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Thema / Archiv | Beitrag vom 17.04.2013

"Von seinem Tod habe ich über die Nachrichten erfahren"

Die Schriftstellerin Ulrike Edschmid über ihren Roman "Das Verschwinden des Philip S."

Moderation: Liane von Billerbeck

Das unruhige West-Berlin der späten 60er-Jahre war für den jungen Schweizer Philip S. ganz neu, erinnert sich Ulrike Edschmid. (AP Archiv)
Das unruhige West-Berlin der späten 60er-Jahre war für den jungen Schweizer Philip S. ganz neu, erinnert sich Ulrike Edschmid. (AP Archiv)

Bevor Philip S. im Umfeld der "Bewegung 2. Juni" in den Untergrund ging, lebte sie in einer Zeit der inneren Aufruhr mit ihm, erinnert sich Ulrike Edschmid. Der nötige Abstand habe ihr ermöglicht, 40 Jahre später in ihrem Roman von dieser Beziehung zu erzählen.

Liane von Billerbeck: Philip S. starb auf einem Kölner Parkplatz. Als der Notarzt im Krankenhaus zu einem verletzten Terroristen gerufen wurde, konnte er nur noch dessen Tod feststellen und die Schusswunden zählen, die ihm die Polizisten zugefügt hatten. In ihrem Roman "Das Verschwinden des Philip S."" erzählt Ulrike Edschmid fast 40 Jahre später, wie aus dem jungen Mann, der sich damals, Ende der 60er, in sie verliebt hatte und mit ihr und ihrem Kind zusammenlebte, ein Mensch wurde, der alle Brücken hinter sich abbrach, um gewalttätig gegen den Staat vorzugehen. Ulrike Edschmid hat ein Buch über ihn und diese Ereignisse damals geschrieben. Sie ist jetzt bei uns zu Gast, herzlich willkommen, Ulrike Edschmid!

Ulrike Edschmid: Hallo!

von Billerbeck: Wir reden heute über einen Roman, der sich aber wie ein Tatsachenroman liest. Und es wird auch dadurch bekräftigt, dass auf dem Cover zwei Fotos sind. Eins von Philip S. - wenn auch sehr unscharf - und eins von Ihnen aus dieser Zeit Ende der 60er. Wie war dieses Verhältnis? Einerseits ist es eine Liebesgeschichte und andererseits spielt sie in einer Zeit, einer sehr politisch aufgeheizten Zeit.

Edschmid: Wir sind den Weg zusammen gegangen, wir haben zusammen diese ersten Ereignisse, die uns in inneren Aufruhr gebracht haben …

von Billerbeck: Was war das …

Edschmid: Bei mir war schon vorbei der 2. Juni, den hatte ich, den ganzen frühen Beginn vor meinem Fenster erlebt. Ich bin hingegangen, aber ich bin ganz am Rand geblieben. Ich hatte einen Kinderwagen dabei und traute mich nicht, da näher ranzugehen, aber ich bin hingegangen, um zu demonstrieren. Und für Philip S. war das alles neu. Also, ich weiß noch, vom 2. Juni und den Ereignissen habe ich ihm damals erzählt.

von Billerbeck: Sie sprechen vom 2. Juni, das war die Erschießung von Benno Ohnesorg, dem Studenten Benno Ohnesorg – wie hat das Ihre Beziehung auch geprägt, diese Ereignisse?

Edschmid: Ja, also ich hatte da einen Vorsprung, einen politischen, vor ihm, zunächst mal. Wir waren alle ungeheuer aufgewühlt durch das, was da geschehen war. Und wenn man es nachträglich betrachtet und die Literatur dazu liest, war das eine riesige Staatskrise. Und es wurden auch wirklich hinter geschlossenen Türen Dinge verhandelt, die wir uns damals gar nicht vorstellen konnten. Für ihn war das eine neue Sache. Also so was hatte es in Zürich noch nicht gegeben.

von Billerbeck: Sie hatten ja zu dem Zeitpunkt auch schon ein Kind. Wie war das Verhältnis zwischen Ihrem Sohn in dem Roman und Philip S.?

