Seit 01:05 Uhr Tonart
Donnerstag, 03.12.2020
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Studio 9 | Beitrag vom 26.08.2015

"Vonne Endlichkait" von Günter Grass Wie ich Grass in Göttingen abholte

Von Ann-Kathrin Büüsker

Podcast abonnieren
Fertig zum Abholen: Das letzte Buch von Günter Grass "Vonne Endlichkait" (Deutschlandradio - Ann-Kathrin Büüsker)
Fertig zum Abholen: Das letzte Buch von Günter Grass "Vonne Endlichkait" (Deutschlandradio - Ann-Kathrin Büüsker)

Grass' letztes Buch - "Vonne Endlichkait" - ist noch nicht im Handel. Auch will der Verlag an Kritiker keine digitalen Texte des Werks verschicken. Also hat sich unsere Reporterin aufgemacht, das Buch in Göttingen abzuholen.

"Nächster Halt: Hauptbahnhof…"

Kurz nach 5:00 Uhr morgens. Am Berliner Hauptbahnhof wanken die letzten Gestalten der Nacht müde nach Hause, während die ersten Frühaufsteher auf dem Weg zu Arbeit sind. Die Bahnhofshalle riecht nach frisch gebackenen Croissants.  

Eigentlich könnte ja alles so einfach sein. Ein simples PDF-Dokument, schnell per Mail verschickt und unser Kritiker Jörg Magenau könnte direkt morgens um 8:00 Uhr Seite um Seite lesen. Wäre auch der übliche Weg, sagt Lesart-Redakteurin Barbara Wahlster.

"Normalerweise ist es durchaus so, dass sich die Verlage breitschlagen lassen, einem vorab ein PDF-Exemplar zuzuschicken, selbst Verlage die, bei herausragenden Autoren wie Salman Rushdie, die Bücher weltweit an einem Tag erscheinen lassen, selbst da kriegt man vorab ein Exemplar."

Der Steidl-Verlag verschickt aber keine PDFs. Grundsätzlich. Um Lesezeit zu gewinnen, hole ich das Buch selbst ab. Die Alternative wäre ein teurer Kurierdienst gewesen. 300 Euro aufwärts, Einzeltransport. Knapp zweieinhalb Stunden braucht der Zug von Berlin bis Göttingen. Das Abteil ist vor Sonnenaufgang so gut wie leer, die wenigen Passagiere schlafen. Um 8:15 Uhr haben wir Göttingen erreicht.

"Guten Morgen. In die Düstere Straße 4 bitte Zum Steidl Verlag."

Das Gebäude des Verlags liegt in einer kleinen Seitenstraße. Ganz unscheinbar. Es dauert eine Weile, bis ich das Klingelschild entdecke. Eine schmale, dunkle Treppe führt in den ersten Stock.

"Guten Morgen!"

Es ist 8:25 Uhr. Und, gab es schon einen Ansturm auf die Presseexemplare?

"Nein, Sie sind die erste"

Das neue Grass-Buch in den Händen

Matthias Wegener ist im Steidl-Verlag für Marketing und Vertrieb zuständig. Das neue Grass-Buch in Händen zu halten, sorgt bei ihm für gemischte Gefühle:

"Es ist einerseits ein schönes Gefühl , andererseits auch ein trauriges Gefühl. Wir haben die Produktion ja mit ihm begleitet noch fast bis zum Ende, zum Abschluss des Buches. Ich habe es gelesen noch, als es in der Manuskriptphase war. Jetzt ist es fertig, es ist sehr schön geworden. Einerseits freut man sich, andererseits ist es natürlich auch nochmal wieder eine Erinnerung an das traurige Ereignis."

Ich erhalte nicht nur das Buch für die Redaktion, Wegener holt noch ein weiteres Exemplar aus dem prall gefüllten Lager. In Sachen digitale Ausgaben wird sich der Verlag aber auch in Zukunft nicht so großzügig zeigen:

"Das machen wir aus leidvoller Erfahrung ungern. Weil es dann oftmals passiert, dass regelmäßig Redaktionen sich nicht an die Sperrfrist halten und es früher veröffentlichen. Andere, die es tun, sind dann zu recht ärgerlich auf uns, also lassen wir das lieber ganz."

Ich glaube, Grass hätte diese Konsequenz gefallen. Inzwischen ist es 10:00 Uhr – Abfahrt Richtung Richtung Heimat Berlin. Im Zug blättere ich durch die ersten Seiten. Aber ehrlich gesagt – einen Grass liest man nicht, wenn man so früh aufgestanden ist. Für ein Stündchen fallen mir im Zug die Augen zu.

Aufgeschlagen: Günter Grass "Vonne Endlichkait" (Deutschlandradio - Ann-Kathrin Büüsker)Aufgeschlagen: Günter Grass "Vonne Endlichkait" (Deutschlandradio - Ann-Kathrin Büüsker)

13:00 Uhr – Ankunft im Funkhaus. Erstmal Aufatmen. Nun muss das Buch nur noch zu demjenigen, der es rezensieren soll.

"Wow!"
"Ja, dann frisch ans Werk – auspacken."
"'Vonne Endlichkait'. Ich schlage es auf. Da ist schon die erste Grass-Zeichnung, ein Vögelchen. Schön gemacht. Liegt relativ schwer in der Hand. Aber das ist nur der erste Eindruck."

Mehr zum Thema

Posthum publiziert - Das letzte Werk von Günter Grass
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 25.08.2015)

Abschied von Günter Grass - Gedenken mit Wehmut und Respekt
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 10.05.2015)

Günter Grass im Gespräch mit Schülern - "Ich hab mir das nicht ausgesucht“
(Deutschlandradio Kultur, Aus den Archiven, 18.04.2015)

Interview

weitere Beiträge

Frühkritik

Jaime Begazo: "Die Zeugen"Im Labyrinth der Literatur
Buchcover zu Jaime Begazo: "Die Zeugen" (Kupido/Deutschlandradio)

Auf den Spuren von Emma Zunz: Der peruanische Literaturwissenschaftler Jaime Begazo hat mit "Die Zeugen" einen raffinierten Kriminalroman zweiter Ordnung geschrieben, der auf einer Kurzgeschichte von Jorge Luis Borges basiert.Mehr

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur