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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 22.07.2014

Vor 100 JahrenDer Krieg im Tagebuch

Ein sächsischer Infanterist über den Beginn des Ersten Weltkrieges

Von Mathias Wagner und Wolf-Sören Treusch

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Zu sehen sind jubelnde Soldaten am Fenster eines Zuges, der sie im August 1914 an die Front des Ersten Weltkrieges bringt. (dpa)
Mobilmachung im August 1914 in Deutschland: Bayerische Soldaten winken in euphorischem Glauben an einen schnellen Sieg aus den Fenstern eines Zuges, der sie an die Front bringt. (dpa)

Im Juli zieht er in den Krieg nach Frankreich. Anfang Oktober 1914 kommt Georg Neubelt verletzt in ein Lazarett und bleibt von weiteren Fronteinsätzen verschont. Über diese Zeit hat der Infanterist ein Kriegstagebuch geführt.

Georg Neubelt: Es war im Juli 1914. Ich hatte meine aktive Dienstzeit bald beendet. Unsere Parole lautete nur noch auf wenige Tage, da wurde uns plötzlich ein Strich durch die Rechnung gemacht. Unser Regiment war gerade zum großen Exerzieren auf dem Truppenübungsplatz in Jüterbog. Ich war zum Wachkommando in Dresden geblieben. Österreich hatte Serbien schon den Krieg erklärt. Auf den Straßen wartete das Volk nach den ersten Telegrammen; denn alles war gespannt, was Deutschland als Verbündeter tun würde.

Georg Neubelt war mein Großvater. In seinem Nachlass fand ich ein kleines schwarzes Heft mit karierten Blättern. In schwarzer Tinte steht auf der ersten Seite „Kriegstagebuch“. Georg schreibt in Sütterlin. Oftmals formuliert er unbeholfen und hölzern.

Georg Neubelt: Am Sonnabend, den 1. August 1914 wurde der Kriegszustand über Deutschland erklärt und Sonntag der 2. August galt als 1. Mobilmachungstag. Es wurde also ernst, wovon so lange gesprochen worden war. Wir waren deshalb aber fröhlich und guten Mutes. Unsere überflüssigen Sachen schafften wir alle auf Kammer und ich schickte noch etwas eigene Sachen nach Haus. Jeder nahm Abschied von den Verwandten und Bekannten. Ich hatte zwar keine Verwandten in Dresden und Bekannte waren es wenige, von denen der Abschied nicht schwer fiel.

Georg war 23 Jahre alt, als er im August 1914 in den Krieg zog. Als Infanterist gehörte er zum „Königlich Sächsischen Leibgrenadier-Regiment Nr. 100“. Mich, seinen Enkel, haben die Aufzeichnungen neugierig gemacht. Wie erlebte ein junger Mann von 23 Jahren 1914 die ersten Wochen des Krieges?

Georg Neubelt: Am Vormittag des 3. August gingen wir noch mal ein paar Stunden fort, wir waren ja schon längst marschbereit, nur die Reservisten mussten noch eingekleidet werden. Am Nachmittag 4 Uhr war Stellen der Companie. 260 Mann stark traten wir an. Um 6 Uhr ging es mit Musik zum Bahnhof. Eine große Menschenmenge winkte uns nochmals zum Abschied lebhaft zu. Auf dem Bahnhof waren Seine Majestät der König und der Kronprinz anwesend. Von der Zigarettenfabrik von Jasmatzi wurden noch eine Menge Zigaretten gespendet und um 10 Uhr abends fuhr unser Zug unter den Klängen unseres Parademarsches ab. Es war ein feierlicher Augenblick. Wer den Krieg überleben wird, wird noch oft daran denken. Wir stimmten die 'Wacht am Rhein' an, bis Dresden unseren Blicken entschwunden war.

Als der Zug eine längere Pause macht, schickt Georg eine Karte an seine Eltern.

Georg Neubelt:

Wilhelmshöhe bei Kassel, 4.8.1914
Liebe Eltern!
Viele Grüße von der Fahrt an die Grenze sendet euch euer Georg! Wir sind jetzt, Dienstagabend 10 Uhr, 24 Stunden unterwegs.

Die Kompagnie wird in einem einfachen Güterzug transportiert. 42 Soldaten teilen sich einen Waggon. Eng sitzen sie nebeneinander. Zum Hinlegen ist kein Platz.

Georg Neubelt: Gegen Morgen des 5. August waren wir in Gießen. Dort hatten wir mehrere Stunden Aufenthalt. Dann ging es durch das niederrheinische Schiefergebirge, durch das schöne Tal der Lahn, durch Tunnels und schöne Städte zum Beispiel Weilburg, Limburg, Bad-Ems und Koblenz.

Georg sieht Flüsse und Landschaften, die er nicht kennt

An Rhein und Mosel geht die Fahrt entlang von Weinbergen. Georg sieht Flüsse und Landschaften, die er bisher nur aus dem Schulunterricht kannte. Für viele seiner Kameraden wird es das letzte Mal sein. Ihre Fahrt endet in der Eifel, nahe der Grenze zu Belgien.

Georg Neubelt: Wir verlebten hier noch schöne Zeit. Das Wetter war schön und wir gingen in der freien Zeit im Kyll, einem Nebenfluss von der Mosel, baden, oder hielten große Wäsche. Das ging so bis Montag den 17. August. Tags zuvor kamen die beiden anderen Züge der Kompagnien nach Erdorf, und Montag früh 8 Uhr kam der Befehl zum Abmarsch. Bei strömendem Regen trat die Kompagnie auf der Straße an.

Historiker beschreiben die Strategie der deutschen Armee als so genannten Schlieffenplan.

Kommentator: Die deutsche Armee ging nach dem Plan des preußischen Generalfeldmarschalls Alfred Graf von Schlieffen vor. Der Angriff auf Frankreich erfolgte über das neutrale Belgien. Mit einer schnellen Einnahme von Paris sollte Frankreich besiegt werden.

Georg Neubelt: Am Morgen den 18. August ging es nun weiter, wir überschritten die belgische Grenze. Einwohner fand man in den Dörfern wenig. Ein paar alte Frauen oder Männer, die kein Wort Deutsch verstanden. An den Chausseen, die wir marschierten, waren schon von der Grenze ab sämtliche Bäume umgehauen, die uns den Weg versperren sollten. Auf den Feldern sah man schon ab und zu Stellen, wo feindliche Truppen gelagert hatten. Vom Feinde selbst war nichts zu sehen. Es war bekannt, dass er sich jenseits der Maas verschanzt hatte. Nach anstrengendem Marsch bezogen wir am 20. August abends um halb 8 Uhr Biwak. Bis zur Maas hatten wir nur wenige Kilometer, daher musste größte Vorsicht geboten werden.

In anstrengenden Tagesmärschen überqueren die Soldaten die Ardennen. Georg klagt über Hitze und fehlendes Wasser. Den Krieg beschreibt er wie ein Manöver unter erschwerten Bedingungen.

Georg Neubelt: In der Nacht zum 22. August marschierten noch Truppen heran. Bei einem Bauern holte ich mir mit einem Kameraden ein Huhn, welches wir uns fein zurecht machten und uns gut schmecken ließen. Für das Huhn bezahlten wir 1 Mark. Viele haben natürlich nicht bezahlt. Die schwere Artillerie fuhr bei eintretender Dunkelheit in Feuerstellung. Wir ahnten schon, dass der kommende Tag was anderes bringen würde!

Die deutschen Truppen stehen kurz vor Dinant an der Maas. Am gegenüberliegenden Ufer der Maas befindet sich eine befestigte Stellung der französischen Armee. Es ist Sonntag der 23. August 1914 als Georg in der Nacht geweckt wird. Ein Becher Kaffee wird ausgeschenkt, bevor die Kompagnien in den Morgenstunden angreifen.

Georg Neubelt: Um 6 Uhr morgens eröffnete nun unsere Artillerie das Feuer auf die feindliche Stellung. Wie wir uns aber den ersten Häusern näherten, bekamen wir plötzlich heftiges Feuer. Denn fast alle Einwohner waren mit Schusswaffen versehen, sogar Frauen und Kinder. Unsere Artillerie eröffnete nun ein furchtbares Feuer auf die Stadt. Jedes Haus wurde für sich unter Feuer genommen. Gegen Mittag war auch die feindliche Artillerie zum Schweigen gebracht worden. Hinter einer Kirchhofsmauer hatten sich viele Franzosen versteckt, aber auch dort waren sie nicht sicher vor unseren Geschossen.

"Die Leichen der Zivilisten lagen (...) haufenweis"

Kommentator: Von ihren Offizieren waren die deutschen Soldaten vor französischen Franktireurs gewarnt worden. Franktireurs nannte man bewaffnete Zivilisten. Tatsächlich gibt es nur wenige Belege für Angriffe der Franktireurs. Die deutschen Soldaten waren einem Wahn erlegen, schreiben die britischen Historiker John Horne und Alan Kramer. Furcht und reichlich Alkohol ließ sie in allen Zivilisten Franktireurs sehen.

Georg Neubelt: Am Abend bot die Stadt einen schrecklichen Anblick. Über die Hälfte der Häuser stand in Flammen. Die Leichen der Zivilisten, Frauen und auch Kinder lagen stellenweise haufenweis. Mit schussbereitem Gewehr gingen wir durch die brennende Stadt. Wo sich noch Einwohner sehen ließen, wurden sie erschossen oder gefangen genommen. Aber auch mancher Kamerad von uns hatte auch schon sein Leben lassen müssen.

Emotionslos schildert Georg die überstandene Schlacht. Deutlicher wird der Chronist der Kompagnie Heinrich Herrmann. Er schreibt 1926:

Kommentator: So ging der Schlachttag von Dinant seinem Ende zu. Ein Schlachten war´s, nicht eine Schlacht zu nennen!

Georg Neubelt: Den Tag über bleiben wir nun noch in Dinant liegen. Aus den Kellern der verbrannten Häuser holten wir uns teilweise was zu essen und zu trinken. Da verschiedene Soldaten oder einzelne Kavalleristen durch die Straßen liefen, wurde bemerkt, dass aus stehengebliebenen Häusern noch geschossen wurde. Durch Patrouillen wurde alles noch mal abgesucht und es wurden viele Männer verhaftet und auf Befehl alle erschossen.

Kommentator: Dinant glich mittelalterlichen Darstellungen der Hölle, schreiben die Historiker Horne und Kramer. Am 24. August wurden immer noch Einwohner gejagt und erschossen. Tagelang standen Häuser in Flammen. Der Gestank verwesender Leichen verpestete die Luft.

674 Zivilisten wurden von den deutschen Truppen in Dinant erschossen. Georgs Einheit hatte Einwohner als menschliche Schutzschilde vor sich hergetrieben. Georg notiert keine Zweifel an der Rechtmäßigkeit seiner Handlungen.  

Auf ihrem weiteren Vormarsch durchqueren die Infanteristen der Sächsischen Armee zerschossene Dörfer. Hunde und Katzen sind oft die einzigen Lebewesen. Es geht vorbei an Massengräbern, zerstörten Geschützen und Wagen. Am Wegrand liegen tote Pferde. Die Soldaten haben Angst, aus dem Hinterhalt beschossen zu werden. Brunnenwasser darf nicht getrunken werden, es könnte vergiftet sein. Georg versucht seinen Durst mit Wein zu löschen, den er in Dinant mitgenommen hat. In einem Dorf treffen sie wieder auf französische Truppen.

Georg Neubelt: Dieses Dorf war nun das erste auf französischem Boden. Wir überschritten am 26. August zwischen 12 und 1 Uhr mittags die französische Grenze. Der Feind ist gerade am abkochen gewesen. Gerupfte Hühner, Kaninchen und Kartoffeln, alles hatte er in Töpfen stehen lassen müssen. Durch das Artilleriefeuer war auch ein Teil des Dorfes in Brand geraten. Es wurde eine kleine Pause gemacht. Aus einem Keller wurde ein Wassersack voll Wein geholt und zu Essen hatten wir aus einem Garten Mohrrüben und Kohlrüben. In einem Hause, aus welchem die Bewohner nicht geflüchtet waren, wurde auch Butter, Käse und Brot verkauft. Das reichte aber für so viele nicht hin und her.

Die Soldaten betäuben ihre Furcht mit Wein

Tote und Verletzte erwähnt Georg nur beiläufig. Ihn beschäftigen nicht die Schrecken des Krieges. Georgs Sorgen kreisen um die schlechte Versorgung der Soldaten. In den verlassenen französischen Dörfern plündern sie die Gärten und Speisekammern.

Georg Neubelt: Auch an Wein fehlte es nicht. In manchen Kellern schwamm schon alles. Inzwischen waren auch die Feldküchen herangekommen. Es gab mal wieder warmes Essen und ein Stückchen Brot.

Angesichts des Schreckens betäuben die Soldaten ihre Furcht mit Wein. Die französischen Soldaten lagern nur wenige Kilometer entfernt.

Georg Neubelt: An einer Chaussee, die nach dem Feinde führte, wurden unsere Posten aufgestellt. Parole war wie immer „Zitschewich“. Dieses Wort kann ein Franzose schlecht aussprechen. Nachdem ich meine Zeit gestanden hatte, legte ich mich im Chausseegraben zur Ruhe. Alle paar Minuten ertönten Schüsse. In der Nähe lief nämlich auch viel loses Vieh umher. In der Dunkelheit wurde es für feindliche Kavallerie gehalten. Am Morgen sahen wir daher viel totes Vieh liegen. In der Nacht fing es nun noch an zu regnen. Da ich nun gerade im Chausseegraben lag, lief das Regenwasser von beiden Seiten herunter und am Morgen lag ich vollständig im Schlamm. Wie mir zumute war, kann sich wohl jeder denken.

In ihrer Furcht schießen die Soldaten auf alles, was sich bewegt. Georg schläft seinen Rausch im Straßengraben aus. In den folgenden Tagen kommt es immer wieder zu Gefechten.

Georg Neubelt: Plötzlich hörte man Kommandorufe: An die Gewehre! Bald hörte man auch schon das Krachen von einschlagenden Granaten. Wir waren also vom Feinde beinahe überrumpelt worden. Die Feldküchen rissen in aller Eile aus. Natürlich gab es auch Verluste. Einige Geschütze erhielten gleich ein paar Volltreffer und waren unbrauchbar. Die feindliche Infanterie griff das Dorf von verschiedenen Seiten an. Wie wir aber ein paar Sprünge nach vorwärts gemacht hatten, wichen die Franzosen wieder zurück, denn bei uns gab es kein Zurückweichen.

Nur beiläufig erwähnt Georg Neubelt die gefallenen Soldaten. In seinem Kriegstagebuch entwirft er eine Heldengeschichte. Furcht und Entsetzen kann er nicht ausdrücken.

Am 5. September erreichen sie den Marne-Kanal. Sie sind in dem Dorf Issé, in der Nähe von Reims.

Georg Neubelt: Wir waren auf einem großen Bauernhof einquartiert. Dort gab es auch viele Hühner und Tauben. Es dauerte auch nicht lange, da hatte fast jeder etwas im Feldkessel und es wurde gebraten und gekocht. Leider gab es aber wieder recht wenig Brot, eine 2 cm starke Stulle und diese sollte für den nächsten Tag auch noch reichen. Der 6. September war wieder ein heißer und sehr langer Marschtag. Um 5 Uhr früh, mit nur einem Becher Kaffee im Magen ging es los. Der Durst quälte uns unterwegs sehr aber auch vielfach der Hunger. An den vorüberkommenden Rübenfeldern wurde nach etwas Essbarem gesucht.

Über Châlons-sur-Marne setzt die Kompanie ihren Marsch fort. Nur wenige Kilometer weiter stoßen sie auf heftige Gegenwehr der Franzosen. In der Schlacht an der Marne werden die deutschen Truppen zurückgedrängt. Bei Berry-au-Bac stoppt der deutsche Rückzug. Bis 1917 markierte die Höhe 108 den Frontverlauf bei Berry-au-Bac.

Anfang November 1914 wird Georg bei einem Granatenangriff in Berry-au-Bac verwundet. An die Front muss er nicht wieder zurück. Furcht und Schrecken des Krieges behielt mein Großvater Georg stets für sich. Noch im hohen Alter schmerzte ihn ein Granatsplitter im Bein.

Wegen der Tötung von Zivilisten in Dinant wird Deutschland der Kriegsverbrechen beschuldigt. 1921 kommt es vor dem Reichsgericht in Leipzig zu Anklagen. Die Verfahren werden zugunsten der Angeklagten eingestellt. Der Historiker Gerd Hankel schreibt dazu: 'Reichsanwaltschaft und Reichsgericht zeigten nur sehr wenig Neigung hinreichend tatverdächtige Kriegsverbrecher ernsthaft in Bedrängnis zu bringen.' In Belgien ist die Erinnerung an das Geschehen lebendig geblieben. Das Massaker von Dinant gilt heute als deutsches Kriegsverbrechen im Ersten Weltkrieg.

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