Edschmid: Das war ein sehr schönes Verhältnis. Er hat das Kind einfach, glaube ich, von Anfang an geliebt so wie mich auch. Ich glaube, der hat sich in beide verliebt. Und er hat mit einer großen Gewissenhaftigkeit, was eigentlich ungewöhnlich war für einen Menschen, der sich als Künstler fühlte und auch vielleicht stilisierte. Normalerweise gehörte da so eine Sorgfalt und Verlässlichkeit besonders Kindern gegenüber, das gehörte gar nicht zum Selbstbild. Aber er hatte das. Es hat ihn auch interessiert.

von Billerbeck: Nun könnte man ja sagen, er war Schweizer, und die gelten ja besonders genau.

Edschmid: Ja, vielleicht, kann sein.

von Billerbeck: Nun haben Sie erst zusammen in einer Wohnung an den Bahnschienen gelebt, dann sind Sie in die berühmte Fabriketage, in der man damals wohnte gezogen, mit anderen Leuten zusammen. Wie waren die Diskussionen damals bei Ihnen und Ihren Mitbewohnern? Worum ging es vor allem?

Edschmid: Wir haben uns sehr mit Psychologie, mit Kindererziehung – wir haben das berühmte Buch "Summerhill" natürlich gelesen und auch als unpolitisch dann hinter uns gelassen haben. Also die frühen Schriften von Wilhelm Reich studiert, haben uns über Sexualerziehung Gedanken gemacht. Und waren eigentlich den ganzen Tag damit beschäftigt, uns Vorstellungen zu machen und das auch ansatzweise in die Praxis umzusetzen, wie unsere Kinder aufwachsen sollen.

von Billerbeck: Philip S. hat an der Filmakademie studiert und hat auch in dem Kinderladen gedreht und hat dokumentiert, was in diesem Kinderladen passierte, hat jeden Tag ein Kind vors Objektiv genommen. Wie haben Sie als Mutter und auch die anderen Eltern das erlebt, dass da jemand so ganz nüchtern das aufzeichnet, was da passiert?

Edschmid: Da wir alles diskutiert haben, haben wir auch das diskutiert. Aber es gibt in dem Buch auch eine Szene, wo mir das zu weit ging. Wo ein älterer Junge mein ein bisschen kleineres Kind ziemlich gequält hat. Und das natürlich sehr interessant war, die Kamera draufzuhalten. Bei ihm war der Erkenntnisgewinn größer …

von Billerbeck: … als die Empathie?

Edschmid: Empathie, weiß ich nicht. Einfach jetzt mal da einzugreifen.

von Billerbeck: Sie schreiben über den Mann, mit dem Sie zusammengelebt haben, den Sie geliebt haben, der Sie geliebt hat. Aber trotzdem ist ja schon die Bezeichnung, Philip S., die in dem ganzen Buch durchgehalten wird, ist ja eine Distanzierung.

Edschmid: Ich hasse das, wenn man über einen Menschen so schreibt, als sei man im Besitz der alleinigen Wahrheit über ihn. Ich wollte den Abstand haben und die Entfernung. Aber diese Entfernung hat mir auch den Blick ermöglicht auf ihn. Das ist keine Distanz. Das ist was anderes.

von Billerbeck: Wie war denn dieser Prozess des sich voneinander Entfernens? Wie lief das ab?

Edschmid: Das, was er dann später als politischen Kampf bezeichnet hat, das war seine Sinnerfüllung. Und meine Sinnerfüllung lag in dem Alltag. In dem Alltag, das zu tun, was mich mit meinem Kind verbindet. Was mich auch mit dem Leben drumrum und mit der Gesellschaft verbindet und gleichzeitig auch mit der Veränderung dessen verbindet. Ich wollte kein davon abgetrenntes Leben führen.

von Billerbeck: Nun mussten Sie aber zusehen, wie Philip S. sich immer mehr entzog, auch Ihnen entzog, und wie er immer mehr abdriftete in eine Welt hinter diese Grenze, die Sie noch gezogen haben. Wann war der Punkt, wo Sie wussten, es geht nicht mehr, wir müssen uns trennen.

Edschmid: Auch da gab es immer wieder Begegnungen, die an dem Punkt ganz nah dran waren und dann doch noch ein kleines Stück weitergingen. Aber es gab einmal eine Nacht, die ich bei ihm verbracht habe, und dann bin ich nicht mehr zurückgekehrt, also nicht mehr in ein Liebesverhältnis. Und da ist was – obwohl es eine sehr schöne Nacht war, aber da war es zu Ende. Das erlebt man ja manchmal so, dass man noch mal was ganz Schönes mit jemand erlebt und weiß, das Gefühl sagt es einem ganz klar, jetzt ist es vorbei.

von Billerbeck: Und Philip S. ging dann in den Untergrund, er verschwand quasi aus Ihrem Leben. Er hatte vorher ja ganz viele Spuren vernichtet, so beschreiben Sie das im Buch, Fotos vernichtet, seine Identität quasi aufgelöst und eine neue angenommen, eine unsichtbare. Und er begegnete Ihnen dann viele, lange Zeit später auf einem Fahndungsplakat der Polizei. Wie haben Sie dann erfahren, wo er ist, was er tut und, vor allen Dingen, wie haben Sie dann von seinem Tod erfahren?

Edschmid: Er hat sich irgendwann über eine Kontaktperson bei mir gemeldet. Und dann haben wir uns noch einmal gesehen. Das war wenige Wochen vor seinem Tod. Ich wusste nicht, wo er ist. Ich wusste nicht mal, in welcher Stadt er ist. Und von seinem Tod habe ich über die Nachrichten erfahren. Aber ich hab's irgendwie instinktiv gespürt. Es war auch so eine seltsame Szene noch mal. Das war genau 14 Tage vor seinem Tod, kam die Polizei zum ersten Mal – ich hatte ja Berlin verlassen, ich hab in Frankfurt gelebt – und 14 Tage vor seinem Tod standen auf einmal drei Polizisten vor der Tür.

Und die haben mich so nach ihm gefragt, haben auch behauptet, sie wüssten, dass er dagewesen wäre. Ich weiß nicht, wenn sie es wussten, warum sie dann nicht zugegriffen haben. Aber sie haben es so in den Raum gestellt und mir klar gemacht, ich bin immer noch unter Beobachtung. Und haben dann etwas gesagt, was mich tief beunruhigt hat. Sie haben gesagt, was meinen Sie, wenn wir ihn verhaften würden, würde er schießen? Ich hab während dieser ganzen Unterhaltung keinen einzigen Ton von mir gegeben. Ich hab da nur gestanden und geguckt und die Tür wieder zugemacht.

Und diese Frage hat mich sehr beunruhigt. Ich habe gedacht, sind sie auf der Spur? Was kann ich jetzt tun? Ich kann nichts tun. Je mehr ich mich bewege, umso auffälliger ist es. Ich hätte auch nicht gewusst, in welche Richtung – und so habe ich gar nichts getan. Und das hat mich lange verfolgt, also das war wie eine Vorahnung. Und als ich dann hörte, dass es eine Schießerei gegeben hat in Köln, wusste ich auf einmal – und dass einer dabei erschossen worden ist, wusste ich, das ist er.

von Billerbeck: Sie haben dann fast 40 Jahre später diese Geschichte aufgeschrieben. Es steht Roman drauf, aber es ist Ihre Geschichte. Wie hat Sie diese Zeit damals, die Erfahrung auch, geprägt?

Edschmid: Einen gewissen Anarchismus habe ich behalten. Also sagen wir mal so wie mit den Marx Brothers: Whatever it is, I am against it. Und sagen wir, ich lebe in einem kritischen Abseits und versuche, in meinem Leben bewusst zu sein und Dinge zu vermeiden, von denen ich finde, dass sie nicht sein sollten.

von Billerbeck: Ulrike Edschmid, Autorin des Buches "Das Verschwinden des Philip S." Das Buch ist jetzt bei Suhrkamp erschienen. Es ist ein sehr berührendes Buch geworden, das Ihnen sehr empfohlen sei. Danke fürs Kommen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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