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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.03.2007

Von Musterknaben und Hooligans

Ronny Blaschke: "Im Schatten des Spiels - Rassismus und Randale im Fußball“, Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2007, 240 Seiten

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Deutsche Fußballhooligans in Bratislava (AP)
Deutsche Fußballhooligans in Bratislava (AP)

Ronny Blaschke liefert mit seinem Buch eine umfassende Analyse der Fußballfankultur. Dabei beschränkt er sich aber nicht nur auf Deutschland, obwohl hier der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt. Der Autor macht sehr deutlich, dass man Gewalt im Fußball nicht als isoliertes Problem sehen darf.

WM-Glanz contra Fußballfrust in Ostdeutschland

Vielleicht ist die Fußballszene in Deutschland die vielschichtigste und komplizierteste in ganz Europa. Eben noch schwelgte die ganze Nation im Glanz der gelungenen WM im eigenen Land und nur ein paar Monate später legen Hooligans in Sachsen einen ganzen Spieltag lahm, bedrohen Schläger aus dem Umfeld des Regionalligisten Dynamo Dresden die Spieler der eigenen Mannschaft.

Ronny Blaschke, 1981 in Rostock geboren, ist freier Sportjournalist, Spezialgebiet Fußball. Mit "Im Schatten des Spiels" liefert er eine umfassende Analyse der Fußballfankultur. Dabei beschränkt er sich aber nicht nur auf Deutschland, obwohl hier der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt. Von den eher unpolitischen Prügelknaben, die in den 80er Jahren in der Bundesrepublik auf der Suche nach dem Gewaltkick waren, zieht er in Interviews und Reportagen Vergleiche zu den randalierenden Fußballfans in der DDR, die sich zur gleichen Zeit in und vor den Stadien gewaltsam gegen das repressive System des Arbeiter- und Bauernstaates auflehnten.

Durch nahezu perfekte Überwachung aus den Bundesligastadien verbannt, ist die Gewalt heute, 16 Jahre nach der Wiedervereinigung, vor allem in den unteren Ligen in Ostdeutschland ein Problem. Viele Fans der in der sportlichen Bedeutungslosigkeit versunkenen DDR-Traditionsklubs ertragen das Gefühl, ewig benachteiligt zu sein, einfach nicht mehr.

Vom Bad Boy zum Musterknaben

Für sein Buch ist Ronny Blaschke weite Wege gegangen. In England, seit Anfang der 70er Jahre für seine Hooligans berüchtigt, ist es inzwischen gelungen, den Fußball zu normalisieren. In enger Zusammenarbeit haben es Politik, Polizei, Sozialarbeiter und die Klubs geschafft, den Fußball zu einem Event für die ganze Familie zu machen.

Durch rigorose Stadionverbote, moderne Arenen mit Sitzplätzen, hohe Eintrittspreise und einen offenen Umgang mit den Problemen ist die englische Premierleague mittlerweile zur kommerziell erfolgreichsten und attraktivsten Liga der Welt geworden. Die besten Spieler kicken mittlerweile auf der Insel, angelockt von hohen Gagen, die Clubeigner wie der russische Ölmilliardär Roman Abramowich bei Chelsea London bereit sind zu zahlen. Vorbei die Zeiten, als man beim Stichwort "Englischer Fußball" sofort an glatzköpfige Kerle dachte, die marodierend durch Fußgängerzonen zogen.

Desolate Zustände im Land des Weltmeisters

Ein ganz anderes Bild zeichnet Blaschke vom Fußball in Italien. Im Land des amtierenden Weltmeisters liegt der Calcio am Boden. Vor wenigen Wochen erst gab es bei Ausschreitungen zwei Tote. Einen kompletten Spieltag und ein Länderspiel sagten die hilflosen Funktionäre ab. Heruntergekommene Stadien und überall Korruption.

Der Fußball ist zu einem Spielball von Politik, Wirtschaftsbossen und Medien verkommen. Der Zuschauerschnitt sinkt immer weiter. Seit im vergangenen Jahr ein gigantischer Betrugsskandal aufgedeckt wurde, haben viele Fans offenbar endgültig die Nase voll. Über Jahre wurden Schiedsrichter gekauft, Spiele verschoben. Mittendrin die Tiffosi.

Anfang der 80er Jahre drifteten die in den 60er Jahren aus der linken Protestbewegung entstandenen Ultras unter dem Eindruck der schlechter werdenden Wirtschaftslage immer weiter nach rechts ab: Nazisymbole, Gewalt und fremdenfeindliche Parolen bestimmen heute das Bild in vielen Stadien. Der italienische Fußball ist wie ein Brennglas der Gesellschaft. Mittlerweile ist er zu einem Hort der organisieren Kriminalität verkommen. Politik und Funktionäre haben keine Lösung, weil sie selbst Teil des Problems sind, analysiert Blaschke.

Polen europäische Hooligan-Hochburg

Noch bedrohlicher ist die Situation nach Blaschkes Einschätzung im Osten. In Polen gibt es die meisten Hooligans in ganz Europa. Auf 15- bis 20.000 schätzt die Polizei die Zahl der Gewaltsuchenden in der Fußballszene. Das sind etwa vier Mal so viele wie zurzeit in Deutschland registriert. Viele von ihnen denken rechtsextrem. Laut Blaschke trifft das Klischee des Hools als soziale Randfigur in Polen ziemlich genau zu.

Viele Gewalttäter aus dem Fußballumfeld sind im Alltag als Drogendealer, Diebe, Autoschieber oder in organisierten Banden unterwegs. Auch hier sind in den maroden Stadien Hakenkreuztransparente und antisemitische Spruchbänder oft trauriger Standard. Überforderte Ordner und unterbezahlte Polizisten greifen nicht ein; für Sozialarbeit in Fanprojekten fehlt das Geld.

Ronny Blaschke macht sehr deutlich, dass man Gewalt im Fußball nicht als isoliertes Problem sehen darf. Aber auch in Deutschland hat es lange gedauert, bis Politik und DFB-Funktionäre erkannten, dass Lösungen in einem gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang erarbeitet werden müssen. Solange jedoch Arbeits- und Perspektivlosigkeit den Alltag vieler junger Menschen bestimmen, werden auch hierzulande die besten Sozialarbeiter und die ausgefeiltesten Konzepte nur die Symptome lindern, nicht aber die Ursachen der Gewalt und des Rassismus im Fußball beseitigen.


Rezensiert von Thomas Jaedicke

Ronny Blaschke: Im Schatten des Spiels - Rassismus und Randale im Fußball
Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2007, 240 Seiten, 16,90 Euro

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