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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 02.09.2015

Vor 50 Jahren gestorben: Johannes Bobrowski Mit dem dunklen Unterton der Melancholie

Von Christian Linder

Berlin / Köpenick, 18.04.1998: Ortsteil Friedrichshagen: Dichters Ort: Johannes Bobrowskis Wohnhaus, Arbeitszimmer. (picture-alliance / dpa / Berliner_Kurier / Sabeth Stickforth)
Das Arbeitszimmer von Johannes Bobrowski in seinem Wohnhaus in Berlin-Köpenick (picture-alliance / dpa / Berliner_Kurier / Sabeth Stickforth)

Der Ostberliner Lyriker Johannes Bobrowski wurde durch den Preis der Gruppe 47 im Jahr 1962 in beiden Teilen Deutschlands berühmt. Einer öffentlichen Rolle entzog er sich - und schrieb lieber. Er war stark beeinflusst von der ostpreußischen Landschaft. Sein Werk ist schmal geblieben.

Die Atmosphäre Anfang der 1960er-Jahre im Haus in der Ahornallee 26 im damals ländlich wirkenden Ost-Berliner Stadtteil Friedrichshagen hat alle beeindruckt, die sie erlebt haben. Inmitten der gegenwärtigen Welt der Hauptstadt der DDR fühlte man sich auf einmal wie in einer Art heimlichen Gemeinde, wenn der Hausherr Johannes Bobrowski sich ans Clavicord setzte und alte Musik spielte von Johann Sebastian Bach oder Dietrich Buxtehude, dessen Lieder er auch im Friedrichshagener Kirchenchor sang; und wenn er immer öfter eigene, neben seinem Beruf als Lektor geschriebene Gedichte vorlas:

"Die Raschelstimmen, / Blätter, Vögel, drei Wege / kam ich / vor einem großen Schnee. / Auf dem Ufer, Grannen und Kletten / im Ringelhaar, mit ihren Hunden / Ragana schrie nach dem Fährmann, im Wasser / stand er, mitten im Fluss."

Herkunft aus ostpreußischer Landschaft

Der Fluss war die Memel oder einer der in sie mündenden Nebenflüsse wie Jura, Mitwa oder Szeszupe. Für die von Bobrowski zeitlebens als wichtig empfundene Herkunft aus dieser ostpreußischen Landschaft stand Tilsit, wo er am 9. April 1917 geboren wurde; auch das alte Königsberg hat er noch gekannt, er war dort zur Schule gegangen und hatte dort übrigens nebenbei das Orgelspielen gelernt. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs und Rückkehr aus russischer Kriegsgefangenschaft 1949, nun mit Wohnsitz in Berlin-Friedrichshagen, war diese alte Welt, mit einem seiner Gedichttitel, zur "Schattenlandschaft" geworden:

"Einmal, / folgend den Nebeln, / über die Senke mit goldenen Flügeln / zogen die Trappen, sie setzten / auf die Gräser den hornigen Fuß, / Licht flog, der Tag ihnen nach. / Kalt. Auf der Spitze des Grashalms / die Leere weiß / bis an den Himmel. Der Baum / aber alt, dort ist / ein Ufer, Nebel mit dünnen / Gelenken gehn auf dem Fluss."

"Sarmatische Zeit" hieß Bobrowskis 1961 sowohl in der DDR als auch in einem westdeutschen Verlag erschienener erster Gedichtband. Der wie erfunden klingende Name Sarmatien für die versunkene ostpreußische Heimatlandschaft besaß jedoch einen realen Ursprung - ein römischer Kartograf hatte im Jahr 150 nach Christus das Gebiet von Germanien bis zum Don als europäisches und die Gegend zwischen der Wolga und dem baltischen Meerbusen als asiatisches Sarmatien benannt. In solch weit gespannte Gedächtnislandschaft versuchte Bobrowski hineinzuschauen und zugleich mit dem Blick des Deutschen, der an der Memel im Einverständnis mit Polen, Litauern, Russen und vielen Juden darunter aufgewachsen war, die als Soldat in Russland erlebte Realität der Landschaft zu erfassen.

"Ich wollte, und das ist der Anfang meiner Schreiberei, damals - das ist '43, '44 gewesen, im Kriege - versuchen, die russische Landschaft festzulegen. Es gibt da Dinge, es gibt da Schilderungen schon bei Tolstoi, diese Winter-Schilderungen und so was, in denen versucht wird, also Landschaft tatsächlich in den Griff zu bekommen außerhalb der Beschreibung, und diese Landschaft, die ich also von klein auf kannte dort im russischen Osten, doch neu und sehr bestürzend vorkam."

Zweiter Gedichtband

Mit seinem zweiten, 1962 erschienenen Gedichtband "Schattenland Ströme" war Bobrowski vollends ein in beiden Teilen Deutschlands berühmter Autor geworden. Es war der dunkle Unterton der Melancholie, der seine Gedichte und späteren Prosastücke, Erzählungen wie "Begebenheit" oder den Roman "Levins Mühle" durchzog und viele Leser seiner Wortmusik im wahrsten Sinne berührte - komponiert und geschrieben zwar mit dem Bekenntnis zur alten Tradition eines Hölderlin und Klopstock, signalisierten aber begonnene und nicht beendete Sätze und durch rasante Zeilensprünge gestaltete Perspektivenwechsel zugleich Bobrowskis Modernität und kennzeichneten auch, wie gebrochen er selbst seine mythischen Natur- und Lebensbilder empfand. Zum Schluss des Gedichts "Schattenlandschaft" notierte er:

"Finsternis, wer hier lebt, / spricht mit des Vogels Stimme: / Ausgefahren sind / Windlichter über den Wäldern. /Kein Atem hat sie bewegt."

Als Schriftsteller in der Öffentlichkeit wirken konnte Johannes Bobrowski nach seinem Debüt 1961 nur knapp vier Jahre. Er starb, erst 48 Jahre alt, am 2. September 1965 in einem Köpenicker Krankenhaus nach einem Blindarmdurchbruch.

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(Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 15.07.2010)

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