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Interview / Archiv | Beitrag vom 20.06.2015

Vor 25 Jahren: Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze"Heute ist Deutschland in Polen ein beliebtes Land"

Janusz Reiter im Gespräch mit Ute Welty

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Die Friedensglocke auf der Oderpromenade in Frankfurt an der Oder. (picture-alliance / dpa-ZB / Soeren Stache)
Die Friedensglocke auf der Oderpromenade in Frankfurt/Oder ist Baudenkmal für die Oder-Neiße-Grenze (picture-alliance / dpa-ZB / Soeren Stache)

Die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze am 21.6.1990 zerstreute manche Ängste vor der deutschen Wiedervereinigung in den Nachbarländern. Der Einigungsprozess sei "historisch geradezu sensationell" verlaufen, sagt der frühere polnische Botschafter Janusz Reiter.

Vor 25 Jahren, am 21. Juni 1990, verabschiedeten sowohl die Volkskammer der DDR als auch der Deutsche Bundestag eine Erklärung, in der sie die Oder-Neiße-Grenze als endgültig anerkannten. Damit machten sie nicht nur den Weg für die deutsche Wiedervereinigung frei, sondern legten auch den Grundstein für das heutige gute deutsch-polnische Verhältnis.

Auf den Einigungsprozess darf man bis heute stolz sein

Die große Mehrheit der Polen stehe den Deutschen heute positiv und vertrauensvoll gegenüber, sagt der frühere polnische Botschafter in Deutschland, Janusz Reiter.

"Deutschland ist in Polen ein beliebtes Land. Das muss man sich vorstellen! Die Leute schauen in Richtung Deutschland mit Sympathie oder gar mit Bewunderung. Auf jeden Fall mit großem Respekt."

Man könne bis heute stolz darauf sein, wie die deutsche Wiedervereinigung gestaltet worden sei, betont der frühere polnische Botschafter in Deutschland. Zum einen hätten die Nachbarn Deutschlands trotz mancher Ängste eingesehen, dass sie den deutschen Anspruch auf Einheit unterstützen sollten. Zum anderen seien die Deutschen vernünftig genug gewesen, ihre nationalen Ansprüche im Einvernehmen mit diesen Nachbarn zu erfüllen und nicht gegen Europa. "Das ist wirklich historisch geradezu sensationell."


Das Interview im Wortlaut:

Ute Welty: Wäre Angela Merkel vor 25 Jahren schon Kanzlerin gewesen, dann hätte sie wohl gesagt, die Anerkennung dieser Grenze ist alternativlos. Ihr Vorgänger und Ziehvater Helmut Kohl sah nichts weniger als die deutsche Einheit gefährdet, sollten Bundestag und Volkskammer die Oder-Neiße-Grenze als Westgrenze Polens nicht anerkennen. Doch vor 25 Jahren, auf dem Weg zur deutschen Einheit, wurde auch diese Hürde genommen:

(Einspielung: Originaltöne Bundestagsdebatte 1990)
"Wir kommen also zur Abstimmung über die Entschließung der Volkskammer über die Grenze zwischen dem vereinigten Deutschland und der Republik Polen. Sechs Gegenstimme zähle ich, damit ist diese Entschließung mit sechs Gegenstimmen angenommen."
"Die Entschließung des Deutschen Bundestages, die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze, kann nicht zu einer Versöhnung zwischen Polen und Deutschen führen, sondern nur das Gegenteil bewirken."
"Frau Präsidentin, zu schwer wiegt das Unrecht, das mit der Vertreibung von zwölf Millionen deutscher Menschen aus Ostdeutschland und dem Raum ihrer Jahrhunderte alten Kultur und wirtschaftlich hoch entwickelten Heimat begangen wurde, als dass man darauf bauen dürfte, dass mit der beabsichtigten Anerkennung die deutsch-polnische Grenzfrage erledigt wäre."
"Die Grenze Polens zu Deutschland, so wie sie heute verläuft, ist endgültig. Sie wird durch Gebietsansprüche von uns Deutschen weder heute noch in Zukunft infrage gestellt. Dies wird nach der Vereinigung Deutschlands in einem Vertrag mit der Republik Polen völkerrechtlich verbindlich bekräftigt werden."

