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Interview / Archiv | Beitrag vom 04.06.2015

Vorbereitung UN-Klimagipfel"In 15 Jahren wird es zu spät sein"

Der Journalist Nick Reimer im Gespräch mit Dieter Kassel

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Ausgetrockneter Boden  (AFP PHOTO / Nelson Almeida)
Eine Folge des Klimawandel: ausgetrockneter Boden (AFP PHOTO / Nelson Almeida)

Die aktuelle Klimakonferenz in Bonn sei entscheidend für den UN-Klimagipfel im Dezember, sagt der Journalist Nick Reimer. Und er warnt: Wenn der Klimawandel nicht in den nächsten 15 Jahren gestoppt wird, sei es zu spät. Die Industriestaaten müssten in Vorleistung gehen.

Dieter Kassel: Am deutschen Sitz der Vereinten Nationen in Bonn findet gerade eine Klimakonferenz statt, allerdings nicht irgendeine, sondern eine, die Weichen stellen soll für den großen UN-Klimagipfel im Dezember in Paris. Nick Reimer hat schon viele solcher Klimakonferenzen und -gipfel miterlebt, hat darüber für verschiedene Medien geschrieben. Er ist der Gründer des Portals klimaretter.info, und heute erscheint sein Buch "Schlusskonferenz. Geschichte und Zukunft der Klimadiplomatie". Schönen guten Morgen, Herr Reimer!

Nick Reimer: Guten Morgen, Herr Kassel!

Kassel: Das geht gern so ein bisschen unter, so eine Konferenz ist ja fast schon zu klein inzwischen, weil es kein Gipfel ist. Aber diese Veranstaltung in Bonn, ist die wichtig?

Reimer: Die ist wichtig, weil sie den Fahrplan festlegt, den Fahrplan bis Paris. Weil sie aus einem sehr opulenten Vertragswerk, das im Moment auf dem Tisch liegt, mit sehr vielen Klammern, also sehr vielen Optionen, weil sie daraus einen zu handelnden Text machen soll, über den dann politisch Verantwortliche entscheiden können.

Kassel: Das heißt, es könnte im Prinzip jetzt in Bonn schon darüber entschieden werden, ob die Konferenz in Paris scheitert oder ob sie was bringt?

Reimer: Das ist ganz entscheidend, was da jetzt in Bonn passiert. Sie müssen sich vorstellen, da gibt es einen Paragraph mit im Moment 33 verschiedenen Optionen. Da kann kein Politiker sagen, ja, da können wir mitgehen, oder hm, da müssen wir noch mal nachverhandeln, sondern aus diesen 33 verschiedenen Optionen müssen drei werden maximal. Und dann können die Regierungen in den Hauptstädten sagen, okay, wir favorisieren Variante zwei.

Kassel: Was sind denn im Moment die Kernknackpunkte, wo Sie den Eindruck haben, da ist sich die Welt eben überhaupt nicht einig?

Reimer: Die Kernknackpunkte in den Verhandlungen zumindest, das sind drei. Erstens, es geht darum, für 2050 ein Klimaziel zu formulieren. Das ist wichtig, damit sich die Wirtschaft darauf einstellen kann, damit Investitionszyklen entsprechend formuliert werden. Das Zweite, es geht ganz konkret um die Klimaziele für 2030. Das heißt, die Staaten müssen jetzt bekanntgeben, was sie gewillt sind zu leisten, was sie beitragen wollen zum Klimaschutz. Und drittens, es geht um Geld, und zwar um sehr viel Geld. Beschlusslage ist, dass die Industriestaaten, Deutschland, die G7 und Co. ab 2020 jährlich 100 Milliarden US-Dollar in den Süden transferieren. Und die Frage ist einfach jetzt, wo kommt dieses Geld her.

"Die Industriestaaten müssen einen ganz großen Beitrag leisten"

Kassel: Angesichts dieser Knackpunkte, wenn wir jetzt zurückblicken auf die Geschichte der Klimagipfel und -konferenzen, würden Sie denn sagen, die haben überhaupt irgendwas gebracht bisher?

Reimer: Das ist eine Frage des Blickwinkels. Wenn man aus Klimaschutzsicht sich die Gipfel anguckt, dann haben sie relativ wenig gebracht, denn trotz Kyoto-Protokoll, trotz dieser Gipfel: Die Emissionen der Treibhausgase weltweit sind Jahr für Jahr immer weiter gestiegen. Wenn Sie aber aus der Sicht der Klimadiplomaten auf diesen Prozess gucken, dann muss man sagen, er war sehr erfolgreich. Es gibt keinen internationalen Prozess, der erfolgreicher war als dieser Prozess. Es ist ein hochdemokratischer Prozess, jeder Staat hat die gleiche Stimme, alle müssen zustimmen. Die Zivilgesellschaft hat Zugang, jeder kann mitreden. Und das, was die Klimadiplomaten geschafft haben auf diesem Weg, das ist schon beachtlich.

Kassel: Das ist für mich auch eine, nicht die einzige, aber eine der Grundthesen in Ihrem Buch, nämlich dass das Ganze auch ein Thema für die Demokratie ist. Sie gehen sogar so weit, sinngemäß zu sagen, in Paris im Dezember wird über die Zukunft der Demokratie entschieden. Ist das nicht ein bisschen übertrieben?

