Seit 07:20 Uhr Politisches Feuilleton
Dienstag, 01.12.2020
 
Seit 07:20 Uhr Politisches Feuilleton

Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 05.05.2017

Vor 175 JahrenIn Hamburg bricht der "Große Brand" aus

Von Martin Tschechne

Ein zeitgenössisches Model zeigt die beim großen Hamburger Brand von 1842 zerstörten Gebäude, mittig die St. Nikolaikirche, im Vordergrund den leuchtenden Ausgangsort des Feuers, aufgenommen am 18.04.2017 im Museum für Hamburgische Geschichte in Hamburg (picture alliance / Daniel Reinhardt/dpa)
Zeitgenössisches Model zeigt den großen Hamburger Brand von 1842 (picture alliance / Daniel Reinhardt/dpa)

Am 5. Mai 1842 entsteht in einem Speicher am Hamburger Hafen ein Brand, der sich in den folgenden Tagen quer durch die Innenstadt frisst. Tausende von Wohnungen, Lagerhäusern, Kirchen und das Rathaus fallen den Flammen zum Opfer.

Es war späte Nacht, kurz nach halb eins, als der Postbeamte das Fenster seiner Kammer aufstieß. Stickig war es geworden im Haus Deichstraße 20. Aber draußen war die Luft noch drückender. Er lief auf die Gasse hinaus, alarmierte die Nachtwächter; schon quoll Rauch aus dem Haus Nummer 44, in dem ein Zigarrenfabrikant und ein Lumpenhändler ihre Speicher hatten. Hatte die Ware sich selbst entzündet?

Schon schossen Flammen hoch – und während die Glocken anschlugen, Sirenen heulten und die "Wittkittel" herbeieilten, die Feuerwehrleute in ihren weißen Röcken, peitschte der Westwind das Feuer in rasender Geschwindigkeit durch die eng stehenden Häuser am Hamburger Hafen.

Ganze Stadtviertel stehen in Flammen

"Von Speicher zu Speicher sprangen die Flammen", so schilderte der Schriftsteller Edgar Maass das große Feuer. "Und überall fanden sie frische Nahrung: Lumpen und Holz, Sammelpapier, Knochen, Getreide und Zucker. Das Feuer war nicht wählerisch. Hier steckte es sich hundert Fässer Smyrna-Rosinen in den Rachen, dort unter sprühendem Knacken zwei Millionen Pfund Kaffeebohnen. Hundert Kisten Souchong-Tee verschlang es mit demselben Genuss wie 340 Sack Pfeffer. Und es machte nicht Halt vor Häuten und Leder, geteerten Tauen und Schellack."

Zum Unglück der Stadt stapelten sich auch Hunderte von Fässern voll Arrak auf den hölzernen Dielen. Zwar hatten Helfer die Gefahr erkannt, die Dauben zerschlagen und den hoch entzündlichen Alkohol schnellstens in das Fleet hinter den Speicherhäusern gekippt – doch als gleich darauf die Feuerwehr ihr Löschwasser aus eben diesem Flussarm pumpte, da explodierte das Feuer geradezu.

Am Morgen des 5. Mai 1842 stand das ganze Stadtviertel in Flammen. Der viel gerühmte Spritzenmeister Adolph Repsold begann mit seinen Leuten, einzelne Gebäude einzureißen, um das Feuer einzudämmen – viel zu langsam!

Sprengkommandos sollten Schneisen in das dichte Gedränge der Fachwerkbauten schlagen – doch der Senat zögerte. Wer sollte denn den Kaufleuten den Schaden ersetzen? Wertvolle Zeit verstrich, das Feuer fraß sich weiter voran. Am Nachmittag, so notierte der Chronist Carl-Heinrich Schleiden, war die Hauptkirche St. Nikolai verloren; ihr Turm loderte wie eine Fackel.

Plünderer machen sich das Chaos zunutze

"Auf Augenblicke wehte der Sturm die Flammen wieder aus. In verstärkter Glut umschlangen sie bald das erkorene Opfer von Neuem. Ein Feuerregen fiel auf die untere Hälfte des Turmes, die Arbeiter hatten den offenen Raum verlassen. Da klangen noch einmal, wunderbar, als wenn der sterbende Turm sein Schwanenlied singe, die bekannten, uns allen so heimatlich tönenden Klänge des Glockenspiels. Aber nicht Choral oder Melodie, sondern wie von ungeheurem Schmerz zerrissen, schallten wild durcheinander die Stimmen."

