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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 16.02.2006

Vordenker des 20. Jahrhunderts

Micha Brumlik untersucht Freuds Kulturanthropologie

Rezensiert von Susanne Mack

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Sigmund Freud in Wien, 1936 (AP)
Sigmund Freud in Wien, 1936 (AP)

Für den Frankfurter Hochschullehrer Micha Brumlik ist Sigmund Freud der führende Kulturphilosoph des 20. Jahrhunderts. Um dieses Urteil zu untermauern, macht uns der Autor mit der Anthropologie des Sigmund Freud bekannt. Mit einer Lehre vom Menschen, die in Freuds persönlicher Erfahrung einer Kulturkrise gründet : Der Krise der europäischen Moderne, die schließlich in die Urkatastrophe des Ersten Weltkriegs mündet.

Ist Sigmund Freud denn tatsächlich, der Denker des 20. Jahrhunderts, wie der Titel des Buches behauptet?


Das hab’ ich mich auch gefragt. War Freud nicht eher "19. Jahrhundert"? Schließlich ist er ja 1856 geboren. Und die Texte, die seine Psychoanalyse begründen, hat er zwischen 1889 und 1900 verfasst. Und was das 20. Jahrhundert betrifft, so könnte man neben Freud auch andere "Meisterdenker" nennen. Albert Einstein zu Beispiel.

Wer sich in Micha Brumliks Werk vertieft, merkt allerdings: der Titel des Buches ist anders gemeint als man bei der Erstlektüre vermutet. Er will sagen: Sigmund Freud habe in seinen Schriften das Wesen des 20. Jahrhunderts auf den Begriff gebracht, er sei der (führende) Anthropologe und Kulturphilosoph dieser Epoche.

Und wie begründet der Autor das?


Indem er uns bekannt macht mit der Anthropologie des Sigmund Freud: mit seiner Auffassungen vom Wesen des Menschen. Denn die Psychoanalyse, so wie sie von Freud erfunden worden ist, hat mindestens zwei Seiten: Sie ist erstens eine Psychotherapie, das heißt, eine Methode, um seelische Krankheiten zu heilen.

Aber der Nervenarzt Sigmund Freud hat nicht nur Patienten ganz individuell therapiert, sondern er hat sich auch für die menschliche Seele allgemein interessiert. Und wenn sich jemand mit der Menschenseele im Allgemeinen beschäftigt, dann nennen wir ihn einen Philosophen, oder genauer: einen, der philosophische Anthropologie betreibt.

Und was hat Sigmund Freud über die Menschenseele herausgefunden?


Schlechte Nachrichten. "Homo homini lupus", so sieht Freud die Dinge: der Mensch ist des Menschen Wolf. Wir alle sind geborene Egoisten und betrachten jeden anderen Menschen von Natur aus als Feind und Konkurrenten im Kampf um Anerkennung, Liebe und materiellen Besitz. Selbst jeder Liebesbeziehung, so Freud, ist eine ordentliche Portion Hass beigemischt.

Der Mensch ist, so Freud, von Natur aus ein aggressives Wesen. Und morden tun wir nur deshalb nicht, weil Gesetze den Mord unter Strafe stellen. Nicht etwa, weil wir ein moralisches Gewissen hätten, wie Theologen und humanistische Denker behaupten.

Wenn aber, so Freud, Staaten in kriegerischen Zeiten ihren Bürgern die "Lizenz zum Töten" erteilen, dann tobt die "Bestie Mensch" sich aus: an der Front oder auch in den Gaskammern von Auschwitz. Von denen hat Freud nichts gewusst, er ist 1939 gestorben. Aber seine Anthropologie, so der Autor, macht eben auch dieses beispiellose Grauen erklärbar.

Micha Brumlik schlägt also vor, die Freudsche Anthropologie als die Anthropologie des 20. Jahrhunderts zu betrachten, denn dieses Jahrhundert - und wer wollte da dem Autor widersprechen - wird in die Geschichte eingehen als eine Epoche der totalitären Regime, der Gewalt und der Feindseligkeiten.

Hört sich so an, als sei Micha Brumlik ein Verehrer von Sigmund Freud


Ja, das liest sich auch so. Das ist zwar keine unkritische Verehrung (Brumlik lässt auch ein paar Einwände gegen den "Meister" gelten), und es ist auch keine vordergründige: der Autor hält sich mit dem eigenen Urteil sehr zurück, aber zwischen den Zeilen lugt sein Standpunkt doch hervor: das ist ein Buch pro Freud und seine Anthropologie.

Diese Position muss man nicht teilen, auch nicht, wenn man sich in Sachen "Schrecken des 20. Jahrhunderts" um eine Erklärung bemüht. Man kann sich beispielsweise auch an die Anthropologie eines Karl Jaspers halten. Die legt nahe, dass die große Mehrzahl der Soldaten an der Front nicht etwa aus Mordlust getötet hat, sondern aus purer Angst, selbst getötet zu werden.

Und auch was den Massenmord an den Juden betrifft und die Seelenlage der Täter, da kann man sich genauso gut an Hannah Arendt und ihr Buch über "Die Banalität des Bösen" halten. Bei Hannah Arendt - bekanntlich auch Jüdin - hat man den Eindruck, ihr sträubt sich wohl die Feder ob der gedankenlosen Befehlsempfänger und der untertänigen Vollstrecker des Judenmordes und der - genauso stumpfsinnigen wie grauenvollen - "deutschen Gründlichkeit" in dieser Sache.

Was Hannah Arendt aber nicht tut, ist, dem Menschen "an sich" (jedem Menschen also) einen Aggressionstrieb und die Lust am Morden zu unterstellen, so wie Sigmund Freud das tut.

Also ein streitbares Buch?


Und ein Buch, über das es sich zu streiten lohnt, auch weil es die Entwicklung des Freudschen Denkens von der Psychologie zur Kulturphilosophie klar und umfassend darstellt. In manchen Passagen kommt Micha Brumlik recht akademisch daher, andere klingen wie gutes Feuilleton. Insgesamt: Das Buch ist keine Kaffeehauslektüre, es erfordert, wie Hegel sagt, "die Anstrengung des Begriffs".

Aber der Lohn dieser Anstrengung ist beträchtlich. Wer diese 300 Seiten intus hat, der hat viel gelernt über den Vater der Psychoanalyse und seinen Geisteskosmos.


Micha Brumlik: Sigmund Freud. Der Denker des 20. Jahrhunderts
Beltz Verlag, Weinheim und Basel,
304 S., 22,90 Euro

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