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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 16.04.2013

Von Wagners Opern inspiriert

Élémir Bourges: "Götterdämmerung", Manesse Verlag, Zürich 2013, 480 Seiten

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Das Schloss von Versailles: Inbegriff des dekadenten Lebensstils der französischen Könige (picture alliance / dpa / Olivier Boitet)
Das Schloss von Versailles: Inbegriff des dekadenten Lebensstils der französischen Könige (picture alliance / dpa / Olivier Boitet)

Bourges' Roman, der vor fast 130 Jahren in Frankreich erschien, liegt nun erstmals auf Deutsch vor. Er führt den Leser an den fiktiven Hof des Herzogs von Blankenburg, dessen Familie in Saus und Braus ihrem Untergang entgegen lebt. Das Werk zählt zur literarischen Strömung der Décadence.

Der erstmals in deutscher Übersetzung vorliegende Roman "Götterdämmerung" von Èlémir Bourges erschien 1884, in dem Jahrzehnt, in dem in Frankreich - und danach in Europa - die Décadence zur wichtigsten literarischen Strömung wurde. Der Roman thematisiert alle Themen der Dekadenz: Überdruss, Untergangsangst und Lust am Untergang, auf die Spitze getriebene Künstlichkeit, Ausschweifung und Perversion.

Einer der Heroen der Dekadenz ist Richard Wagner, dessen gleichnamiger Oper Élémir Bourges den Titel seines Romans verdankt. Auch Themen (Leidenschaft, Tod, Sexualität) und Formales (ausuferndes Erzählen, Leitmotivik) sind von Wagners Opern inspiriert.

Karl von Este, Herzog von Blankenburg, ein völlig an den Realitäten des 19. Jahrhunderts vorbei lebender Fürst alten Stils, ist ein egomaner Genussmensch, der sich verschwenderisch mit kostbaren Dingen umgibt. Anders als andere dekadente Helden ist Karl von Este jedoch nicht verfeinert, sondern plump und geschmacklos. Der Mann tut nichts, als seine unerschöpflichen Reichtümer zu verschwenden, sich mit Schminke, Perücken und prächtiger Kleidung aufzuputzen und öffentlich zu inszenieren, eine Mätresse nach der anderen zu verbrauchen und seine Familie und Angestellten zu drangsalieren. Er erinnert an dekadente römische Herrscher vom Schlage eines Nero, nur fehlt ihm gleichsam der Biss.

Nicht nur der Herzog, sondern auch seine Kinder, alle von einer anderen Mutter, sind Protagonisten des Romans. Des Herzogs jüngste Tochter stirbt früh, krank und müde vom Leben; ihr Tod wird inszeniert in erlesenem Prunk. Der älteste Sohn Franz wird zum Spieler, der Lieblingssohn Otto wandelt sich vom sadistischen Wüstling zum großen Liebenden. Geschwisterinzest nach dem Vorbild von Wagners Oper "Götterdämmerung" wird in der Literatur der Zeit als Symbol für sinnliche Überreizung und Amoral verschiedentlich gestaltet. Im Roman sind es die lebensuntüchtigen, nur dem Kunstgenuss lebenden Geschwister Ulrich und Christiane, die einander hoffnungslos verfallen sind.

Am Ende ist die Familie zugrunde gegangen. Der Herzog stirbt als letzter, nach dem Besuch einer Wagner-Oper. Auch ein Zeitalter geht unwiderruflich zu Ende. Die bürgerliche Gesellschaft, dem Herzog so verhasst wie Bourges und anderen Décadents, hat längst gesiegt.

Die "Götterdämmerung" ist ein großartiger dekadenter Roman, der sein umfangreiches Personal gut strukturiert und bei allen Übertreibungen die (fast durchweg unsympathischen) Figuren glaubwürdig erscheinen lässt. Die auktoriale Erzählung legt den Fokus wechselnd auf unterschiedliche Figuren. Die Sprache ist in ihrer Präzision realistischem Erzählen verpflichtet und passt sich den unterschiedlichen Charakteren, deren Gefühlen und deren Psychologie an.

Alexandra Beilharz’ Übersetzung ist gelungen, und das Nachwort des Romanisten und Musikspezialisten Albert Gier erläutert die Bezüge zwischen Roman und Oper. Wie alle Manesse-Bändchen sieht auch dieses reizend aus und liegt darüber hinaus trotz des schwergewichtigen Inhalts leicht in der Hand.

Besprochen von Gertrud Lehnert


Élémir Bourges: Götterdämmerung
Aus dem Französischen übersetzt von Alexandra Beilharz; Nachwort von Albert Gier
Manesse Verlag, Zürich 2013
480 Seiten, 24,95 Euro

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