Samstag, 05.12.2020
 

Interview / Archiv | Beitrag vom 28.10.2015

Vor dem Indien-Afrika-Gipfel"Knallharte wirtschaftliche Interessen"

Arndt Michael im Gespräch mit Dieter Kassel

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Der indische Narendra Modi gestukuliert während einer Rede. (AFP / Money Sharma)
Hauptsache Jobs und Rohstoffe: Der indische Premier Narendra Modi will mit afrikanischen Staatschefs ins Geschäft kommen. (AFP / Money Sharma)

Für Donnerstag hat der indische Premier Narendra Modi zu einem indisch-afrikanischen Gipfel nach Neu-Delhi geladen: Fast 50 Staatschefs aus Afrika sind dabei. Modi wolle vor allem Geschäfte abschließen, sagt der Politologe Arndt Michael. Demokratie sei Nebensache.

Vor allem zwei Ziele verfolgt Indien aus Sicht des Experten Arndt Michael von der Universität Freiburg: Zum einen benötige die junge indische Elite Jobs. Zum anderen sei Indien auf Rohstofflieferungen aus dem Ausland angewiesen: Bereits jetzt müssten 70 Prozent des Bedarfs an Öl und Gas importiert werden. In 15 Jahren würden es 90 Prozent sein. "Das ist eine so unglaubliche Summe, dass Indien dazu verdammt ist, überall auf der Welt die Öl- und Gasvorkommen anzuzapfen", so Michael. Aktuell verhandle das Land mit Angola, Nigeria und dem Sudan.

"Die Demokratie wird auf den zweiten Platz verwiesen"

Dabei sei es den Indern - wie auch den Chinesen - "eigentlich ganz egal, was für eine Staats- und Regierungsform" in den jeweiligen Ländern herrsche. Wenn es um Wirtschaftsinteressen gehe, werde "Demokratie auf den zweiten Platz verwiesen". Absicht Indiens sei es, so Michael, in die Fußstapfen Chinas zu treten, das derzeit auf dem Weltmarkt schwächelt. Modi habe ein "Feuerwerk an Initiativen" losgetreten - und werde die Aufmerksamkeit des Gipfeltreffens nutzen, um viele Geschäfte abzuschließen.


Das vollständige Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Enge Beziehungen zwischen Indien und Afrika sind historisch eigentlich nichts Neues, aber den enormen Aufwand, den die indische Regierung jetzt betreibt, den erklären sie allein noch nicht. Das India-Africa-Forum-Summit in Neu-Delhi ist eine Mammutveranstaltung. Es sind Vertreter aller 54 afrikanischen Staaten dabei, davon knapp 50 Staats- und Regierungschefs. Es wurde unter anderem, das wird man am Schluss dieses Treffens sehen, extra Kleidung geschneidert, damit die am Ende einheitlich auftreten können für ein Foto.

Es gibt also auch eine Menge Folklore, wenn ich das so formulieren darf, aber das ist natürlich nur das Drumherum. Was wirklich dahinter steckt, hinter diesem Treffen, das wollen wir jetzt mit Arndt Michael klären. Er lehrt am Seminar für wirtschaftliche Politik der Universität Freiburg, hat selbst in Indien studiert, zeitweise auch gelehrt, und veröffentlicht regelmäßig zum Thema afrikanisch-indische Zusammenarbeit. Schönen guten Morgen, Herr Michael!

Arndt Michael: Guten Morgen aus Freiburg!

In 15 Jahren muss Indien 90 Prozent seines Öl- und Gasbedarfs importieren

Kassel: Warum ist denn die Zusammenarbeit mit afrikanischen Ländern für Indien gerade im Moment scheinbar so wichtig?

Michael: Dafür gibt es verschiedene Gründe, und an allererster Stelle muss man nennen: Indien hat ein Wirtschaftswachstum von ca. sieben Prozent aktuell und verfügt über eine junge, eine dynamische studentisch ausgebildete Elite, die viele Jobs benötigt. Und diese Jobs wird man nur auf Dauer schaffen können, also erhalten können, kreieren können, wenn in Afrika, wenn in beispielsweise Ländern oder einem Kontinent wie Afrika die Wirtschaftsbeziehungen verstärkt werden, wenn indische Firmen dort aktiv sind, wenn sie dort ihre Produkte verkaufen können, wenn sie in der Lage sind, die Wirtschaftsbeziehungen zu verstärken. Das sind knallharte wirtschaftliche Interessen, um auch vor allem auf der indischen Seite Arbeitsplätze zu schaffen. Aber das ist nur eine Seite der Medaille.

