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Studio 9 | Beitrag vom 25.02.2019

Vorstellung der Initiative Säkularer IslamDie Vielfalt der Muslime sichtbar machen

Von Sebastian Engelbrecht

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Das Bild zeigt kleine Figuren, die die Bandbreite von Musliminnen und Muslimen repräsentieren sollen. (imago stock&people)
Als Mitglieder einer demokratischen Gesellschaft - so versteht die neue Initiative Musliminnen und Muslime vor allem. (imago stock&people)

Wenn es politisch um den Islam geht, stammen die Wortführer meist aus Verbänden wie DITIB oder dem Zentralrat der Muslime. Die Initiative Säkularer Islam will das jetzt ändern – und die Wahrnehmung von Muslimen in der Öffentlichkeit erweitern.

Der Gemeindesaal der liberalen Ibn Rushd-Goethe-Moschee in Berlin ist bis auf den letzten Sitz- und Stehplatz gefüllt. 200 Menschen drängen sich in einem schmucklosen 60er-Jahre-Zweckbau, um zu erleben, wie sich die neue Initiative Säkularer Islam vorstellt. Und das an einem Sonntagabend. Sprecher der Initiative ist Ali Ertan Toprak, CDU-Mitglied und Vorsitzender der Kurdischen Gemeinde Deutschland.

"Wir verstehen Musliminnen und Muslime als Bürgerinnen einer demokratischen Gesellschaft, die die Rechte und Pflichten aller anderen Bürgerinnen teilen. Wir sprechen uns für eine Verbesserung der bürgerlichen Teilhabe von Muslimen, aber gegen Sonderrechte für Musliminnen und Muslime aus, und das im Grundgesetz garantierte Recht auf die Freiheit des Bekenntnisses und auf ungestörte Religionsausübung beinhaltet unserer Ansicht nach nicht das Recht, religiöse Normen im öffentlichen Raum durchzusetzen."

Seyran Ates und Cem Özdemir unter den Gründern

Toprak und seine Initiative wollen ein Spektrum der Muslime in Deutschland sichtbar machen und vertreten, das bisher in der Öffentlichkeit kaum vertreten war: Die säkularen Muslime, die sich zu keiner Moscheegemeinde und keinem muslimischen Verband zugehörig fühlen. Zu den Gründern gehören auch der Grünen-Politiker Cem Özdemir, die Gründerin der Ibn Rushd-Goethe-Moschee, Seyran Ates, der Publizist Hamad Abdel-Samad und andere. Sie sind der Überzeugung, dass sich die Mehrheit der Muslime in Deutschland zuerst den "Grundwerten" der Bundesrepublik verpflichtet fühle.

Ali Ertan Toprak, Vorsitzender der kurdischen Gemeinde Deutschlands, spricht beim Neujahrsempfang der kurdischen Gemeinde in der Landesvertretung Niedersachsen (dpa)Ali Ertan Toprak will die bürgerliche Teilhabe von Muslimen verbessern. (dpa)

"Wenn es um die Gleichberechtigung der Frau und um Antisemitismus geht, gibt es in diesem Land nichts zu verhandeln, liebe Freundinnen und Freunde", sagt Toprak.  So ist zur Vorstellung der Initiative auch Elio Adler von der jüdisch-deutschen "WerteInitiative" eingeladen.

Adler begrüßt die muslimische Gründung ebenso wie Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), der allerdings betont, er sei als Mitglied des Bundestages und "politischer Mensch" gekommen. Spahn sagt, es gehe ihm darum, "wie wir diejenigen stärken können und unterstützen können, die einen säkularen Islam, einen Islam, der nicht einen Anspruch hat ins Weltliche, ins Staatliche, tatsächlich hier in Deutschland stärken wollen, vertreten wollen – wie wir denen helfen können."

Islamische Verbände nicht vertreten

Nicht vertreten sind die islamischen Verbände in Deutschland wie etwa der Zentralrat der Muslime oder die türkische DITIB. Sevim Dagdelen, die für die Linke im Bundestag sitzt, meint, diese "reaktionären Kräfte" des "politischen Islam" seien in Deutschland zu lange hofiert worden, auch von ihrer Partei. Die SPD-Politikern Lale Akgün stimmt ihr zu:

"Wenn ich mir die deutsche Seite anschaue, die nichtmuslimische Seite, da sehe ich immer so eine gewisse, einen Schutzreflex. Man meint, man muss nett sein zu Muslimen, zu Minderheiten, und pauschal eigentlich alle Differenzen auch zudecken und immer dafür sorgen, dass man einfach alles, was muslimisch oder religiös ist, unter eine Art Artenschutz stellt."

Die deutsch-türkische SPD-Politikerin Lale Akgün im September 2017 beim Ökumenischen Fest der EKD in Bochum. (imago / epd)Lale Akgün fordert ein differenzierteres Bild der Muslime in Deutschland. (imago / epd)

Mit der "Initiative Säkularer Islam" sollen nun andere muslimische Positionen im politischen Diskurs hörbar werden – Stimmen gegen das Kopftuch für Mädchen etwa oder für gemeinsamen Schwimmunterricht von Mädchen und Jungen.

Das religiöse muslimische Leben müsse Bestandteil der deutschen Gesellschaft werden, meint Spahn.

"Das eigentliche Versäumnis ist ja, dass es nie gelungen ist, einen Islam, der sich jetzt ausprägt in Institutionen, in Moscheegemeinden, in Vereinen, in Verbänden, sich entwickeln zu lassen, der sich als deutsche Moscheegemeinde versteht."

Kontroverse um Trennung von Kirche und Staat

Spahn schlägt vor, es sei besser, die islamischen Verbände vorübergehend aus deutschen Steuermitteln zu finanzieren als von der Türkei, Saudi-Arabiens oder anderen muslimischen Staaten.

Das allerdings stößt bei einigen Initiatoren des "Säkularen Islam" auf Widerstand. Der Schriftsteller Abdel-Samad pocht auf eine konsequente Trennung von Staat und Kirche: "Wir begreifen nicht, dass der politische Islam im Schatten der Kirchen wächst. Wenn wir das erst mal erkennen, wenn die Kirchen und auch die gläubigen Christen, die in die Kirche gehen, das auch mal begreifen, dann wäre sehr viel gewonnen."

Mit der Gründung der Initiative Säkularer Islam sind also eine Reihe von Fragen neu aufgeworfen, die das Verhältnis von Staat und Religion grundsätzlich betreffen.

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