergebenst, euer Schurik" und das vorige "Daniel Stein" – wurden auch hierzulande von der Kritik und den Lesern hymnisch gefeiert. Eigentlich wollte Ljudmila Ulitzkaja nach diesem keinen weiteren Epochenroman schreiben. Das hat sie nun doch getan und entstanden ist ihr Buch "Das grüne Zelt", das die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts - das Glück wie den Einbruch der Katastrophen in das Leben ihrer drei Helden - schildert.

Ich habe mit Ljudmila Ulitzkaja in der Wohnung ihrer Berliner Freundin gesprochen und sie zuerst gefragt, was sie bewogen hat, noch einmal einen so großen Roman zu schreiben, dessen Geschehen sich ja über 50 Jahre spannt, von Stalins Tod 1953 bis fast zur Jahrtausendwende?

Ljudmila Ulitzkaja: Ich denke, das war das erste Mal in meiner schriftstellerischen Biografie, wo der Wunsch, ein solches Buch zu schreiben, nicht nur von mir, von innen heraus kam, sondern auch von meiner Umgebung so ausgesprochen wurde. In Russland gibt es jetzt eine Tendenz, den Namen oder die Persönlichkeit Stalins wiederzubeleben, und das betrübt mich endlos.

Außerdem gibt es bei uns im Land so eine Tendenz, dass die junge Generation – nicht die ganz junge, sondern die, die circa 25 bis 35 Jahre alt sind – gewisse Vorwürfe oder Ansprüche gegenüber denjenigen haben, die jetzt bereits 60 sind. Viele Misserfolge der russischen Politik und der russischen Wirtschaft, dafür macht diese Generation nicht die kommunistische Führung verantwortlich oder nicht die Führung des KGB, sondern die Generation derjenigen, die jetzt 60 Jahre alt ist. Und das finde ich erstens ungerecht und zweitens mal auch falsch, ungebildet, unwissend.

von Billerbeck: Sie erzählen ja die Geschichte dreier Freunde, Ilja, Micha, Sanja, die schon in der Schule Außenseiter waren und sich anfreunden, die sich für Fotografie, vor allen Dingen Literatur und Musik interessieren. Sie sind ja Menschen Ihrer Generation. Ist das also auch so ein bisschen der Versuch der Rehabilitierung dieser Generation?

Ulitzkaja: Ohne Zweifel. Ich wollte natürlich die Wahrheit über eine Generation erzählen, von der die heutige Generation faktisch nichts weiß. Und in meinem Sichtfeld sind nicht die Helden, nicht die Führungspersönlichkeiten der Protestbewegungen der 60er-Jahre, sondern es sind ganz normale Menschen, die den Kampf gegen die Verhältnisse bei uns nicht zu ihrem Hauptziel erklärt haben. Und deswegen ist einer der Gedanken in meinem Roman eben der Gedanke, wie die Sowjetmacht den Charakter und auch die Schicksale von Menschen gebrochen hat, die ja eigentlich gar nicht unbedingt Feinde dieser Führung waren, sondern einfach nur normale, nüchtern denkende Menschen.

von Billerbeck: Sie haben Ihrem Roman ja ein Motto vorangestellt, das Sie einem Brief entnommen haben, den Boris Pasternak an Warlam Schalamow geschrieben hat: "Trösten Sie sich nicht damit, dass die Zeit im Unrecht ist. Dass sie moralisch im Unrecht ist, bedeutet noch nicht, dass wir im Recht sind. Ihre Unmenschlichkeit heißt nicht, dass wir, weil wir mit ihr nicht einverstanden sind, dadurch allein Menschen sind." Heißt das also, Sie wollen Ihre Protagonisten, die ja für ihre Ideale, für ihre kulturellen Werte teilweise durchaus einen hohen Preis gezahlt haben, auch diese normalen Menschen – Verfolgung, Haft, Emigration, Tod –, dennoch nicht als Helden sehen?

Ulitzkaja: Wissen Sie, ich kenne die Atmosphäre dieser damaligen Zeit sehr gut und ich kenne somit auch die Menschen, die damals lebten. Zum Beispiel Natascha, die 1968 auf den Platz rausgegangen ist, als die russischen Streitkräfte in Prag eingefallen sind. Sie war eine meiner Freundinnen. Oder auch ???, die fünf Jahre lang im Lager abgesessen hat für ihre Tätigkeit, für ihre schriftstellerische.

Das alles sind Menschen, die es einfach verdienen, dass auch ihrer gedacht wird, dass man vielleicht künstlerische Werke über sie schreibt. Eigentlich sind es durchschnittliche Leute. Wobei, durchschnittlich ist nicht der richtige ... Das sind schon auch hervorragende Leute, es sind alles meine Freunde und hinter jedem meiner Freunde verbirgt sich ein Charakter, ein Held in meinem Buch.

von Billerbeck: Ilja, Micha und Sanja, Ihre Protagonisten, die kommen aus einer bestimmten Schicht, aus der russischen-jüdischen Intelligenz, in der Reichtum ganz anders definiert wird, in der die Literatur einen Stellenwert hat wie für andere nur Gold und Geld. Sie zitieren da auch und sagen, so viele Gedichte, eine solche Zeit gab es in Russland weder zuvor noch danach jemals wieder. Die Gedichte füllen den luftleeren Raum, sie wurden selbst zu Luft, vielleicht, wie ein Dichter es ausdrückte, zu gestohlener Luft. Welche Kraft hatte die Literatur für Ihre Protagonisten, für Micha, Ilja und Sanja?

Ulitzkaja: Wissen Sie, es war schon eine einzigartige Zeit. Der Durst nach Kultur ... Es war ja eigentlich immer so, dass Kultur in schwierigen Situationen des Lebens geholfen hat, manchmal gerettet hat. Und in den 60er- und 70er-Jahren, in einer Periode, wo so ein starker ideologischer Druck ausgeübt wurde, gab es trotzdem Menschen, die in dieser Zeit nach Kultur gesucht haben, für die das ein Ausweg war, ein Rettungsanker. Das gibt es jetzt, in der jetzigen Zeit so nicht. Und vielleicht ist das einer der Vorwürfe an die jetzige Regierung. Ich meine, ich habe eine lange Liste von Vorwürfen, so ist es nicht. Aber der wichtigste Vorwurf auch, dass sie die Vernichter von Kultur sind.

Das vollständige Interview mit Ljudmila Ulitzkaja ist im Radiofeuilleton gesendet worden. Sie können es hier nachhören.



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