Viel wichtiger und auch viel interessanter für die Zukunft zu sehen: Indien muss jetzt bereits 70 Prozent seiner Öl- und Gasvorkommen, seines Öls und Gases importieren, weil es zu wenig Vorkommen hat. Also 70 Prozent. In Neu-Delhi, in Kalkutta, kein Auto wird fahren können, keine Rikscha wird fahren können, ohne dass diese ganzen Öl- und Gaslieferungen funktionieren. Und es gibt drei Länder in Afrika, Angola und Nigeria vor allem und der Sudan, mit denen Indien in Verhandlungen ist, um dort Öl- und Gasfelder zu erschließen. Weil ohne diese Erschließungen wird in Indien in einigen Jahren nichts mehr funktionieren. Wir reden jetzt also von 70 Prozent.

In ungefähr 15 Jahren wird Indien sage und schreibe 90 Prozent einführen müssen. Das ist eine so unglaubliche Summe, dass Indien eigentlich dazu verdammt ist, überall auf der Welt die Öl- und Gasvorkommen anzuzapfen, um das mal so zu sagen. Und wo lässt sich das besser bewerkstelligen als in Afrika? Man muss ja auch leider sagen, die Situation in den Ländern dort: sehr viele Diktaturen, sehr wenige demokratisch-komplizierte Prozesse, das ist leider die Realität. Und deshalb ist Indien sehr erpicht darauf, dort an die Öl- und Gasvorkommen zu kommen.

Indern und Chinesen ist egal, welche Staatsform in Afrika herrscht

Kassel: Wo Sie das gerade erwähnen mit der Politik: Diese knapp 50 Staats- und Regierungschefs vertreten ja in der größten Demokratie der Welt, die sie eingeladen hat, eben überwiegend keine Demokratien, um prominente Anti-Beispiele zu nennen: Robert Mugabe ist dabei, Al-Bashir ist dabei, wo es sogar einen Aufruf gab, den sollte man eigentlich festnehmen in Indien. Tun sie aber nicht. Sind ihnen Menschenrechte und Politik da völlig egal?

Michael: Mit einem Wort: ja. Das ist auch ein Phänomen, da wird sich Deutschland, wird sich die Europäische Union auch fragen, wie sie ihr Verhältnis zu Afrika zukünftig realisieren müssen. Den Indern so wie auch den Chinesen ist eigentlich ganz egal, was für eine Staats- und Regierungsform in Afrika ist. Hauptsache, sie können ihre wirtschaftlichen Geschäfte tätigen, Hauptsache, sie kommen, wie gesagt, an das Öl und das Gas.

Indien hat keine Wahl. Indien hat nicht diesen Luxus, um es mal so zu sagen, dass sie wählen können und sagen, mit einem nicht demokratischen Staat treten wir jetzt nicht in Verhandlungen. Es ist natürlich die Werbung, dieses Image, das Indien macht: Wir sind die größte Demokratie der Welt mit 1,1 Milliarden Menschen. Aber wenn es um knallharte Wirtschaftsinteressen geht, wird Demokratie auf den zweiten Platz verwiesen, und es geht nur noch um die Frage, wie können wir unsere Geschäfte am besten tätigen. Das ist leider die harte Realität.

Kassel: Nun betont ja der indische Premierminister Modi, und nicht nur er, die ganze Regierung, alle Veranstalter, diese historische Dimension. Man habe ohnehin so viel gemeinsam, Indien und diese afrikanischen Staaten. Ist das jetzt so Wunschdenken, weil es gerade passt, oder ist da was dran?

Michael: Nein, das ist gar kein Wunschdenken. Wenn ich es vielleicht im Zeitraffer schildern kann: 1947, Indien wird unabhängig. Indien ist seitdem unter dem ersten Premierminister Nehru ein Verfechter der Unabhängigkeit, ein Ende des Kolonialismus im Jahr 1955, die wichtigste, die größte Konferenz der gerade unabhängig gewordenen Staaten, die berühmte Konferenz von Wandung, also 29 unabhängige Staaten treffen sich, Indien an erster Stelle, und sagt: Wir setzen uns ein für die Unabhängigkeit der afrikanischen Staaten.