Um fünf Minuten vor halb sechs stürzte der Turm zusammen. Und spätestens mit diesem Anblick, spätestens mit dem Klagelied der Glocken und dem krachenden Untergang ihres Gotteshauses verließ viele Hamburger Bürger der Mut. Zu allem Übel machten sich nun Plünderer auf den Weg. Sie trugen Äxte wie Zimmerleute, drangen in die Häuser ein, verlassene wie bewohnte, und rissen an sich, was sie kriegen konnten.

"Von der allgemeinen Aufregung schon aus allen Fugen gebracht, durch Wein und Branntwein in jeder Leidenschaft gesteigert, als Herren sich fühlend, weil die Furcht die anderen zu Sklaven gemacht hatte, war zuletzt in den Zimmerleuten der Mensch nicht mehr zu erkennen.  In dem stehen gebliebenen Alsterpavillon riss eine solche Bande die Kronleuchter herunter, zerstieß sie an dem eisernen Geländer und warf die Trümmer in die Alster. Die Spiegel wurden zerschlagen, die Gläser zertreten, was nicht gegessen, getrunken oder mitgenommen werden konnte, umher verstreut."

Unverzüglicher Wiederaufbau

51 Menschen verloren ihr Leben, 20.000 wurden obdachlos. Bis zum 8. Mai fraß sich das Feuer quer durch die Stadt – bis an die Alster, bis vor den Glockengießerwall, wo heute eine Straße mit dem sprechenden Namen Brandsende verläuft. Zwei Hauptkirchen wurden zerstört, St. Nikolai und St. Petri, das alte Rathaus, die Bank, das Stadtarchiv. Die erst kurz zuvor eingeweihte Börse konnte gerettet werden. Und was ebenfalls erhalten blieb, waren der Bürgersinn der Hamburger und ihre nüchterne Zuversicht. Der Wiederaufbau begann unverzüglich. Und Hamburg wurde größer, großzügiger, eine Weltstadt.

Mehr zum Thema

Jed Martin-Retrospektive in Hamburg - Der berühmteste Künstler, den es nie gab
(Deutschlandfunk Kultur, Kompressor, 24.04.2017)

Wohnungsmarkt - Mietpreis-Explosion in Hamburg
(Deutschlandfunk Kultur, Länderreport, 21.04.2017)

Spaziergänge mit Prominenten - Mit Ulrich Wickert durch Hamburg
(Deutschlandfunk Kultur, Deutschlandrundfahrt, 09.04.2017)

Kalenderblatt

Vor 50 JahrenDer Architekt Walter Gropius gestorben
Fotografie von Walter Gropius, der leicht zur Seite schaut. (picture alliance / akg-images / Louis Held)

Walter Gropius war nach seiner Emigration aus Nazi-Deutschland mit einem Architekturbüro in den USA sehr erfolgreich. Noch mehr basiert sein Ruhm aber darauf, dass er die einflussreiche Kunstschule Bauhaus gründete. Heute vor 50 Jahren starb er.Mehr

Vor 20 JahrenSchatzgräber finden die Himmelsscheibe von Nebra
20.09.2018, Berlin: Eine Besucherin betrachtet in der Ausstellung "Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland" die Himmelsscheibe von Nebra, die geschützt in einer Glasvitrine steht. Im Hintergrund Goldhüte aus der Bronzezeit. Gezeigt werden die spektakulärsten Funde der vergangenen 20 Jahre aus ganz Deutschland. Mehr als 1000 Ausstellungsstücke aus allen Bundesländern von der Himmelsscheibe von Nebra bis zur antiken Hafenmauer des römischen Köln werden präsentiert. Foto: Wolfgang Kumm/dpa | Verwendung weltweit (Picture Alliance / dpa / Wolfgang Kumm)

Ein sensationeller Fund, eine Übergabe wie im Krimi: Vor 20 Jahren fanden Hobbygräber die Himmelsscheibe von Nebra und verkauften sie an Hehler. Als diese das wertvolle Stück verschiedenen Museen anboten, schlug die Polizei zu – bei einer arrangierten Übergabe im Hotel.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur