Seit 21:30 Uhr Kriminalhörspiel

Montag, 24.09.2018
 
Seit 21:30 Uhr Kriminalhörspiel

Fazit / Archiv | Beitrag vom 22.11.2012

Vordenker zwischen Trash und Hochkultur

Der Amerikaner Jack Smith prägte die Avantgarde-Kunst und Velvet Underground

Von Klaus Walter

Podcast abonnieren
Im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt wird "Extra Trouble" über Jack Smith gezeigt. (Museum für Moderne Kunst Frankfurt)
Im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt wird "Extra Trouble" über Jack Smith gezeigt. (Museum für Moderne Kunst Frankfurt)

Er war der angesagteste Undergroundkünstler der 60er und 70er Jahre in New York. Nein, nicht Andy Warhol, sondern Jack Smith. Das Enfant terrible gilt als Erfinder des queer Cinema, er versuchte sich als DJ und VJ und produzierte zudem reichlich Skandale.

"Wer war Jack Smith?" Er war der wichtigste Underground-Künstler der 60er und 70er Jahre, aber jedes Gespräch über ihn beginnt mit dieser Frage. Also, noch mal: "Wer war Jack Smith?"

Karola Gramann: "Jack Smith ist ein amerikanischer Künstler, der in den 60er und 70er Jahren das Zentrum des New Yorker Underground war, ein Vorbild für Warhol."

Die renommierte Filmwissenschaftlerin Karola Gramann ist gemeinsam mit ihrer Kollegin Heide Schlüpmann Kuratorin von "Extra Trouble – Jack Smith in Frankfurt". Das dreitägige Festival wird flankiert von einer Ausstellung im Museum für Moderne Kunst. Hier werden Foto- und Dia-Arbeiten von Smith gezeigt. Den Soundtrack zur Schau hat der New Yorker Avantgarde-Musiker John Zorn zusammengestellt, mit Material aus der reichhaltigen Plattensammlung von Jack Smith.

Von eben jenem John Zorn stammt die Behauptung, Jack Smith sei der "wahre Warhol". Die Kulturwissenschaftlerin Juliane Rebentisch dagegen sieht in Smith den "anderen Warhol". Ob der wahre oder der andere Warhol, auf jeden Fall war Smith…

"Ein Katalysator in der New Yorker Kulturszene, der mit allen wichtigen Projekten der Factory verbunden war."

Aber, anders als Warhol und seine Factory wird Jack Smith nur in eingeweihten Kreisen verehrt, vor allem unter Cineastinnen wie Karola Gramann.

"Er war ein Multitalent, Fotograf, Performer, Arrangeur von Gegenständen, Kleidern und Kulissen, ein Transformator seiner selbst und ein brillanter Filmemacher."

Jack Smith hat gewissermaßen seine eigene Kunstgattung für sich erfunden: "Live Film" - so bezeichnete er selbst seine interdisziplinäre Mischung aus Experimentaltheater, Performance, Film- und Diamaterial. Die Vorführung seiner Filme pflegte Smith live mit Musik vom Plattenspieler zu begleiten. Seine Liebe galt den exotischen Sounds aus Hawaii und den großen Diven mit den großen Stimmen, zum Beispiel Yma Sumac.

Vor allem schwule Männern verehren in den Sechzigern und Siebzigern das peruanische Stimmwunder Yma Sumac, so wie auch andere glamouröse Diven, Judy Garland etwa, oder Elizabeth Taylor. Jack Smith ist einer von diesen Männern. Er steht quer zur sexuellen Heteronorm, er gilt als Pionier des Queer Cinema.

"Queer hat er auch selbst viel verwendet, wenn er von sich gesprochen hat. Natürlich hat sich der Begriff über die Jahre geändert, aber queer in einem diametralen Gegensatz zu normativen Verhältnissen, so hat Smith das verwendet und das hat seine Filmarbeit geprägt. Wenn man einen Film wie "Flaming Creatures" nimmt, wie er da die Geschlechtergrenzen ignoriert und hantiert mit diesen melancholischen Schwänzen…"

Melancholische Schwänze?

"Die sind so unentschlossen, dann werden sie mal bewegt, dann hängen sie hierhin und dorthin…"

Nur hart, das werden sie nie, die melancholischen Schwänze in "Flaming Creatures", dem berühmtesten Film von Jack Smith.

"Das finde ich ganz toll, weil das so eine Leichtigkeit hat, das hat nicht dieses Anstrengen müssen, man hat das Gefühl, einer Orgie beizuwohnen, wo niemand was bringen muss und das finde ich toll."

Weniger toll findet die amerikanische Justiz den Film von Jack Smith. "Flaming Creatures" wird verboten, er gilt als pornografisch. Dabei verweigert er sich doch gerade den Imperativen der kommerziellen Pornografie: hier gilt nicht: größer, schneller, härter, bei Smith heißt es: anything goes … alles möglich: aber eben nicht: alles muss gehen. "Flaming Creatures" unterläuft die Grundfeste der modernen Pornografie: das Diktat der Körperoptimierung und den Mythos der Machbarkeit. Die besondere Leistung von Jack Smith würdigt Karola Gramann mit einem Wort des britischen Avantgarde-Filmers Stephen Dworskin, der gesagt hat…

"…dass es Smith wie keinem anderen gelungen ist, Phantasie in Film umzusetzen, das teile ich, diese große polymorph-perverse Phantasie ist da in Tableaus umgesetzt und das ist fantastisch."

Zu den Fans von Jack Smith gehört auch Lou Reed. Der Gründer von Velvet Underground war ja eng mit Andy Warhol befreundet und bewundert Smith und seine Crew für das, was sie mit ihren beschränkten Mitteln erreicht haben.

Lou Reed: (Sync) "Wie sie die Kamera einsetzen, die Farbe, die Kostüme, das Licht!"

All das ist bis zum 13. Januar in Frankfurt zu bewundern und danach sollte niemand mehr fragen: Wer war Jack Smith?

Mehr zu dem Thema finden Sie unter dradio:

Übellaunige Rocklegende zeigt eigene Fotos - Rocklegende Lou Reed präsentiert Ausstellung "Rimes - Rhymes"

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Übellaunige Rocklegende zeigt eigene Fotos

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsEpoche fluider Wahrheiten
Exponat der Ausstellung "Im Zweifel für den Zweifel": Michael Schirner, BYE BYE, WAR70, 2002 – 2011, Digigraphie by EpsonEpson (NRW Forum Düsseldorf)

Was passiert, wenn man aus ikonischen Pressefotografien das zentrale Motiv herausschneidet, also Brandts Kniefall ohne Brandt zeigt? Was also, wenn man der eigenen Wahrnehmung nicht mehr trauen kann? "Das postfaktische Zeitalter macht die Täuschung salonfähig."Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 6Über Gräben
Die Schrift am Luckenwalder Stadttheater liegt im Schatten. (picture alliance / dpa / Sascha Steinach)

Wie halten sie's mit den Produktionsbedingungen? Im Juni-Podcast geht es um das Verhältnis von festen Häusern und Freier Szene. Außerdem Thema: eine strittige Inszenierung in Berlin und wie Theater sich gegen rechte Übergriffe wappnen können.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur