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Tonart | Beitrag vom 22.02.2019

Vor 50 JahrenJohnny Cashs legendäres Gefängniskonzert in San Quentin

Von Arndt Peltner

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Aufnahme aus dem Dokumentarfilm "Johnny Cash! The Man, His World, His Music" von Robert Elfstrom aus dem Jahr 1969 (picture alliance / Everett Collection)
"San Quentin, du bist die lebendige Hölle für mich": Mit diesem Lied traf Johnny Cash das Lebensgefühl der Insassen von San Quentin. (picture alliance / Everett Collection)

Eine Hölle auf Erden: Bis in die 1990er-Jahre war San Quentin das berüchtigtste Gefängnis im Westen der USA. Immer wieder zog es bekannte Musiker für Konzerte dorthin. Als legendär gilt der Auftritt Johnny Cashs vom 24. Februar 1969.

"San Quentin, du bist die lebendige Hölle für mich": Als Johnny Cash am 24. Februar 1969 dieses Lied in einem der Speisesäle von San Quentin spielte, drückte er genau das aus, was Hunderte von Gefängnisinsassen vor ihm und Tausende in den engen Zellen des ältesten Staatsgefängnisses von Kalifornien fühlten. Bis in die 1990er-Jahre galt San Quentin als das gefährlichste Gefängnis im Westen der USA. Als Cash 1969 dort auftrat, wurden die Todeskandidaten im East Block noch in der Gaskammer hingerichtet. 

San Quentin liegt direkt an der San Francisco Bay. "Prime Real Estate", heißt es. Ein Gefängnis mit Ausblick, das lange Zeit aufgrund seines Burgcharakters auch "Bastille by the Bay" genannt wurde. Durch ein Tor mit Stahltür kommt man in den Innenbereich. Hier musste auch Johnny Cash durch. Bei einem früheren Besuch fragte ihn ein Gefangener, wie er San Quentin finde. Die Antwort war eindeutig: "it's a hellhole", ein Höllenloch. Seine Frau June Carter-Cash hörte das und meinte zu ihm, er solle darüber einen Song schreiben. 

Rechts die Gebetsräume, links das Adjustment Center

Im Innenbereich liegen rechts die Gebetsräume, vor einem das Krankenhaus und links das "Adjustment Center", das Gefängnis im Gefängnis. Und dahinter die Zellenblöcke, die sich seit 1852 kaum verändert haben. Auf dem Weg dorthin kommt man an dem Speisesaal vorbei, in dem Cash mehrmals spielte. Keine Wandtafel oder Plakette erinnert an das Ereignis.

Zum ersten Mal trat er am Neujahrstag 1958 dort auf. Im Publikum war damals der junge Merle Haggard, der vom Auftritt des "Man in Black" inspiriert wurde. Haggard saß eine 15-jährige Haftstrafe für einen bewaffneten Überfall ab. Nach seiner Entlassung und seiner Begnadigung durch Gouverneur Ronald Reagan kehrte Haggard 1971 nach San Quentin zurück, um dort seine Gospel-Platte "The land of many churches" aufzunehmen.

Merle Haggard war nicht der einzige Musiker, der hinter den dicken Mauern von San Quentin einsaß. 1936 wurde der amerikanische Komponist Henry Cowell aufgrund einer "moralischen" Straftat zu 15 Jahren Haft verurteilt, er hatte eine homosexuelle Beziehung zu einem 17-Jährigen. Cowell gilt als großer Einfluss auf John Cage, den er mit seiner Klaviertechnik maßgeblich inspirierte. Vier Jahre lang saß er in San Quentin, bevor er begnadigt wurde. Cowell komponierte in dieser Zeit Musik, die die Schwere und die Eintönigkeit des Gefängnislebens ausdrückt. 

Auch andere Musiker gaben Konzerte in San Quentin

In den 1940er- und 1950er-Jahren war San Quentin auch der Ort einer der wohl besten Jazz-Bands ihrer Zeit. Viele schwarze Jazzer wurden aufgrund ihrer Heroinsucht und der Beschaffungskriminalität weggesperrt, darunter Art Pepper, Frank Morgan, Dexter Gordon, Dupree Bolton, Earl Anderza, Jimmy Bunn. Und der damalige Gefängnisdirektor erlaubte ihnen gemeinsam zu spielen. Clinton Duffy besorgte Instrumente und Auftrittsmöglichkeiten. Es gab wöchentliche Live-Konzerte, die von einem Rundfunk-Sender in San Francisco übertragen wurden. Und es sollen sogar alte Bandaufnahmen dieser Jazz-Combo existieren, die irgendwo in einer Kiste in einem Keller von San Quentin vor sich hin modern.

Und auch Johnny Cash war nicht der einzige bekannte Musiker, den es für Live-Konzerte nach San Quentin zog. Die Liste ist lang der "Who is Who" im Musikgeschäft, die dort auftraten: Joan Baez, Carlos Santana, Bonnie Raitt, Metallica, B.B. King und viele andere.


Der alte Teil von San Quentin steht noch immer. Vier Blocks mit jeweils 500 Zellen, in jedem Block sind 1000 Häftlinge untergebracht. Zwei Häftlinge teilen sich im allgemeinen Strafvollzug eine Zelle, die 2,50 Meter mal 1,40 Meter groß ist. Im East-Block, dem Todestrakt, sind die Gefangenen alleine in ihren Zellen untergebracht. Man kann nur verwundert sein, wie jemand an solch einem Ort kreativ sein kann. Doch hier findet man immer wieder Musiker, Autoren, Maler. Einer von ihnen war Alfredo Santos, der Anfang der 1950er-Jahre Nacht für Nacht die riesigen Wände der Speisesäle mit gewaltigen Gemälden, so gennanten Murals bemalte. Auf sechs Wänden, jeweils 30 mal 4 Meter, schuf er ein einzigartiges Bild, auf dem die Geschichte Kaliforniens erzählt wird. Diese Bilder gibt es noch immer, doch der Zahn der Zeit nagt an diesem monumentalen Kunstwerk. Die vielen Häftlinge, die hier Tag für Tag in der Essensschlange vorbeiziehen, beachten es kaum noch.

50 Jahre liegt das legendäre Konzert von Johnny Cash in San Quentin nun zurück. Schon damals setzte er sich auch für eine Gefängnisreform ein, auf die viele in den USA noch immer warten. San Quentin ist sicherlich nicht mehr der gleiche brutale Ort, der er noch Ende der 1960er-Jahre war.

San Quentin gilt heute als Ausnahmegefängnis, denn hier gibt es rund 70 Programme für die Gefangenen, die von Yoga-Gruppen, über Berufs-Ausbildungen, einer eigenen Zeitung bis zu einem Shakespeare-Theater reichen. Alles Angebote von Ehrenamtlichen, die den Resozialisierungsgedanken ernst nehmen. Das einst notorische Gefängnis San Quentin ist damit zu einem Mustergefängnis in den USA geworden.

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