Also in den ersten 30 Jahren seit der Unabhängigkeit kann man sagen, Indien ist ein rhetorischer Verfechter der Unabhängigkeit, Indien will erreichen, dass alle afrikanischen Staaten unabhängig werden. Und Nehru spricht auch immer von Afrika als dem Schwesterkontinent. Dann gibt es so eine zweite Phase, wo Indien doch ein bisschen Interesse an Afrika verliert. Es gab einen ganz kurzen Krieg zwischen China und Indien, den Indien verloren hat. Und es gab keinerlei Solidarität aufseiten der afrikanischen Staaten. Das hat Indien sehr nachdenklich gestimmt, und das hat dazu geführt, dass sich Indien ein Stück weit zurückgezogen hat aus dieser Süd-Süd-Kooperation mit Afrika.

Und dann, wenn man jetzt mal ganz schnell nach vorne geht, im Jahr 1991 die großen Wirtschaftsreformen. Indien muss liberalisieren. Indien betritt den globalen Markt, und seitdem ist Afrika ein kleines Stückchen immer mehr in den Fokus gerutscht. Und dann das Jahr 2008, da hat nämlich das erste India-Africa-Forum-Summit stattgefunden in Neu Delhi, dann wenige Jahre später in Addis Abeba, 2011 das zweite und jetzt, ganz aktuell, 2015 – übrigens verschoben, es sollte letztes Jahr stattfinden, aber wegen des Ebola-Ausbruchs musste das um ein Jahr verschoben werden.

Indien will in die Fußstapfen von China treten

Kassel: Jetzt haben wir über die Vergangenheit geredet, Herr Michael. Wir können – drüber reden kann man ja eigentlich nicht als Wissenschaftler, in die Zukunft blicken, in die ganz nahe. Es wird ein beeindruckendes Abschlussfoto geben, die indische Regierung hat extra Gewänder schneidern lassen für sämtliche anwesenden Staats- und Regierungschefs. Das heißt, die werden einheitlich aussehen am Schluss, das wird in die Geschichte eingehen. Aber sind sie dann auch eine Einheit?

Michael: Nein. Sie sind sicherlich keine Einheit. Dafür sind auch die afrikanischen Staaten untereinander zu disparat. Die African Union, die jetzt sozusagen vollständig vertreten ist mit allen Staaten, ist innerlich zerstritten. Sie haben große finanzielle Probleme. Es gibt immer die Frage, wer ist für was verantwortlich. Man kann sicher davon nicht sprechen. Aber es ist ein Signal nach außen, und es ist vor allem ein Signal an die Europäer, an die Amerikaner und, ganz wichtig, ein Signal an die Chinesen. China schwächelt auf dem Weltmarkt. Man kann es ja verfolgen, die Wachstumsraten in China gehen zurück. Und Indien tritt ein in diese Lücke, zumindest wollen sie das.

Narendra Modi, seit ungefähr jetzt anderthalb Jahren der neue Premierminister - ein Feuerwerk an Initiativen hat er losgetreten, ganz bekannt "Make in India", auch auf der Hannover-Messe in diesem Jahr mit Angela Merkel. Indien tritt ein, tritt in die Fußstapfen von China, und es wird sehr interessant sein, wenn Sie mich so fragen, in der Zukunft das zu verfolgen aus einer analystischen Perspektive, wie schnell Indien China wird einholen können. Denn das ist eigentlich das Ziel. Indien möchte dahin gehen, wo China ist, aber auf die indische Art. Um einfach jetzt nur zwei Zahlen zu nennen: Der Handel zwischen Indien und Afrika im Jahr 2014 betrug 77 Milliarden Euro. Das ist schon mal sehr beeindruckend für ein Dritte-Welt-Land, das Indien ist. China: 200 Milliarden.

Da gibt es noch eine riesige Kluft, die zu schließen ist. Aber ich bin sicher, Indien ist jetzt auf dem richtigen Weg, und Modi ist auch ein sehr talentierter Politiker, und er wird es sicherlich schaffen, die Aufmerksamkeit, die morgen – morgen findet dieses India-Africa-Forum-Summit statt – diese Aufmerksamkeit zu nutzen und viele Geschäfte für die Inder abzuschließen.

Kassel: Damit haben Sie jetzt, bei dem, was Sie zum Schluss gesagt haben, schon fast sicher dafür gesorgt, dass wir noch einmal miteinander reden werden in den nächsten Monaten und Jahren. Ich danke Ihnen aber erst mal für heute. Arndt Michael war das von der Universität Freiburg über das India- Africa-Forum-Summit, das stattfindet mit Vertretern aller 54 afrikanischen Staaten, darunter knapp 50 Regierungschefs. Und wir haben von ihm erfahren, warum sich der gigantische Aufwand, den Indien da treibt, vermutlich tatsächlich lohnen wird. Herr Michael, vielen Dank für das Gespräch!

Michael: Sehr gerne! Ihnen noch einen schönen Tag!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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