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Zeitreisen / Archiv | Beitrag vom 16.07.2008

Vor 50 Jahren: Ulbrichts Offensive

Visionen von Sozialismus und Wohlstand auf dem V. Parteitag der SED 1958

Von Kirsten Heckmann-Janz

Walter Ulbricht am 30. Dezember 1971 in Berlin (AP Archiv)
Walter Ulbricht am 30. Dezember 1971 in Berlin (AP Archiv)

In den 50er Jahren herrschte in Deutschland Kalter Krieg. Doch das bedeutete nicht nur Aufrüstung und Atomgefahr, sondern auch Wettkampf auf sozialem und wirtschaftlichem Gebiet. Welches System ist dem anderen überlegen? Die Bundesrepublik erlebte das Wirtschaftswunder, die DDR schien hoffnungslos abgeschlagen zu sein.

Doch im Sommer 1958 hegte die SED ernsthaft die Hoffnung, dass auch die DDR ein Wirtschaftswunder erleben könnte, mit der sie die Bundesrepublik überflügeln würde. Diese Stimmung prägte den V. Parteitag der SED im Juli 1958, auf dem Walter Ulbricht auch die zehn Gebote der sozialistischen Moral verkündete. Das Tempo der sozialistischen Umgestaltung wurde forciert.

Reporter: "Der Parteitag hat sich konstituiert. Die Mitglieder des Präsidiums haben Platz genommen. Den Delegierten liegt der Bericht des Zentralkomitees an den V. Parteitag der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands vor."

10. Juli 1958, Werner-Seelenbinder-Halle in Ostberlin.

"Das Wort hat der Genosse Walter Ulbricht."

Walter Ulbricht, Erster Sekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, spricht über den "Kampf um den Frieden, für den Sieg des Sozialismus, für die nationale Wiedergeburt Deutschlands als friedliebender, demokratischer und unabhängiger Staat".

Ulbricht: "Genossinnen und Genossen. Im Mittelpunkt des V. Parteitages steht die nationale Aufgabe, der Arbeiterklasse und aller friedliebenden Menschen in Deutschland den Weg zur Erhaltung des Friedens zu weisen. Damit wir den Frieden sichern und vor allen Anschlägen schützen können, ist es das Wichtigste, dass wir unsere Arbeiter- und Bauernmacht festigen und unbeirrbar zum Sozialismus vorwärts marschieren."

Der 65-jährige Walter Ulbricht redet über fünf Stunden! Im Arbeiter- und Bauernstaat ist er der mächtigste Mann. Seine letzten Widersacher in der Partei, darunter das Politbüromitglied Karl Schirdewann, hat er einige Monate zuvor, im Februar 1958, wegen angeblicher "Fraktionsbildung" ausgeschaltet. Auch andere Gegner seines stalinistischen Kurses - wie der Philosoph Wolfgang Harich - sind als Mitglieder einer "staatsfeindlichen Gruppe" angeklagt und 1957 zu langjährigen Zuchthausstrafen verurteilt worden.

Lemke: "Er hat sich der innerparteilichen - sagen wir ruhig - Opposition entledigt, die Zeichen waren jetzt, '58, wirtschaftlich so ungünstig nicht und '58 zeigt sich doch in den Bilanzen, die Wirtschaft machte relative Fortschritte, die Republikflucht nahm etwas ab, '59 noch mehr."

Der Historiker Michael Lemke.

Lemke: "Und dann in dem Zusammenhang gab es tatsächlich mit bedingt durch bestimmte - auch weltwirtschaftliche - Umstände 'ne gewisse Erholung der Planwirtschaft in der DDR. Und man meinte, wenn das - die Zuwachsraten - in unserem Wirtschaftssystem bei der Produktion so zunehmen, dann würde in wenigen Jahren der Zustand zu erreichen sein, dass wir mit der Bundesrepublik gleichziehen bzw. auch die Bundesrepublik in wichtigen Positionen, es war ja immer originellerweise Konsum als Kriterium, auch einholen und überholen."

Die Rationierung von Lebensmitteln ist wenige Wochen vor dem Parteitag aufgehoben worden - acht Jahre nachdem die Bundesrepublik die Lebensmittelkarten abgeschafft hat. Der "Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe" hatte im Mai auf einer RGW-Konferenz in Moskau Unterstützung zugesagt. Vor allem die Sowjetunion verpflichtete sich, der DDR zu helfen, denn die Systemkonfrontation des Kalten Krieges sollte durch Systemkonkurrenz auf wirtschaftlichem Gebiet ersetzt werden - so der Historiker Michael Lemke.

Lemke: "Die DDR spielte natürlich - wie man damals sagte - an der Nahtstelle von Kapitalismus zu Sozialismus - Berlin speziell - so 'ne gewisse Rolle. Also, bei Chruschtschow ist '56/'57 durchaus schon zu erkennen, dass er meinte, dass die DDR und Ostberlin Schaufenster des Gesamtsozialismus werden müssten, ausstrahlen müssten. Man musste also statt ständig aus der DDR was rauszuholen, jetzt irgendwie was reinpumpen."

Ulbricht: "Wir stehen in der vordersten Front des sozialistischen Lagers an der offenen Hauptkampflinie zwischen den zwei Weltsystemen in Europa. Auf deutschem Boden stehen sich Sozialismus und Kapitalismus gegenüber. Unsere Aufgabe ist es darum, in Deutschland, im Lande von Karl Marx und Friedrich Engels, die Überlegenheit der sozialistischen Gesellschaftsordnung auf allen Gebieten praktisch zu beweisen."

Lemke: "Man musste den Leuten auch in gewisser Weise eine Hoffnung geben: Leute, geht nicht in den Westen; jetzt ist er noch ein bisschen besser, aber in ein, zwo, drei Jahren sind wir die Besseren, bleibt also im Land."

Ulbricht: "Wir werden diese geschichtliche Aufgabe erfüllen, wenn es uns gelingt, das Tempo des wirtschaftlichen Aufschwunges zu beschleunigen und in den letzten Jahren des zweiten Fünfjahrplanes, das heißt 1959 und '60 die Produktion auf einigen Gebieten über den Plan hinaus zu steigern. Es ist durchaus möglich, dass die Lebenshaltung in der Deutschen Demokratischen Republik die Lebenshaltung in Westdeutschland schon 1961 übertrifft."

Walter Ulbricht erklärt das Tempo der Entwicklung zur "Lebensfrage für das deutsche Volk". Denn bis 1961 wolle der "Deutsche Imperialismus" die atomare Ausrüstung der westdeutschen NATO-Armee abschließen. Das - so Ulbricht weiter - würde alle Widersprüche in Westdeutschland verschärfen, während die Rolle der DDR als Bastion des Friedens und des wachsenden Wohlstandes des Volkes immer sichtbarer hervortreten würde. Ulbricht fordert die SPD- und DGB-Mitglieder auf, sich selbst davon zu überzeugen, wie in der Deutschen Demokratischen Republik der Sozialismus aufgebaut würde.

Lemke: "Es war ein sehr, sehr euphorischer Parteitag, mitbedingt durch bestimmte Teilerfolge in der Wirtschaft, der Sozialpolitik. Er war auch euphorisiert, das soll man nicht verkennen, durch tatsächliche bzw. angenommene Schwierigkeiten im Westen. Und er war auch - und das wäre vielleicht sogar an erster Stelle zu nennen - in Bezug auf die erwünschte Überlegenheit des Weltsozialismus und der DDR - ein Sputnik-Parteittag. Der piepste da, der Erdtrabant, und zeigte offenbar die Überlegenheit, speziell über die Amerikaner, die technologische, aber das wurde eben stilisiert zur Überlegenheit des Sozialismus an sich. Und da war die DDR natürlich mit drin."

Reporter/Junge Pioniere:
Reporter: "Die Delegierten des V. Parteitages erhalten den Besuch der jüngsten Sozialisten, der Jungen und Mädchen in der Freien Deutschen Jugend, der Thälmann-Pioniere."
"Wir sind die junge Garde", das spielt das Orchester der FDJ vom Mansfeldkombinat "Wilhelm Pieck", die Delegierten sind von ihren Plätzen aufgestanden, sie klatschen im Takt, die singen mit."
Delegierte: "Hurra, hurra, hurra!"
Junger Pionier: "Lieber Genosse Ulbricht, liebe Genossen! Wir Pioniere grüßen Euch herzlich."
"Seht, hier bringen wir das Rote Buch der guten Tat. Pu, war das schwer. Und wisst Ihr woher? Na, sag schon! In der ganzen DDR hört man bei Pionieren ungefähr so diskutieren: Wenn im Juli nach Berlin fahren die besten Genossen hin, von Werften, Schächten, Institutionen, von LPGs, MTS-Stationen, von Leuna, Buna, der Schwarzen Pumpe, rechnen dort ab mit dem Imperialistengelumpe und beraten lang und beraten klug, wie man baut und bewacht die Arbeitermacht, dann treten wir vor und rufen im Chor: He, Genossen, vergesst uns nicht! Denn wenn Ihr von Perspektiven sprecht - versteht uns recht - das sind doch wir!"

Der "liebe Genossen Ulbricht" verkündet auf dem Parteitag, dass die Grundlagen des Sozialismus in der DDR im Wesentlichen geschaffen seien. Nun gelte es die Grundstoffindustrie und vor allem die internationale Arbeitsteilung und die planmäßige Zusammenarbeit innerhalb des gesamten sozialistischen Lagers auszubauen. Geplant sei, die Industrieproduktion bis 1965 gegenüber dem Stand von 1957 zu verdoppeln. Die größten Braunkohlekraftwerke der Welt verspricht Ulbricht zu bauen. Die Zentren der zerstörten Städte sollen ebenfalls bis 1965 zun großen Teil wieder hergestellt sein. Den Handwerkern und Kleinunternehmern schlägt die Partei vor, sich über genossenschaftlichen Zusammenschluss und staatliche Beteiligung zu unterrichten und "diese Wege auf der Grundlage der Freiwilligkeit zu beschreiten". In der landwirtschaftlichen Produktion sei die "planmäßige sozialistische Gestaltung ganzer Kreise und Gebiete" in Angriff zu nehmen.

Junge Pioniere:
"Wenn, liebe Genossen, ihr durch Mecklenburg und das Oderbruch geht, dann sagt ihr: An dieser Stelle hier ein sozialistisches Dorf entsteht.
Liebe Partei, bei uns da wird jetzt Mais gezogen, wissenschaftlich, mit Fragebogen: Zeit der Reife, Kolbenlänge, Zahl der Zeilen, Körbemenge. Und wir Pioniere haben es uns ernsthaft vorgenommen: Im nächsten Jahr soll's ganze Dorf Saat für Mais von uns bekommen."

Unterricht und Produktion seien an allen Schulen und Universitäten eng miteinander zu verbinden, fordert Ulbricht. Das gesamte Bildungswesen solle umgestaltet werden.

Lemke: "Das Zwote ist Erziehung zum sozialistischen Bewusstsein, was immer das sein sollte: Veränderung, Verbesserung der Arbeitsmoral, Eigentümerdenken im Sinne von: Die Bevölkerung, der Arbeiter, ist Mitbesitzer der Produktionsmittel, der Betriebe und alles. Und natürlich der Versuch, ganz klug, in dem Maße, wo man wirtschaftlich mehr Fuß fasste, auch mehr Sozialprogramme aufzulegen."

Kapitalistisches Denken und kapitalistische Lebensgewohnheiten seien zu überwinden. Nur wer sich für den Sieg des Sozialismus einsetze, handle sittlich und wahrhaft menschlich.

Ulbricht: "Das moralische Gesicht des neuen sozialistischen Menschen, der sich in diesem edlen Kampf um den Sieg des Sozialismus entwickelt, wird bestimmt durch die Einhaltung der grundlegenden sozialistischen Moralgesetze.
1. Du sollst dich stets für die internationale Solidarität der Arbeiterklasse und aller Werktätigen sowie für die unverbrüchliche Verbundenheit aller sozialistischen Länder einsetzen."

Lautet das erste der Zehn Gebote der sozialistischen Ethik und Moral.

