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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 10.10.2016

Vor 100 Jahren"Dr. Hope" - Vorkämpferin in Medizin und Gesellschaft

Von Carmela Thiele

Eine schwangere Frau legt die Hände auf ihren Bauch. (imago/Kickner)
Die Ärztin Hope Bridges Adams Lehmann spezialisierte sich auf Gynäkologie und Geburtshilfe. (imago/Kickner)

Hope Bridges Adams Lehmann war in mehrfacher Hinsicht eine Vorkämpferin: Sie war Ärztin, als dieser Beruf Frauen noch verwehrt war, gab Frauen Geburtstipps und setzte sich für die Gleichberechtigung von Mann und Frau ein. Vor 100 Jahren starb sie im Alter von 61 Jahren.

In München ist eine Straße in Schwabing nach ihr benannt. Hope Bridges Adams Lehmann wirkte um 1900 in der modernen Metropole als Armenärztin, spielte aber auch mit ihrem Mann, dem späteren Stadtrat Carl Lehmann gesellschaftlich eine wichtige Rolle. Beide waren Sozialdemokraten, der SPD-Vorsitzende August Bebel und die Frauenrechtlerin Clara Zetkin gehörten zu ihrem Freundeskreis. Doch ließ sich Adams Lehmann nicht von der Politik vereinnahmen. Auch äußerlich setzte sie sich vom gängigen Frauenbild ab. Der mit ihr befreundete SPD-Politiker Anton Fendrich in seinen Erinnerungen:

"Mit dem kurzen (...) Haar und den sich unauffällig über die Stirn legenden Locken fehlte ihrer mittelgroßen Gestalt die eigentlich weibliche Anmut. Ihre Vorliebe für Lodenkleidung stand im Gegensatz zu ihrer leichten Erscheinung. Aber aus diesem Antlitz voll Güte und Takt blickten die Augen so zuversichtlich, als ob nichts in der Welt anders als schließlich gut ausgehen könnte."

Vater war fortschrittlicher Denker

Ihre Überzeugungen verdankte die 1855 nahe London geborene Hope ihrem Vater. Der Ingenieur und Publizist William Bridges Adams gehörte zu einem Kreis fortschrittlicher Denker um James Stuart Mill und hatte bereits die Gleichberechtigung der Frau, ihr Recht auf Bildung und ihre Entlastung von der Hausarbeit gefordert. Er starb, als Hope 16 Jahre alt war.

Mit ihrer Mutter Ellen siedelte das Mädchen nach Dresden über. Wenig später war Hope Gasthörerin an der Medizinischen Fakultät in Leipzig. Nach Jahren des Studiums, der Prüfungen und des Volontierens bei liberal eingestellten Professoren, gelang es ihr 1880 in Leipzig als erste Frau das Staatsexamen abzulegen, das im Deutschen Kaiserreich jedoch nicht anerkannt wurde. Die Medizinerin promovierte in der Schweiz und erlangte ihre Approbation in England. Marita Krauss, Autorin der Hope Adams Lehmann Biografie:

"Es gab ein Reichsgesetz, das es ermöglichte, als Kurpfuscherin zu arbeiten, das ist so eine Art Heilpraktiker-Gesetz gewesen, und das ermöglichte eine gewisse Heilfreiheit. Sie durfte keine Totenscheine, keine Geburtenscheine ausstellen und auch keine Rezepte."

"Frauenbuch" mit Verhütungstipps

Das übernahm ab 1881 ihr erster Ehemann und Praxispartner in Frankfurt am Main, Otto Walther. Und genauso war es später in München, wo sie 1896 mit ihrem zweiten Gatten Carl Lehmann eine Gemeinschaftspraxis eröffnete. In jenem Jahr des Neubeginns erschien ihr zweibändiges "Frauenbuch". Darin klärte sie über die schädliche Wirkung des Korsetts auf, beschrieb eingehend die Funktionen des weiblichen Körpers sowie Verhütungs- und Hygiene-Maßnahmen. Nur eine gesunde Frau, so Adams Lehmann, sei in der Lage, ein freies und glückliches Leben zu führen.

"Die Natur hat die Frau mit den gleichen Kräften ausgerüstet wie den Mann und deshalb auch zu den gleichen Leistungen bestimmt. (...) Nicht in der Rückkehr zu einer ohnedies unwiderruflichen Vergangenheit liegt die Erlösung der Frau, sondern in einer naturgemäßen und darum zweckmäßigen Anpassung an die Bedingungen der neuen Zeit."

In ihren Schriften forderte Adams Lehmann, dass sich Mutter und Vater die "Kinderpflege" teilen sollten, und dass Eltern mit Neugeborenen nur halbtags arbeiten. Als Ärztin hatte sie sich auf Gynäkologie und Geburtshilfe spezialisiert. Damals starben jährlich noch mehr als 10.000 Frauen am Kindbettfieber. Adams Lehmann setzte sich für eine sichere Entbindung in einem "Frauenhaus" ein, wie sie es nannte. Ihre bereits weit gediehenen Pläne scheiterten jedoch, als die Münchener Hebammen-Vereinigung – unterstützt von konservativen Medizinern – 1914 gegen sie Front machte.

Anfeindungen durch Hebammen

Zwei Jahre später, am 10. Oktober 1916 starb Hope Bridges Adams Lehmann im Alter von nur 61 Jahren. Die deutsche Frauenrechtlerin Lida Gustava Heymann würdigte in ihrem Nachruf ihre außergewöhnliche Persönlichkeit:

"Dr. Adams Lehmann war keine der unseren im wahrsten Sinne des Wortes, d.h. organisiertes Mitglied der Frauenbewegung, deren Forderungen ihr so selbstverständlich erschienen, dass sie ihre Kraft anderen Aufgaben widmete. Dennoch nehmen wir sie für uns in Anspruch, denn sie war eine Frau wie wir, die wie wir für Freiheit und Gleichheit unseres Geschlechts kämpfen, um die befreite Frau der Zukunft zu schaffen."

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