Welty: Vor 25 Jahren erkennen Bundestag und Volkskammer die Oder-Neiße-Grenze als polnische Westgrenze an, und damals polnischer Botschafter in Bonn war Janusz Reiter, dem ich jetzt einen guten Morgen wünsche. Seien Sie willkommen in "Studio 9"!

Janusz Reiter: Guten Morgen!

Welty: Was hat Ihnen dieser 21. Juni 1990 bedeutet, der Sie ja eine enge Verbindung haben zu Deutschland – mit deutschen familiären Wurzeln, mit einem Studium der Germanistik, mit einem Stipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung?

Reiter: Das stimmt fast alles, was Sie sagten, bis auf die familiären Wurzeln, es sei denn, Sie würden meine Familiengeschichte bis ins frühe 18. oder Mitte des 18. Jahrhunderts zurückverfolgen.

Welty: Na, aber immerhin.

Reiter: Dann gibt es in Europa sowieso keine Nationen, sondern das war damals noch nicht so richtig ausgeprägt. Aber es war mir schon wichtig. Es war mir wichtig, einmal als polnischer Bürger, weil das für Polen absolut wichtig war. Das war eine existenzielle Frage. Es war wichtig für mich als jemand, der sich mit Deutschland auch schon damals eben beschäftigt hat und sich eigentlich immer für Deutschland interessiert hatte, denn es war auch das Ende eines schwierigen Kapitels in den polnisch-deutschen Beziehungen. Und es war für mich auch wichtig als jemand, der gerade im Sommer 1990 bei einer Mission antrat in Deutschland als der erste polnische Botschafter nach dem Systemwechsel, nach der sogenannten Wende. Also, das war ein wichtiges Ereignis.

Schwierige emotionale Komponente im polnisch-deutschen Verhältnis

Welty: Hatten Sie auch so ein wenig das Gefühl von "jetzt reden wir auf Augenhöhe"?

Reiter: Das hatte damit wenig zu tun. Man muss verstehen, was diese Grenzfrage für Polen bedeutete. Zwischen Polen und Deutschland gab es nicht nur den Ost-West-Gegensatz – den gab es auch –, aber es gab zwischen Polen und Deutschland eben die Grenzfrage, das gab es mit keinem anderen Land. Und es gab auch den deutsch-polnischen Gegensatz, eine sehr schwierige emotionale Komponente, die es nicht unbedingt gab zwischen Deutschland und anderen Ländern des damaligen sogenannten Ostblocks.

Diese Grenzfrage machte Polen auch zu einem Gefangenen der sogenannten Jaltaer Ordnung, also des kommunistischen Machtblocks, denn in Polen gab es große Befürchtungen, ob die Bundesrepublik und ob ein vereinigtes Deutschland, falls es entstehen würde, diese Grenzfrage anerkennen würde. Und so hat die Sowjetunion das sehr geschickt ausgespielt und hat gesagt, also wir garantieren die Grenze. Solange es uns gibt, solange ihr Teil unseres Ostblocks seid, braucht ihr euch keine Sorgen zu machen um die Grenze. Wenn ihr austreten wollt, dann müsst ihr damit rechnen, dass die Grenzfrage neu auf die Tagesordnung gestellt wird.

Erst in den 80er-Jahren gab es in der damaligen polnischen Opposition eine Diskussion darüber, ob man vielleicht doch die deutsche Vereinigung unterstützen könnte, in der Überzeugung, dass das vereinigte Deutschland eben dann Interesse haben würde, zu einem Ausgleich mit Polen zu kommen, und das heißt, als ersten Schritt die polnische Westgrenze zu akzeptieren. Und insofern waren wir sozusagen vorbereitet auf diese Entwicklung, nur keiner hat in den 80er-Jahren damit gerechnet, dass diese Stunde so schnell kommen wird. Und dann war sie da.

Heute trägt Polen zur Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands bei

Welty: Von Deutschland aus gesehen liegt hinter der Oder-Neiße-Grenze ein Großteil Schlesiens, eine Region, aus der sehr viele Deutsche vertrieben wurden, und eine Region, für die Sie vor knapp 25 Jahren eine Art Marshallplan gefordert haben. Wie steht die Region heute da?

Reiter: Im Grunde genommen muss man, glaube ich, sagen, sowohl die deutsche Einheit als auch die europäische Einigung sind eine große Erfolgsgeschichte. Europa hat im 20. Jahrhundert nicht so viele so große, so überwältigende Erfolge erlebt. Wir können bis heute darauf, glaube ich, ganz stolz sein – einmal auf die Art und Weise, wie bei allen emotionalen und politischen Vorbehalten, die es gab, wie die deutsche Einheit gestaltet wurde. Das ist wirklich geradezu sensationell.

Man kann den Nachbarn Deutschlands nicht übelnehmen, dass manche von ihnen in Polen eigentlich gar nicht so stark Angst hatten, aber sie haben dann doch eingesehen, dass sie den deutschen Anspruch auf Einheit akzeptieren und unterstützen sollten. Und die Deutschen waren vernünftig genug, ihre nationalen Ansprüche zu erfüllen im Einvernehmen mit den Nachbarn als ein Teil des europäischen Prozesses und nicht gegen Europa. Also das ist wirklich historisch geradezu sensationell.

Und nun, östlich von der deutschen Grenze, da ist eben Polen, ein Land, das sich in den vergangenen 25 Jahren in einer wirklich unglaublichen Weise verändert hat – nicht nur, weil es heute ein demokratisches, freies Land ist, sondern wenn man sich daran erinnert, was für ein Gefälle da war, ein Wohlstandsgefälle zwischen Polen und Deutschland und dem Rest Westeuropas, und wie es heute ausschaut, ist das eine gewaltige Wandlung und wirklich ein gewaltiger Fortschritt. Und diese beiden Länder – Deutschland und Polen – profitieren davon bis heute.

Deutschland profitiert von der Öffnung zum polnischen Markt und die Öffnung des polnischen Marktes, denn Polen ist ein Land, in dem viele deutsche Produkte fertiggestellt werden – ein Land also, das sozusagen zur Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands, der deutschen Volkswirtschaft beiträgt. Aber für Polen ist Deutschland der wichtigste Partner, der wichtigste Handelspartner und der wichtigste Wirtschaftspartner. Also, es gibt zwischen beiden Ländern heute auf der wirtschaftlichen Ebene ein sehr gutes, produktives Verhältnis – auf anderen Ebenen inzwischen übrigens auch.

Keine antideutsche Stimmung mehr in Polen

Welty: Wird diese Erfolgsgeschichte unter einem Präsidenten Duda fortgeschrieben werden?

Reiter: Davon bin ich ziemlich überzeugt, und zwar aus einem Grunde: Die große, überwältigende Mehrheit der Polen steht den Deutschen heute positiv und sogar vertrauensvoll gegenüber. Deutschland ist in Polen ein beliebtes Land, das muss man sich vorstellen! Die Leute schauen in Richtung Deutschland mit Sympathie oder gar mit Bewunderung, auf jeden Fall mit großem Respekt. Es gibt keine antideutsche Stimmung.

Es mag in der Politik hier und dort Meinungsunterschiede oder Kontroversen geben, das kann ich nicht ausschließen, aber ich glaube nicht, dass es in der polnischen Bevölkerung wirklich ein Bedürfnis gibt, dieses gute Verhältnis infragezustellen. Das ist nicht nur wirtschaftlich wichtig, das ist auch psychologisch wichtig und das ist politisch wichtig, gerade jetzt, wo in Europa ja alles im Fluss ist und wo das Sicherheitsbedürfnis, insbesondere in Polen, heute eine so große Rolle spielt. Deutschland ist auch in dieser Hinsicht ein unheimlich wichtiger Partner. Es mag sein, dass die Erwartungen an Deutschland in Polen noch höher sein werden oder sind als die Bereitschaft, diese Erwartungen zu erfüllen. Aber das ist ein ganz anderes Problem.

Welty: Vor 25 Jahren erkennen Bundestag und Volkskammer die Oder-Neiße-Grenze an. Was sich seitdem verändert hat, das hat uns eindrucksvoll Janusz Reiter geschildert, damals polnischer Botschafter in Bonn. Herzlichen Dank für dieses "Studio 9"-Gespräch, das wir aufgezeichnet haben!

Reiter: Ich danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

 

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