Ulbricht: "5. Du sollst beim Aufbau des Sozialismus im Geiste der gegenseitigen Hilfe und der kameradschaftlichen Zusammenarbeit handeln, das Kollektiv achten und seine Kritik beherzigen."

Das Kollektiv zählt, nicht das Individuum. Der neue Mensch soll arbeitsam und sparsam, charakterfest und körperlich gestählt sein.

Ulbricht: "9. Du sollst sauber und anständig Leben und deine Familie achten.
10. Du sollst Solidarität mit den um ihre nationale Befreiung kämpfenden und den ihre nationale Unabhängigkeit verteidigenden Völkern üben."

Chruschtschow: "Der Sozialismus erringt immer neue historische Siege. Mögen die Ideologen der Bourgeoisie im sozialistischen System Fehler und Mängel suchen und von einer Krise des Kommunismus schreien."

Nikita Chruschtschow mit Simultanübersetzer. Der Erste Sekretär des ZK der KPdSU spricht am zweiten Tag zu den Parteitagsdelegierten und den Gastdelegierten von 46 Bruderparteien.

Chruschtschow: "Trotz aller Umtriebe der Feinde aber haben wir den Sozialismus aufgebaut und gehen jetzt erfolgreich der kommunistischen Gesellschaft entgegen. Jetzt hat unser Land ... Jetzt hat unser Land in seiner Industrieproduktion bereits alle kapitalistischen Länder mit Ausnahme der USA überholt und ist dabei, dieses am weitesten wirtschaftlich entwickelte Land im schnellen Tempo einzuholen. Es ist kaum ein Jahr her, als wir feststellten, dass die Länder des sozialistischen Weltsystems, das 35 Prozent der Bevölkerung der Erde umfasst, etwa ein Drittel der industriellen Weltproduktion erzeugt. Seit dieser Zeit nahm die Wirtschaft der sozialistischen Länder einen ununterbrochenen Aufschwung, während die Wirtschaft der kapitalistischen Welt infolge der Krisenerscheinungen im Hauptland des Kapitalismus, den Vereinigten Staaten von Amerika, vom Fieber geschüttelt wird."

Auch Chruschtschow hat ehrgeizige Ziele: Im sowjetischen Siebenjahrplan wird einige Monate später festgelegt, dass die UdSSR bis 1970 die Pro-Kopf-Produktion der USA erreichen will.
Nach einer Woche Berichterstattung und Beratung unter dem Motto "Der Sozialismus siegt!" gibt Walter Ulbricht am 16. Juli 1958 vor 200.000 Werktätigen Berlins - so das "Neue Deutschland" - auf dem Marx-Engels-Platz den folgenreichen Parteitagsbeschluss bekannt:

Ulbricht: "Die Delegierten des V. Parteitages haben die kühne Losung ausgegeben, in 1200 Tagen, also, in einer geschichtlich kurzen Zeit, die Herkulesarbeit zu bewältigen, die Produktion so zu steigern, dass der Prokopfverbrauch unserer werktätigen Bevölkerung den der Bevölkerung in Westdeutschland erreicht und übertrifft. Wir wollen in dieser Zeit die Überlegenheit der sozialistischen Gesellschaftsordnung gegenüber dem kapitalistischen, militaristischen, klerikalen Regime in Westdeutschland vor der ganzen deutschen Bevölkerung unter Beweis stellen.
Es wird die Zeit kommen, wo man das Wort Bonn nur noch in Geschichtsbüchern findet, aber niemand mehr über diese Provinzstadt spricht.
Wir werden es schaffen, weil wir nicht allein vorwärts schreiten, sondern zum mächtigen sozialistischen Weltsystem gehören, an dessen Spitze die mächtige Sowjetunion steht."

Musik "Chemie ist keine Hexerei":
"Herr Faust hat seine Seel' vermacht für ein bisschen Hexerei, wir hexen uns ein' Brei zur Nacht aus Perlon und Sintrey. Herr Dr. Faust, die Kunst ist ab und stark ist die Chemie. Uns wird auf unserm Weg nicht bang, ein Leben schön wie nie."

Um das Ziel des V. Parteitages zu erreichen, bedarf es großer Anstrengungen. Die DDR ist ein rohstoffarmes Land und leidet noch unter den Folgen des Zweiten Weltkrieges, der Demontage und der Reparationszahlungen an die UdSSR. Mit Hilfe von Wissenschaft und Technik soll die Arbeitsproduktivität gesteigert werden.

Lemke: "Es gab natürlich ganz starke, real wirtschaftbezogene Modernisierungsprogramme. Bestimmte Schwerpunktbereiche, das war vernünftig: Petrochemie, Chemie, Elektroindustrie - Industriebereiche, die auch im Westen ihren Stellenwert hatten - auszubauen. Nun war natürlich klar, dass man sich überlegen musste, bei den begrenzten Mitteln können wir natürlich nur in bestimmte Bereiche investieren, von denen man annahm, dass sie für die nächste Zukunft, mittelfristig, die Zugpferde der sozialistischen Wirtschaftsentwicklung seien."

November 1958 das Chemieprogramm. Innerhalb von sieben Jahren soll unter der Losung: "Chemie gibt Brot, Wohlstand und Schönheit" die Produktion verdoppelt, die Herstellung von Plaste und synthetischen Fasern beschleunigt, die Petrochemie mit sowjetischer Hilfe entwickelt und aufgebaut werden.
Im April 1959 wird eine kulturpolitische Initiative, der "Bitterfelder Weg", angegliedert. Künstler und Schriftsteller sind aufgerufen, "in die Betriebe zu kommen, auf die Bauplätze des Sozialismus zu gehen und in Romanen und Erzählungen, Bühnenwerken und Gedichten das Heldentum der Arbeit zu feiern." Die Arbeiter wiederum sollen die "Höhen der Kultur" erstürmen. Das Motto lautet: "Greif zur Feder, Kumpel! Die sozialistische Nationalkultur braucht dich!"

Junge Pioniere: "Übrigens sind wir sehr erpicht, auf den polytechnischen Unterricht. Denn - denk mal her - im dritten Fünfjahrplan sind wir schon dran. Ich schmelze Stahl. Ich bändige Atome. Ich werd' Agronom, das ist auch nicht ohne. Und ich, ich hab' auch einen heimlichen Traum: Ich werde Stewardess im Weltenraum. (Lachen) Wir fahren die Frachter zur See, und wir sind Soldaten der Volksarmee."

Wie auf dem Parteitag angekündigt, wird auch das Schulwesen umgestaltet. Schon seit dem Herbst 1958 gehen die Schüler der älteren Jahrgänge einen Tag in der Woche in die Produktion. Das im Dezember 1959 verabschiedete "Gesetz über die sozialistische Entwicklung des Schulwesens in der DDR" legt fest, dass die achtklassige Grundschule durch eine zehnklassige, allgemeinbildende polytechnische Oberschule abgelöst wird.

Die Jugend muss nicht nur für den Sozialismus gewonnen, sondern auch zu wissenschaftlich-technischen Höchstleistungen animiert werden. Ab Oktober 1958 findet regelmäßig die zentrale "Messe der Meister von Morgen" in Leipzig statt. Auf der MMM zeigen Jugendkollektive ihre neuen Entwicklungen und Erfindungen.

Musik: "Hallo, hallo. Hallo, hallo. MMM. Dreimal ein M, ein großes M hoch drei. MMM. Dreimal ein M. Jeder ist dabei. Besuch die Messe der Meister von Morgen, ob Schüler, Student oder Ingenieur. Was junge Meister gemeistert begeistert, hier zeigt sich der Lehrling als Konstrukteur. MMM. Dreimal ein M. …"

Die Stimmung im Spätsommer 1959 scheint fast euphorisch zu sein: das vermitteln die Medien.

Reporter: "Wieder einmal ist es so weit, wieder einmal hat die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik zur festlichen Eröffnung einer Leipziger Messe, der Herbstmesse 1959 eingeladen. Wissen Sie, verehrte Hörer, wer so wie wir nun in jedem Frühjahr und in jedem Herbst als aufmerksame Beobachter die Entwicklung der Leipziger Messe verfolgte, der scheut ein wenig vor dem Gebrauch von Superlativen zurück. Sie lassen keine Steigerung mehr zu, aber die Leipziger Messen, sie erlebten von Jahr zu Jahr Steigerung auf Steigerung. Das ist doch nicht verwunderlich, denn die Leipziger Messen sind Spiegelbild des Wachstums unserer Republik, die nun kurz vor ihrem zehnten Geburtstag steht. Hunderte in- und ausländische Gäste sind zum Kapitol gekommen. Der Festakt beginnt."

Seit Anfang der 50er Jahre propagiert die SED den Zusammenschluss der Bauern zu Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften - zunächst auf freiwilliger Basis. Als trotz aller Vergünstigungen 1958 immer noch zwei Drittel der landwirtschaftlichen Nutzfläche von privaten Betrieben bewirtschaftet werden, will die Partei die "sozialistische Entwicklung auf dem Lande" beschleunigen. Die Volkskammer verabschiedet im Juni 1959 ein Gesetz, mit dem der Eintritt in die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften zur Pflicht wird.

Lied der Genossenschaftsbauern:
"Es waren viele Bauern,
die kamen überein,
beschlossen ohne Zaudern,
Genossenschaft zu sein.
Liebe Nachbarn, jetzt wird's gut,
weil wir nun mit frischem Mut
blicken ohne Sorgen
unverzagt ins Morgen."

Der "Klassenkampf auf dem Lande" wird im Frühjahr 1960 verschärft. Unter dem Motto "Der Apfel ist reif" ziehen Agitationstrupps durch die Dörfer, um unwillige Landwirte von der "Überlegenheit des genossenschaftlichen Weges" zu überzeugen. Nur wenige Bauern können sich dem Druck entziehen. Innerhalb von nur drei Monaten werden 2,5 Millionen Hektar Land in LPGen eingebracht, fast so viele wie in den sieben Jahren zuvor.
Ende April 1960 gibt Walter Ulbricht in einer Regierungserklärung den "Sieg der Genossenschaftsbewegung auf dem Land" bekannt.

Ulbricht: "Tausende Bauern, die in der Vergangenheit die Widersprüche zwischen ihrem Leben als Einzelbauern und den gesellschaftlichen Interessen spürten und sich deshalb nicht aktiv am gesellschaftlichen Aufbau beteiligten, werden jetzt, nachdem die Widersprüche gelöst sind, zu bewussten Bauern des Sozialismus.
Der Bauer Ruwold - zum Beispiel - wurde Mitglied der LPG Wahrendorf im Kreise Rostock. Vor seinem Eintritt in die LPG hatte er ernste Zweifel, und er erklärt jetzt: Ich wusste nicht, dass die gemeinsame Arbeit und das Arbeiten für ein gemeinsames Ziel so viel Freude machen kann. Das sind die Ursachen, warum sich die Einzelbauern immer mehr mit den Fragen der genossenschaftlichen Arbeit vertraut gemacht haben und dann die Meinung äußerten: Wenn wir in die LPG gehen, dann gehen wir alle. Alte Spruchweisheiten der Bauern kamen zur Geltung, sie sagten: Ein Bienchen bringt nicht viel Honig zusammen und traten alle zusammen in die LPG ein."

Die Realität sieht anders aus: Zahlreiche Bauern verlassen ihre Höfe und fliehen in den Westen. Felder werden nicht bestellt, ganze Dörfer veröden. Die Folgen sind unter anderem Versorgungsengpässe - vor allem bei Fleisch, Milch und Butter. Aber auch viele andere Dinge des täglichen Bedarfs sind Mangelware, denn eine rigide Steuergesetzgebung treibt auch zahlreiche Handwerker und Kleinunternehmer aus dem Arbeiter- und Bauernstaat.
1960 zählt die bundesrepublikanische Statistik fast 200.000 DDR-Flüchtlinge, 55.000 mehr als im Jahr zuvor.

