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Kompressor | Beitrag vom 07.10.2014

VorgespultFilmstarts - Wege aus der Not

Von Christian Berndt

Mads Mikkelsen als Jon mit seinem ermordeten Sohn Kresten (Toke Lars Bjarke) in "The Salvation". (picture alliance / dpa / Concorde Film / Jens Schlosser)
Mads Mikkelsen als Jon mit seinem ermordeten Sohn Kresten (Toke Lars Bjarke) in "The Salvation". (picture alliance / dpa / Concorde Film / Jens Schlosser)

In "Vorgespult' geht es heute um drei Filme, die von Wegen aus der Not erzählen: In "Jack" schlagen sich zwei Kinder alleine durch Berlin, in "The Salvation" übt ein Einwanderer einsame Rache und "Get On Up" erzählt vom Aufstieg des Musikers James Brown.

"Mama kommt später. Komm, zieh Deine Schuhe aus. (Türoffnen, hektische Schritte) – Ich hab Hunger. – Ja, ich mach Dir was."

Jack hat alle Hände voll zu tun. Der 10-Jährige versorgt seinen kleinen Bruder, die Mutter ist wieder mal unterwegs. Irgendwann schaltet sich das Jugendamt ein – weil Sanna, die alleinerziehende junge Mutter, hoffnungslos überfordert ist, muss Jack ins Heim. Bald flüchtet er wieder nach Hause – Sanna aber ist nicht da. Jack holt den kleinen Bruder bei Freunden der Mutter ab, und zusammen machen sich die beiden auf die Suche nach ihr:

"Jack, was macht ihr denn hier? – Ist Mama bei Dir? – Ne, wieso? – Ich kann sie nicht finden. – Ist sie bei ner Freundin vielleicht? – Haben wir schon gefragt. – Ja, die kommt bestimmt bald wieder, geh mal nach Hause, okay?"

Niemand hilft. Die beiden Jungs streifen tagelang durch Berlin. Hautnah folgt die Kamera den kleinen Helden in Edward Bergers Film "Jack", der im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale lief. Der prekäre, familiäre Alltag wird nüchtern aufgezeichnet – schonungslos, aber ohne Figuren und Verhältnisse zu denunzieren. In seiner Erzählform bleibt der Film zwar eher statisch, aber mit der Konzentration auf seinen beeindruckenden Kinderhelden, dessen Perspektive sich der Film ganz und gar zu eigen macht, zeigt "Jack" eine Konsequenz, die aus dokumentarischem Sozialrealismus das Abenteuer einer mutigen Selbstbehauptung macht:

Jack
Regie: Edward Berger
Mit: Luise Heyer, Georg Arms, Ivo Pietzcker
Deutschland 2014, 102 Minuten, FSK 6 Jahre

Konsequent bis zum blutigen Showdown ist auch der dänische Western "The Salvation" inszeniert. Es beginnt 1871: Jon ist vor Jahren aus Dänemark in den Westen der USA eingewandert, um eine neue Existenz für seine Familie aufzubauen – nun kann er endlich seine Angehörigen nachholen. Doch kurz nach ihrer Ankunft fallen Frau und Sohn Banditen in die Hände und werden ermordet. Jon kann die Täter stellen und tötet sie. Einer der beiden aber war der Bruder des gefürchteten Bandenchefs Delarue, und der fordert nun die Bürger der Stadt Black Creek auf, Jon auszuliefern:

"Ich gebe Ihnen zwei Stunden, dann will ich den haben, der das getan hat. – Das schaff ich niemals. – Sie sind doch ein Mann Gottes Sheriff, dann müssten Sie die Worte unseres Herrn doch kennen: Zahn um Zahn. – Ja. – Also, entweder Sie geben mir den Mann, der das getan hat, oder liefern mir zwei Ihrer Gemeindemitglieder."

Die Stadtoberen liefern Jon aus. Sein Bruder aber kann ihn befreien, und nun starten die beiden einen unerbittlichen Rachefeldzug. "The Salvation" zieht alle Register des Westerngenres – von Prärieaufnahmen à la John Ford über Bilder schlammiger Westernstadt-Tristesse im Stile Sergio-Leones bis zum "High-Noon"-Showdown.

Der dänische Regisseur Kristian Levring hat mit "The Salvation" keine Western-Neuerfindung versucht, dafür aber seine Geschichte – mit charismatischen Stars wie Mads Mikkelsen und Eva Green – so konsequent unironisch zum Rachedrama verdichtet, dass gerade das Erwartbare spannend wird.

The Salvation
Regie: Kristian Levring
Mit: Mads Mikkelsen und Jeffrey Dean Morgan
Dänemark, Großbritannien, Südafrika 2014, 93 Minuten, FSK 16 Jahre

Einem anderen amerikanischen Mythos widmet sich das Biopic "Get On Up": James Brown. Nicht chronologisch, sondern in Zeitsprüngen erzählt der amerikanische Regisseur Tate Taylor vom Aufstieg des in ärmlichsten Verhältnissen im amerikanischen Süden aufgewachsenen "Godfather of Soul" zu einem der wichtigsten Musiker des 20. Jahrhunderts.

Browns Mutter verschwand, als er vier Jahre alt war, mit 15 kam er ins Gefängnis. Und hier knüpfte der im Gospelchor geschulte Brown Kontakt zu einem Musiker, mit dem er nach seiner Entlassung eine Band gründete. James Browns ganz eigener, unmelodiöser und Rhythmusbetonter Blues wirkte in den 50er-Jahren revolutionär:

"Ladies, Ladies and Gentlemen, wir sind die Famous Flames."

Mit tollen Gesangs- und Tanznummern zeichnet "Get On Up" Browns Lebensstationen nach, zeigt auch die problematischen Seiten des Musikers, der die Band diktatorisch führte und seine Ehfrauen schlug. Die collagenhafte Darstellung des Films hält die Figur auf Distanz, vielmehr erlebt man James Brown, großartig gespielt von Chadwick Boseman, als Phänomen seiner Zeit.

In einprägsamen Szenen werden Browns bittere Erfahrungen mit dem Rassismus der Südstaaten vorgeführt – etwa wie er als kleiner Junge zur Party-Belustigung für Weiße brutale Boxkämpfe austragen musste. Wie aus diesen Demütigungen Stolz erwuchs und James Brown zur Stimme des afroamerikanischen Amerika wurde, führt "Get On Up" mitreißend vor.

"Get On Up"
Regie: Tate Taylor
Mit: Dan Aykroyd, Chadwick Boseman, Nelsan Ellis
USA 2014, 139 Minuten, FSK 12 Jahre

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