Reimer: Das ist in der Tat eine zentrale These dieses Buches und meine Erkenntnis aus der Beobachtung dieses Prozesses. Ein Staat wie Niue, ein Pazifikstaat mit 12.000 Einwohnern, hat genau dieselbe Stimme wie China. Und jetzt muss Niue genauso überzeugt werden wie China. Kopenhagen ist seinerzeit an Tuvalu gescheitert. Der Vertreter von Tuvalu, Ian Fry, hat damals gesagt, nein, diesen Konsens, der hier entschieden worden ist, den können wir nicht mittragen, weil er unsere Lebensgrundlage bedroht. Insofern ist das ein sehr demokratischer Prozess. Und wenn dieser Prozess diesmal wieder nicht erfolgreich ist, dann ist es möglicherweise so, dass eben demokratische Formen von Zusammenleben, von Entscheidungsprozessen nicht diejenigen sind, die die Zukunftsfragen der Menschheit lösen können.

Kassel: So demokratisch diese Prozesse, wie Sie es gerade beschrieben haben, auf der einen Seite sind. Es gibt als allernächsten ja einen, den viele für relativ undemokratisch eher halten, den G7-Gipfel am Wochenende in Elmau in Bayern. Und da wird es schon unter anderem – es sind ganz viele Tagesordnungspunkte – auch um den Klimawandel und mögliche Folgen gehen. Wie wichtig ist es denn für Sie, dass diese Diskussion auch außerhalb dieser Klimagipfel und -konferenzen stattfindet?

Reimer: Enorm wichtig. Zur Entscheidungsfindung ist klar, dass die Industriestaaten einen ganz großen Beitrag leisten müssen. Also, 80 Prozent der Treibhausgase, die derzeit in der Atmosphäre sind, stammen aus Schloten der Industriestaaten. Also wir sind verantwortlich. Das heißt, wir müssen in Vorleistung gehen. Wir müssen a) beweisen, es geht, man kann eine Wirtschaft umbauen. Und wir müssen b) – und darum wird es in Elmau gehen –, wir müssen b) erklären, wie wir unseren Beitrag leisten wollen - a) finanziell und b) natürlich auch, was für Reduktionsziele wir anstreben.

"Wir müssen die Menschen betroffen machen"

Kassel: Das ist für mich aber ein Thema, an dem Paris sogar auch scheitern könnte. Weil die Schwellenländer und auch Entwicklungsländer fordern ja nicht nur die Vorleistung ideell, also dass die Industriestaaten besonders viel CO2-Ausstoß reduzieren, sondern sie fordern auch Geld, damit sie selber reduzieren können. Und das ist ja auch in der Vergangenheit immer was gewesen, wo die Industriestaaten gesagt haben, nein, oder zumindest nicht im geforderten Ausmaß.

Reimer: So ist es. Es geht darum, die Schäden, die heute schon zu beklagen sind, auszugleichen. Also, ein Beispiel: Kiribati, ein Inselstaat, muss erste Inseln umsiedeln, weil der Meeresspiegel so angestiegen ist, dass das Grundwasser versalzt. Das heißt, die Menschen dort haben kein Trinkwasser mehr. Und jetzt hat Kiribati Land gekauft auf Neuseeland, um dahin umzusiedeln. Und jetzt ist die Frage, wer bezahlt denn für dieses Land. Und Kiribati sagt, na ja, wir haben mit diesem Thema nichts zu tun, ihr müsst zahlen, weil ihr seid schuld.

Kassel: Wenn man zurückblickt, wie wir das zum Teil getan haben, wie man das mit Ihrem Buch intensiver tun kann, auf die Klimagipfel, dann muss man auch feststellen – das ist mein Eindruck jetzt –, dass das öffentliche Interesse daran so ein bisschen nachgelassen hat. Und ich habe auch das Gefühl, dass es einen ziemlich schnellen Wechsel gab von denen, die am Anfang gesagt haben, glaube ich alles nicht so richtig, ist nicht mein Thema, zu denen, die jetzt sagen, glaube ich jetzt, aber ist halt so, interessiert mich nicht. Wie kann man denn jenseits von Verhandlungsergebnissen das Interesse der Allgemeinheit wieder verstärken?

Reimer: Es ist schwierig, weil wir über ein Thema reden, was uns eben erst in der Zukunft erwartet. Gleichzeitig sind wir diejenigen, die es noch lösen können. Wenn unsere Generation es jetzt, in den nächsten zehn, 15 Jahren nicht löst, dann wird es zu spät sein. Einfach, weil es sogenannte Kippelemente gibt, also Punkte, wo sich der Klimawandel verselbständigt. Möglicherweise fragen Sie den Falschen, weil wir als Redaktion von klimaretter.info ja nun täglich versuchen, einen Nachrichten-Stream aufzubauen, um zu erklären, was wichtig ist. Ich glaube, wir müssen die Menschen betroffen machen. Wir müssen den Menschen erklären, ihr seid diejenigen, die die Erderwärmung spüren werdet, und ihr seid diejenigen, die jetzt noch handeln können und es aufhalten können.

Kassel: Ich erwähne deshalb nochmal Ihr Portal, klimaretter.info. Darunter findet man es im Internet, und dort, aber auch in Buchhandlungen findet man ab heute das Buch "Schlusskonferenz. Geschichte und Zukunft der Klimadiplomatie" von Nick Reimer. Herr Reimer, ich danke Ihnen sehr, dass Sie zu uns gekommen sind!

Reimer: Schönen Tag!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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