Lemke: "Es kippte dann - auch in der Partei so 'ne gewisse Stimmung um, als man nämlich spätestens Ende 1959 merkte, das läuft nicht so wie wir uns das vorstellten. Und erst Recht nicht als dann - ab Mitte der 60er Jahre - die DDR dann tatsächlich in die zwote, große, akute Systemkrise so richtig 'reinschlitterte. Vieles war von außen kommend, die sowjetische versprochene Hilfe blieb zum Teil aus, das sozialistische Lager wollte, was sie hatten, lieber in den Westen verkaufen, das ist so ein Bedingungsgeflecht außenwirtschaftlicher Art. Bis hämisch haben die Leute dann ihre Kommentare "Überschätzen ohne Einzuschätzen", und alles so was.
Und die Bundesrepublik parallel zur Krise, zur beginnenden Krise in der DDR, inzwischen war natürlich das Wirtschaftswunder, die Sonne des Wirtschaftswunders schien schier unablässlich über die Köpfe der Bundesbürger, so ungefähr, 'ne, das lief, so dass bestimmte Ankündigungen, Pläne, Wunschvorstellungen des V. Parteitages einfach zerplatzen wie die berühmte Seifenblase."

Neun Tage vor dem Bau der Berliner Mauer zählt Walter Ulbricht in einem Schreiben an Chruschtschow die Gründe auf, die zu den ökonomischen Schwierigkeiten in der DDR geführt haben. Dabei spart er nicht an Kritik an den Bruderstaaten:

"Im Interesse der Belieferungen der sozialistischen Länder mit schweren Ausrüstungen wurden 25 neue Schwermaschinenbaubetriebe gebaut. Darunter Schiffswerften für den Hochseeschiffsbau.
Unsere wirtschaftlichen Schwierigkeiten und die hohe Verschuldung gegenüber kapitalistischen Ländern ist zu einem bedeutenden Teil auch dadurch entstanden, dass wir Materialien in Westdeutschland und anderen kapitalistischen Ländern kaufen mussten, um unsere hohen Anlagen- und Maschinenexporte an die sozialistischen Länder durchzuführen.
1959 und in verstärktem Maße 1960 setzte in Westdeutschland eine neue wirtschaftliche Hochkonjunktur ein. Bei den bestehenden offenen Grenzen wirkte sich das unmittelbar auf unsere politische und ökonomische Lage aus.
Der verstärkte Mangel an Arbeitskräften wirkte sich umso schärfer auf unsere Lage aus, da das technische Niveau, der Grad der Mechanisierung und Erneuerung unserer Produktionsanlagen, gegenüber Westdeutschland noch weit zurück ist. Einfach gesagt heißt das, die offenen Grenzen zwangen uns, den Lebensstandard schneller zu erhöhen, als es unseren volkswirtschaftlichen Kräften entsprach."

In der Nacht vom 12. auf den 13. August 1961 sichern Angehörige der DDR-Betriebskampfgruppen die 160 Kilometer lange Grenze zu Westberlin und legen den ersten provisorischen Stacheldraht quer durch die Stadt. Zur Erhaltung des Friedens sei es erforderlich, dem Treiben der westdeutschen Revanchisten und Militaristen einen Riegel vorzuschieben, heißt es auf der Titelseite der SED-Parteizeitung "Neues Deutschland". Nur kurz hat Walter Ulbrichts Traum vom Überholen gedauert. Nun hofft die SED im "Schutze" der Mauer, den 1952 beschlossenen Aufbau des Sozialismus ungestört fortsetzen zu können.

Ende der 60er Jahre wird Walter Ulbricht eine zweites Mal die Losung vom "Überholen" ausgeben - dieses Mal allerdings mit dem Zusatz: "ohne Einzuholen". Er greift dabei den Gedanken eines sowjetischen Kybernetik-Professors auf, der diesen Satz mit Blick auf zukünftige Generationen von EDV-Anlagen geäußert hat. Zum "Überholen ohne Einzuholen" bleibt dem Ersten Sekretär des ZK der SED allerdings nicht viel Zeit. Im Mai 1971 wird er von seinem Nachfolger, Erich Honecker, zum Rücktritt gezwungen. Gemessen an den Hoffnungen, die Ulbricht in den 50er Jahren weckte, ist er auf der ganzen Linie gescheitert.

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